Damit die Paralympics nicht den Bach runtergehen: IPC sperrt russische Behindertensportler

Verband sieht, anders als zuvor das IOC für Olympia, eine Kollektivstrafe als unausweichlich an. Russland ist empört.

IPC-Chef Sir Philip Craven (r.) spricht im März 2014 in Moskau vor russischen Politikern. Im Hintergrund stehend: Präsident Wladimir Putin (Foto: EPA/Alexey Druginyn/Ria Novosti, Kremlin Pool)

IPC-Chef Sir Philip Craven (r.) spricht im März 2014 in Moskau vor russischen Politikern. Im Hintergrund stehend: Präsident Wladimir Putin (Foto: EPA/Alexey Druginyn/Ria Novosti, Kremlin Pool)

Und sie haben es doch getan. Mit aller Härte haben die Entscheidungsträger des Internationalen Paralympics Komitees (IPC) durchgegriffen und alle russischen Behindertensportler für die Sommerspiele in Rio de Janeiro gesperrt. Im Gegensatz zum gnädigen IOC entschloss sich das IPC in der Affäre um vermeintliches Staatsdoping am Sonntag für einen Komplett-Bann der Athleten aus Russland. „Das System in Russland ist korrupt“, lautete das knallharte Urteil von IPC-Chef Philip Craven. Noch am Freitag hatte der ehemalige alpine Skiläufer und 16-malige deutsche Paralympicssieger Gerd Schönfelder befürchtet: „Das wäre mal ein Zeichen, dass man sagt: Wir sehen das anders und wir entscheiden das anders und wir wollen im Behindertensport kein Doping. Aber ich glaube nicht, dass das Paralympische Komitee eine andere Entscheidung fällt als das IOC.“

Gestern sickerte allerdings bereits durch, dass die russischen Behindertensportler bei den Paralympics in Rio nicht teilnehmen werden dürfen (ROLLINGPLANET berichtete). Das IPC hatte noch vor seiner heutigen Verkündung weitere Informationen des kanadischen Juristen Richard McLaren erhalten, der die Untersuchung der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) zum vermeintlichen Staatsdoping leitete. Seine Ermittlungen ließen dem IPC aus dessen Sicht nun keine andere Wahl als die Kollektivstrafe für die Russen bei den Paralympics vom 7. bis 18. September. Russland reagierte mit Empörung auf die Entscheidung und kündigte einen Einspruch vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS an. Die Entscheidung des IPC sei gegen den gesunden Menschenverstand, sagte Sportminister Witali Mutko der Agentur Interfax zufolge in Moskau. Der Schritt sei politisch motiviert und nahezu willkürlich.

Folgenreicher Report

„Der McLaren-Report markierte meiner Ansicht nach und auch der Ansicht des IPC-Vorstands nach einen der dunkelsten Momente des Sports“, sagte Craven. Russland sei „nicht in der Lage, dem Anti-Doping-Code des IPC und dem Anti-Doping der WADA zu entsprechen.“

Im Gegensatz zum IPC hatte das Internationale Olympische Komitee Ende Juli noch auf einen historischen Komplett-Bann verzichtet. Stattdessen nahm das Gremium die internationalen Sommersportverbände in die Pflicht, nach strengen Auflagen über Ausschluss oder Start der Russen zu entscheiden. „Das ist deren Entscheidung“, sagte IOC-Sprecher Mark Adams zum IPC-Beschluss. „Der russische Verband war in die Sotschi-Ereignisse verwickelt, und das wiegt am schwersten.“ Ihn überrasche ein kompletter Ausschluss nicht.

Das Votum des IPC fiel einstimmig. „Die Entscheidung ist nicht gegen einzelne Sportler gerichtet, sondern dagegen, dass der russische Verband seinen Verpflichtungen nicht nachkommen kann“, ergänzte Craven. Zugleich wolle sein Verband die Nachkontrollen aller russischen Proben von Sotschi veranlassen, kündigte der Brite an. „Ihre Gier nach Ruhm unter allen Umständen hat die Integrität und das Image des Sports schwer beschädigt.“

Lob vom DBS

Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) lobte die harte Linie als „unmissverständliche und mutige Entscheidung“: „Die aufgedeckten Dopingpraktiken in Russland stellen im Behindertensport eine neue Dimension dar.“ DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher erklärte: „Es handelt sich um ein wichtiges Signal hin zu einem konsequenten Anti-Doping-Kampf – im Sinne des Fair-Play-Gedankens im Sport ist diese harte Linie der völlig richtige Weg. Im Gegensatz zum IOC hat der Paralympische Sport diese historische Chance wahrgenommen, von der wir uns nachhaltige Auswirkungen auf gerechte Wettkämpfe erhoffen.“

Der McLaren-Report hatte hohe Wellen geschlagen. Dem Dossier zufolge waren im Zusammenhang mit den Winterspielen in Sotschi nicht nur Dopingproben von Olympia-Teilnehmern, sondern auch von Paralympics-Startern manipuliert worden. Das IPC hatte die Namen von 35 Sportlern erhalten, die in Verbindung mit verschwundenen positiven Dopingproben aus dem Moskauer Kontrolllabor stehen sollen. Am Samstag wurden zehn weitere Proben von neun Sportlern vom McLaren-Team vorgelegt.

Desaster für Bach

„Tragischerweise ist die Situation so, dass es sich nicht um Athleten handelt, die ein System betrügen, sondern um ein vom Staat geführtes System, das die Athleten betrügt“, kritisierte Craven.

Bei den Winter-Paralympics 2014 hatte der Gastgeber die Nationenwertung haushoch gewonnen. Mit 30 Gold-, 28 Silber- und 22 Bronzemedaillen heimsten russische Sportler eine bei Winterspielen nie zuvor erreichte Anzahl an Plaketten ein. Rio de Janeiro findet nun ohne Russlands Athleten statt.

Vom Sportgerichtshof zurückgepfiffen, vom Behindertenverband vorgeführt: Damit hat sich die Anti-Doping-Politik in der hochbrisanten Russland-Causa für das Internationale Olympische Komitee und seinen umstrittenen Chef Thomas Bach endgültig zum Desaster entwickelt.

(RP/Martin Moravec, Stefan Tabeling, Martin Kloth/dpa)

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1 Kommentar

  • Sandra Theede

    Was für ein fauler Trick. Oder doch eher ein fauler Kompromiss?

    7. August 2016 at 22:25

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