""

Danke, lieber Fußball-Gott, dass Du uns dieses Endspiel erspart hast!

Herzlichen Glückwunsch, Spanien! Besser kann man nicht spielen. ROLLINGPLANET nennt 15 Dinge, die wir uns neben Tiki-Taki vom alten und neuen Europameister abschauen können.

Hauptstadt Madrid: Plaza Mayor

Danke auch an Mario Balotelli, der uns im Halbfinale zwei Dinger eingeschenkt hat. So ist uns die Final-Blamage gegen Spanien erspart geblieben. (Foto: dpa)

Noch nach dem Halbfinale, das Deutschland gegen Balotelli & Co. verlor, soll es ja nicht wenige gegeben haben, die unverdrossen glaubten, dass wir die Spanier im Endspiel geschlagen hätten. Nichts gegen Dekubitus-Patienten und andere Pflegefälle, aber seit gestern Abend Spanien die Italiener mit 4:0 zerlegte, wissen wir: Obwohl Jogi Löw im Finale völlig überraschend Marcel Schmelzer als Mittelstürmer und Per Mertesacker als Linksaußen aufgestellt hätte, wären wir gegen diese Tiki-Taki-Spanier mit 1:12 (Ehrentreffer: Manuel Neuer) untergegangen.

In Deutschland (81,86 Mio. Einwohner) haben 12,93 Mio. Menschen – das sind 16 Prozent – eine anerkannte Behinderung. In Spanien (Gesamtbevölkerung: 47,2 Mio. Menschen) leben zirka sechs Millionen Behinderte („discapacitado”), das sind rund 13 Prozent. In Deutschland leben 108.469 Spanier (Stand: Januar 2011). Noch bis 1975 war Spanien eine rechte Diktatur unter Francisco Franco. Was sollte man sonst noch über das Königreich wissen?

1. Barça

Der FC Barcelona, 1899 von einem Schweizer (!) gegründet, ist weltweit der Fußballverein mit dem größten sozialen Engagement. 1994 wurde die Stiftung „Fundació FC Barcelona“ ins Leben gerufen, die Sport und Bildung besonders für Kinder in der Dritten Welt und Katalonien fördert.

Jahrelang warb „Barça“ kostenlos auf seinem Trikot für die UNICEF. Beim Vertragsabschluss 2007 spendete man dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen außerdem 1,5 Millionen Euro. Der ehemalige Club-Präsident Joan Laporta sagte: „Wir sind mehr als ein Klub, weil man uns mit Demokratie und der Verteidigung der Menschenrechte verbindet.“

Seit der Saison 2011/12 nimmt der FC Barcelona durch einen Vertrag mit der Qatar Foundation erstmals in seiner Vereinsgeschichte Geld mittels Trikotwerbung ein. Aber auch nur deshalb, weil die zahlende Qatar Foundation eine gemeinnützige Organisation ist, die Bildungsprojekte im Mittleren Osten realisiert.

2. Blindenfußball

Bereits seit den 1960-er Jahren wird in Spanien organisiert Blindenfußball gespielt, das in dieser Hinsicht gemeinsam mit Brasilien Vorreiter ist. Die Deutsche Blindenfußball-Bundesliga gibt es hingegen erst seit 2008.

3. Kinder

In Spanien leben nur zwei Prozent der Kinder mit Behinderung in einem Heim – so wenige wie in keinem anderen europäischen Land. Zum Vergleich: In Schweden sind es zehn Prozent, in Deutschland 5,9 Prozent.

4. ONCE (I)

ONCE-Kiosk in Malaga.

Spaniens Blinde überlassen nichts der Aktion Mensch: Sie haben seit 1983 die Lizenz zum Gelddrucken – eine eigene, im ganzen Land populäre Lotterie: ONCE (Organización Nacional de Ciegos Españoles, auf Deutsch: Nationale Organisation der spanischen Blinden).

Täglich außer samstags findet eine Ziehung statt. Täglich sind rund 22.000 Verkäufer unterwegs, um ONCE-Lose anzubieten. Verteilt über ganz Spanien gibt es zirka 8.200 Kioske und mehr als 400 Verkaufsstände. Dazu kommen weitere Vertriebsstellen in Supermärkten, an Bahn-, Metro- und Busstationen, in Bars und auf öffentlichen Plätzen.

5. ONCE (II)

Weil es so beeindruckend ist, noch mal die Lotterie der Blinden: ONCE ist so erfolgreich, dass die Organisation 1.000 Mitgliedern einen Blindenhund zur Verfügung stellen kann und 113.000 Arbeitsplätze geschaffen hat. Wie viele Jobs für Behinderte hat eigentlich die Aktion Mensch mit ihren bislang geschätzten 113 Millionen Plakaten hingekriegt?

6. Pablo Pineda

Der Spanier Pablo Pineda (er spielte die Hauptrolle in dem Film „Me too – Wer will schon normal sein“) ist Europas erster Akademiker mit Downsyndrom.

7. Kinder mit Downsyndrom

In Spanien gehen 85 Prozent der Kinder mit Downsyndrom in eine reguläre Schule.

8. Mallorca

Wer Action- und Outdoor-Urlaub auf Mallorca, des Deutschen liebste Ferieninsel, verbringen will, ist gut aufgehoben bei der Stiftung Fundación Handisport (Webseite: handisportmallorca.org). Sie organisiert für Menschen mit Behinderung individuelle Reisen, die begeistern, wie der querschnittgelähmte Rollstuhlfahrer Haakon Nogge schwärmt: Mallorca ohne Handicap.

