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Darf ein blinder Mann einer Polizistin auf den Hintern starren?

Ja, aber nur wenn er nicht blind ist. Baden-Württemberg lässt den schwerbehinderten S21-Kritiker Dietrich Wagner überwachen.

Durch dieses Foto mit den blutenden Augen wurde der Stuttgarter Dietrich Wagner ungewollt berühmt (Foto: dpa)

Durch dieses Foto mit den blutenden Augen wurde der Stuttgarter Dietrich Wagner ungewollt berühmt (Foto: dpa)

Er ist einer der bekanntesten Kritiker des neuen Stuttgarter Bahnhofs S21: Der 68-jährige Ingenieur Dietrich Wagner gehörte zu den 100 Verletzten, die am sogenannten Schwarzen Donnerstag heute vor drei Jahren (30. September 2010) gegen die Baupläne protestierten – und der bei einem Wasserwerfer-Einsatz der Polizei sein Augenlicht verlor.

Auf Wikipedia sind die Ereignisse wie folgt beschrieben:

Bei der Räumung des Schlossgartens zum Baumfällen wurde Wagner vom Strahl eines Wasserwerfers der Polizei im Gesicht getroffen. Die Zeitschrift Stern schilderte Wagners Darstellung, dieser habe „versucht, Jugendlichen zu helfen, die vom Strahl des Wasserwerfers weggefegt worden waren. Deshalb habe er die Arme hochgerissen und den Polizisten gewunken, um ihnen zu bedeuten, sie sollten aufhören. Dann traf ihn selbst der Wasserstrahl direkt ins Gesicht.“ Die Stuttgarter Polizei warf Wagner eine Mitschuld vor, da er sich „nicht weggeduckt“ habe. Nach den Angaben Wagners stand der Wasserwerfer etwa 13 m entfernt von ihm.

Polizeipräsident Siegfried Stumpf führt an: „Wir haben den Mann hinter den Barrikaden immer wieder beiseite genommen, doch er ist immer wieder zurückgelaufen. Er selbst hat sich direkt in den Strahl gestellt.“

Ein von der Polizei am 30. September aufgenommenes und von Sat.1 am 6. Oktober 2010 ausgestrahltes Video zeigte, wie er einen nicht genau zu erkennenden Gegenstand wirft. Auch das Ziel ist nicht zu erkennen.

Wagner räumte daraufhin ein, „zwei oder drei Kastanien“ geworfen zu haben, und sprach von einem „symbolischen Akt“: „Da wurden hunderte von Kastanien geschmissen, aber ohne jeglichen Effekt, weil die Polizisten mit dicken Uniformen, Helmen und Visieren ausgerüstet waren.“ Wagner betonte, es sei in deutlichem zeitlichem Abstand zur Verletzung durch den Wasserwerfer geschehen. Er habe die Polizei also nicht provoziert.

Beide Augen zerstört

Im Katharinenhospital Stuttgart stellte Chefarzt Egon Georg Weidle bei Wagner beidseitig schwere Prellungsverletzungen, zerrissene Augenlider, Augenbodenbruch, eine eingerissene Netzhaut und zerstörte Linsen fest. Das linke Auge bleibt völlig zerstört und nimmt nur noch am linken Rand einen Lichtschein wahr. Die Sehkraft des anderen Auges beträgt acht Prozent und wird nicht mehr zum Lesen oder Autofahren reichen, bestätigte der Professor.

Ist Wagner in Wirklichkeit ein Simulant und längst nicht so blind, wie er vorgibt? Dieser ungeheuerliche Vorwurf ist einem internen, zwölfseitigen Dossier der Polizei zu entnehmen, wie die Wochenzeitung „Kontext“ recherchierte. „Kontext“ erscheint als Beilage der Wochenendausgabe der taz (Sonntaz). Die Behörden bestätigten auf Anfrage die Existenz der Akte.

„Auf den Hintern gestarrt“

Ihr zufolge soll Wagner dabei beobachtet worden sein, wie er nach dem 30. September 2010 mit einem roten Dacia auf seinem Gartengrundstück fuhr. Auch beim „Lesen ohne Brille“, beim Radeln und „Rennen im Straßenverkehr“ habe man ihn gesehen. Außerdem hätten Beamte bemerkt, wie Wagner einer Polizistin „auf den Hintern“ gestarrt habe.

Wagner hatte wegen seiner Augenverletzung den Führerschein abgeben müssen. „Kontext“ schreibt dazu: „Stefan Keilbach, Sprecher der Stuttgarter Polizei, sagt auf Anfrage, Wagner würde, wie jeder andere auch, der mal den Führerschein verloren hat, beobachtet. Das sei ganz normal. Wie bitte? Die Polizei observiert Verkehrssünder?“

Traumhaft, wäre er doch nicht ganz so blind

Projektskizze für Stuttgart 21 (Foto: tunnelling-consultant.de)

Projektskizze für Stuttgart 21 (Foto: tunnelling-consultant.de)

Weiter kommentiert „Kontext“: „Merkwürdigerweise gibt es da aber ein Dossier der Polizei, datiert vom 1. Juni 2013, Dezernat 3.5., in dem der Frage nachgegangen wird, ob Wagner wohl tatsächlich so blind sei, wie er vorgibt, oder vielleicht doch nicht ganz so. Wäre ja zu schön: Die Berühmtheit der ehemaligen Protestikone durch den Beweis einer wie auch immer gearteten Sehstärke zu unterminieren?

Und was wäre mit dem Urteil gegen den Wasserwerfer-Schützen, wenn der den Wagner doch nur ein bisschen blind und nicht fast ganz in die Schwärze geschossen hätte? Wenn der Wagner und all seine Gutachter, Ärzte und Spezialisten doch gelogen hätten, was seine Sehfähigkeit angeht? Traumhaft!“

Überwachung statt Entschuldigung

Alfred Müller-Kattenstroth, der bei gemeinsamen Fahrradausfahrten mit Dietrich Wagner vorne auf dem Tandem sitzt, ist empört. Er schrieb Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne):

„Dass es derart unartige Überwachungsmethoden und Verdrehungen der Wirklichkeit gibt, erinnert mich an Zustände, wie ich es in der DDR erlebte. Dass solche falsche denunzierende ,Ermittlungen‘ ausgerechnet gegen Dietrich Wagner (…) in der Verantwortung Ihres Innenministers geführt werden, ist eine Blamage erster Güte und eigentlich ein Fall für Amnesty International. Wer wird sich je für die Verletzung und Verunglimpfung bei Dietrich Wagner entschuldigen? Wäre das nicht angesichts des 3. Jahrestages vor dem 30.09. öffentlich angebracht?

Am kommenden Freitag fahre ich wieder wie jede Woche mit Dietrich Wagner Tandem. Ich bestätige Ihnen hiermit ausdrücklich, dass er so stark sehbehindert ist, dass er nie nie mehr alleine Fahrrad fahren kann. Übrigens auch nicht Auto in seinem kleinen Gartengrundstück, da passt überhaupt kein Auto rein.“

Zum Bericht von „Kontext“

(RP)

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1 Kommentar

  • Werner Müller

    totalüberwachung ?polizeistaat?

    1. Oktober 2013 at 07:12

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