Das Comeback des Holger Nikelis

Rio de Janeiro ist das Ziel: Zweifacher Paralympicssieger kehrt nach langer Verletzungspause ins Wettkampfgeschehen zurück. Von Barbara Wagner

Holger Nikelis holte bei den Paralympics 2012 in London Gold (Foto: Sport Grenzenlos)

Holger Nikelis holte bei den Paralympics 2012 in London Gold (Foto: Sport Grenzenlos)

Der zweifache Paralympicssieger im Rollstuhl-Tischtennis, Holger Nikelis, kehrt nach fast achtmonatiger Verletzungspause ins Wettkampfgeschehen zurück: Der Künzeller startet bei den am Donnerstag beginnenden internationalen Czech Open in Ostrava (24.-26. September 2015) im Einzelwettbewerb:

„Ich freue mich sehr, wieder zum Schläger greifen zu dürfen und endlich mein großes Ziel, die Paralympics 2016 in Rio de Janeiro in Angriff nehmen zu können. Mir hat in der Tischtennis freien Zeit wirklich etwas gefehlt.“

Ausgerechnet zu Beginn des so wichtigen, vor-paralympischen Jahres hatte sich der 37-Jährige eine langwierige Verletzung zugezogen: einen durch eine Haarwurzel-Entzündung entstandenen Abzess im Sitzbereich, der im Januar nach Begutachtung in der Notaufnahme operativ entfernt werden musste. Da die im Durchmesser drei Zentimeter große und eineinhalb Zentimeter tiefe Wunde zunächst zuheilen musste, hatte Nikelis im Anschluss an seinen fünftägigen Krankenhausaufenthalt noch rund acht weitere Wochen im Krankenbett verbringen müssen.

Grünes Licht vom Mannschaftsarzt der Nation

In London gab es außerdem Silber mit dem Team (Foto: Sport Grenzenlos)

In London gab es außerdem Silber mit dem Team (Foto: Sport Grenzenlos)

An Sport indes war auch danach noch nicht zu denken. „Ich konnte im Rollstuhl nur spezielle Sitzkissen verwenden. Ein erster Versuch, nach Rücksprache mit meiner behandelnden Ärztin beim Rheinsberg Cup im März wieder mit dem Tischtennis spielen zu beginnen, hat sich als Trugschluss erwiesen. Die schnellen Bewegungen haben zu viel Druck und Reibung auf die Wunde erzeugt. So musste ich erneut pausieren, um einen erfolgreichen Heilungsverlauf nicht zu gefährden“, erzählt Nikelis.

Bundestrainer Volker Ziegler (Foto: privat)

Bundestrainer Volker Ziegler (Foto: privat)

Erst in der vergangenen Woche dann gab der Teamarzt der Behinderten-Tischtennis-Nationalmannschaft, Dr. Antonius Kass endgültig „grünes Licht“ für das Comeback des zweifachen Weltmeisters. Mit Kass wie auch mit Bundestrainer Volker Ziegler hatte sich Nikelis in den vergangenen Monaten in ständigem Austausch befunden. „Die Verletzung war keine Kleinigkeit. Es hat viel Wundpflege und besondere Aufmerksamkeit gefordert, um den Heilungsprozess voranzutreiben. Die Hautdecke ist jetzt aber soweit geschlossen, dass Holgers Körper sportlich wieder belastbar ist“, sagt Dr. Antonius Kass.

Erste Trainingseinheit mit Heimtrainer Michael Meißner

Und so begab sich Holger Nikelis noch am Freitag für eine erste lockere Trainingseinheit auf den Weg zu seinem Heimtrainer Michael Meißner nach Köln. „Dafür, dass ich beinahe das ganze Jahr nicht gespielt habe, lief es schon recht gut“, sagt Nikelis. Ziel sei es jetzt, über regelmäßige Trainingseinheiten wieder einen Rhythmus zu finden.

„Man merkt Holger die lange Pause schon an, bei manchen Schlägen hält er sich noch deutlich zurück. Das alte Feuer brennt aber immer noch in ihm: Spielfreude und Motivation sind deutlich anzusehen. Jetzt geht es an die langfristige Trainings- und Wettkampfplanung Richtung Rio“,

sagt Michael Meißner.