Gestern stellte ROLLINGPLANET übrigens eine Last-Minute-Urlaubsidee für behinderte Kinder und deren Eltern vor: Sommerferien: Mit dem Rollstuhl nach Mallorca

9. PhotoEspaña

Wer sich jetzt noch beeilt, kann in Madrid eine außergewöhnliche Ausstellung sehen: Im Rahmen der PhotoEspaña – eines der weltweit wichtigsten Festivals der Fotografie und bildenden Kunst – stellen junge Menschen mit Downsyndrom noch bis zum 31. Juli ihre Arbeiten des Projektes „Mírame“ (Schauen) vor.

10. Der Sport-Skandal

Historische Zeichnung: Philipp II. von Spanien, 1595

Die Spanier sorgten für einen der größten Skandale in der Paralympics-Geschichte: Die geistig behinderten Basketballer waren bei den Paralympics 2000 in Syndney überragend. Aber sie waren zu Tricki-Taki: Zehn der zwölf Spieler hatten ihre Behinderung nur vorgetäuscht, wie sich anschließend herausstellte – die Spanier mussten ihr Gold zurückgeben. (Nun gut, das müssen wir uns nicht vom Europameister abschauen.)

11. Der Herrscher-Rollstuhl

Ein spanischer Herrscher war einer der ersten Politiker, der einen Rollstuhl besaß: König Philipp II. von Spanien ließ sich, so lassen es alte Dokumente vermuten, 1595 ein solches Gefährt mit verstellbarer Rücken- und Fußstütze bauen. Erst viel später wurde das erste Patent für einen Rollstuhl erteilt: 1869 in den USA.

12. Unterricht für Gehörlose

Die europaweit ersten Berichte über Gehörlosen-Lehrer und den Unterricht von gehörlosen Schülern stammen aus Spanien im 16. Jahrhundert.

13. Francisco de Goya

Der spanische Maler und Grafiker Francisco de Goya (30.3.1746–16.4.1828), der unter anderem mit seinen religiösen Fresken berühmt wurde, war seit einem Schlaganfall 1792 taub.

Francisco de Goya: Selbstbildnis von 1815, da war er 69 Jahre alt und schon seit vielen Jahren taub.

Goya: Die nackte Maja, um 1800–03, Museo del Prado, Madrid

14. Gennet Corcuera

Eine der bekanntesten Behinderten Spaniens ist die 31-jährige Gennet Corcuera, die, obwohl sie taubblind ist, studiert. Sie wurde in Äthiopien geboren und als Waisenkind von Nonnen nach Madrid gebracht, wo sie aufwuchs.

15. Inklusion

Spanien gilt im europäischen Vergleich als eines der Positivbeispiele für inklusive Schule: Bereits Mitte der 1980er Jahre wurde die Integration im Schulsystem gefördert. Erstaunlich: Die Mehrzahl der hier eingesetzten Lehrer hat keine sonderpädagogische Zusatzausbildung. Allerdings beklagen auch hier laut einer Studie aus dem Jahr 2009 viele Lehrer, dass sie aufgrund mangelnder Ausbildung überfordert sind

Die Inklusionsstudie (2012) der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Schluss: „Während in Spanien, Italien und den skandinavischen Ländern fast alle Schüler mit Förderbedarf in allgemeinen Schulen beschult werden und es in Großbritannien über 60 Prozent sind, sind es in Deutschland im Bundesdurchschnitt nur 15 Prozent.“

Fotos: Madrid: Sebastian Dubiel. Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland lizenziert. – ONCE, König und Goya: gemeinfrei.

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

6 Kommentare

  • Hallo

    Da kann ich nur zustimmen. Man muss sich mal nur die taktischen Fehler anschauen die sich unsere Mannschaft schon gegen die Italiener geleistet hat, auch wenn ich das Gelabere dass Mats Hummels zum Sündenbock gestempelt wurde im Spiel gegen Itlien ungerecht finde. Pirlo erhält vor dem 1:0 den Ball und unsere Spieler lassen ihn viel zu viel Zeit! Boateng hat die rechte Seite nicht zugemacht, Ösil attackiert nicht, wobei die Frage ist, ob an der mittellinie nicht Gomez zuständig gewesen wäre zu attackieren, oder wo war Kroos, der doch angeblich für Pirlo zuständig sein sollte? Wenn gleich so viele Spieler versagen, wie hätte das nur gegen Spanien ausgesehen?

    2. Juli 2012 at 07:27
  • Hesse

    Wenn man nicht auf ARBEIT angewiesen ist wäre Spanien sogar eine schöne Alternative zum Leben!

    2. Juli 2012 at 08:49
  • Jana

    Das ist auch interessant:Spanien – Gehörloser macht seit Jahren bei Stierhatz in Pamplona mit
    http://www.deaf-bw.de/allgemein/spanien-gehorloser-macht-seit-jahren-bei-stierhatz-in-pamplona-mit-13030/

    2. Juli 2012 at 11:32
  • Weißwurst

    Donnerhotzenplotz! Sammer wird neuer Sportchef bei Bayern München!

    2. Juli 2012 at 13:31
    • Michi

      Jetzt ist auch klar warum Mehmet Scholl bei seinen EM-Kommentaren immer den Sammer gelobt hat.

      2. Juli 2012 at 13:43
  • Jupp

    Ein Motzki für die Bayern, das passt

    2. Juli 2012 at 17:35

KOMMENTAR SCHREIBEN