In Tschechien will Nikelis zunächst erste Wettkampferfahrungen sammeln. Der Start in Ostrava hat jedoch noch einen anderen Hintergrund: Weil Nikelis fast ein Jahr lang kein internationales Turnier gespielt hat, drohen bei Nicht-Teilnahme in Tschechien der Verlust wertvoller Weltranglistenpunkte und sogar die Streichung aus der Weltrangliste. Dort wird der gebürtige Kölner trotz der langen Pause derzeit noch auf Rang zwei geführt. „Um meine Qualifikation für die Paralympics in Rio de Janeiro nicht zu gefährden, hat mich der Bundestrainer deshalb trotz des Trainingsrückstandes für Tschechien nachgemeldet“, erklärt Nikelis.

Weitere Turniere in Belgien und Costa Rica

Stichtag für die Qualifikation zu den Paralympics 2016 in Rio im Tischtennis-Wettbewerb ist der 1. Januar 2016. Neben den fünf kontinentalen Meistern, die für Europa vom 11. bis 18. Oktober im dänischen Vejle ermittelt werden, sind die zu diesem Zeitpunkt sechs bestplatzierten Spieler der Weltrangliste jeder Wettkampfklasse für die Paralympics qualifiziert. Darüber hinaus erhält ein Spieler eine Wildcard, um das zwölfköpfige Teilnehmerfeld zu komplettieren.

Da Nikelis’ Start bei der EM noch fraglich ist, muss er sich über die Weltranglistenplatzierung qualifizieren. Deshalb peilt der Künzeller nach den Czech Open noch Teilnahmen bei internationalen Turnieren in Belgien (November) und Costa Rica (Dezember) an. „Ich muss innerhalb dieses Jahres die Teilnahme an einem Turnier außerhalb Europas vorweisen. Und da bietet sich bis Ende des Jahres nur noch Costa Rica an“, sagt er.

Volles Programm also bis zum Jahreswechsel für den viermaligen Europameister, der in der Vergangenheit stets am Ende des Jahres sein Wettkampf- und Trainingspensum heruntergefahren hatte. „Aufgrund der Verletzung und mit dem Ziel, mich für die Paralympics zu qualifizieren, mache ich jetzt halt mal alles anders“, sagt Nikelis lachend.

Optimales Trainingsumfeld in Fulda aufbauen

Ein erster Schritt sind jetzt erst einmal die Czech Open, zu denen er bereits am Mittwoch anreist. Ambitionen habe er in Ostrava indes keine, betont er. „Das Teilnehmerfeld ist mit Top-Ten-Spielern bestückt, die voll im Training stehen und sich in der Vorbereitung auf die Kontinentalmeisterschaften befinden. Für mich wird es darum gehen, vorsichtig wieder anzufangen, hoffentlich erste kleine Erfolgserlebnisse zu feiern und den Anschluss an die Weltspitze wiederzufinden“, sagt Nikelis.

Danach heißt es, weiter hart zu trainieren. Unmittelbar nach der Rückkehr aus Tschechien bietet sich für Holger Nikelis bereits die nächste Gelegenheit dazu – beim für ihn ersten Lehrgang in diesem Jahr mit der Nationalmannschaft in Bad Blankenburg (28.9.-4.10.).

Die Paralympics 2016 im Blick: Holger Nikelis (Foto: Sport Grenzenlos)

Die Paralympics 2016 im Blick: Holger Nikelis (Foto: Sport Grenzenlos)

In seiner neuen Wahlheimat Künzell ist der Rollstuhl-Tischtennisspieler zudem dabei, sich ein für ihn optimales Trainingsumfeld aufzubauen. Die TTG Magretenhaun-Künzell, die bereits zwei Nachwuchs-Behindertensportler in ihren Spielbetrieb integriert haben, bietet sich dabei als möglicher Trainingsort an. Auch gab es bereits Gespräche mit dem Tischtennis-Bundesligisten TTC Rhönsprudel Fulda-Maberzell über eine Kooperation. „Der Weg bis nach Rio ist nicht mehr weit. Deshalb ist es wichtig, schnellstmöglich optimale Voraussetzungen zu schaffen, die dafür sorgen, dass ich mich bestmöglich auf die anstehenden Ziele vorbereiten kann“, sagt der Rollstuhl-Tischtennisspieler.

Allmählich nimmt das Projekt „Paralympics 2016“ also auch für Holger Nikelis konkrete Formen an.

(RP/PM)

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