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Das echte Leiden einer echten Rollstuhlfahrerin

Angelika Mincke wird bereits um 8 Uhr morgens gequält. Hier verrät sie, warum.

Unsere Autorin Angelika Mincke

Unsere Autorin Angelika Mincke

Täglich wird in den Medien über das Leiden von Menschen mit Behinderung berichtet. Ich würde heute gerne mal einen Versuch starten, das „wahre Leiden“ zumindesten von mir als Mensch mit Behinderung zu erläutern.

Wie viele andere Menschen hatte auch ich ein Leben ohne Behinderung. Zurzeit habe ich gerade 27 Jahre ohne Behinderung und 28 Jahre mit Behinderung hinter mir.

Mein Leben sehe ich allerdings nicht geteilt, sondern im Ganzen. Bevor ich zu den echten Leiden komme, möchte ich in Kurzform etwas über mein Leben erzählen.

Höhen und Tiefen

Es ist ein gelebtes Leben: mit Höhen, mit Tiefen, mit Liebe, Leid und Schmerz, Verrückt sein, allein sein mit vielen sein, glücklich aber auch traurig sein, mit Sexualität, Party machen, mit und ohne Drogen, das Leben und die Welt erforschen, mich ausprobieren, meine Grenzen testen, neugierig auf Menschen sein, Leben mit vielen Fragen, Antworten suchen, kritisch sein, ehrlich sein, lieb, zickig, wütend sein.

Das ist mein Leben in den bisherigen 55 Jahren. Unabhängig von meinem Leben mit oder ohne Behinderung.

Das Leiden hat begonnen

Jetzt mit 55 Jahren: ein wenig ruhiger, weniger Sex, keine Drogen, alles ein wenig bedächtiger – aber mit dem Gefühl des Leidens.

Mein Leiden heißt INKLUSION. Seit dieser Begriff zu unseren alltäglichen Medienberichten gehört – leide ich täglich mindestens dreimal am Tag.

Genauer gesagt, immer wenn ich meine Google Alerts (Nachrichtensuche nach bestimmten Begriffen) anschaue.

Alles wird als Inklusion verkauft

Das echte Leiden einer echten Rollstuhlfahrerin beginnt jeden Morgen so gegen 8.00 Uhr, wenn ich die erste Nachricht zum Thema INKLUSION öffne. Es schlägt mir eine Welle von Barmherzigkeit und Mildtätigkeit entgegen, was schon fast körperliche Schmerzen verursacht.

Da wird uns ein Tag der offenen Tür in einer Behindertenwerkstatt als Inklusion verkauft.

Ein nettes Bespaßen von Kindern mit Behinderung, Kinder mit Behinderung können an einer Sportveranstaltung teilnehmen, Tanzparty, Zoobesuche, basteln, singen, Marathonlauf teilnehmen, alles extra nur für Menschen mit Behinderung, all das ist Inklusion.

Spätestens jetzt hat mein großes Leiden begonnen.

Was hat das mit einen selbstverständlichen Umgang mit Menschen mit Behinderung zu tun? GAR NICHTS.

Das Leben vor und nach der Inklusion

Für mich haben diese Art der Nachrichten oder Veranstaltungen aber auch so gar nichts mit INKLUSION zu tun. Die Meldungen spiegeln einzig eine eklige und falsche Art von Barmherzigkeit, Mildtätigkeit wieder, die mit einen selbstverständlichen Miteinander nichts zu tun haben.

Dank dieser regelmäßigen Meldungen fühle ich mich als Mensch mit Behinderung neuerdings auch nicht mehr als Mensch erster Klasse.

Vor der Inklusion hatte ich ein Leben. Jetzt habe ich ein Leiden – und das heißt INKLUSION.

(Die Autorin ist Vorsitzende der Aids und Behinderten Selbsthilfe Giesensdorf in Schleswig-Holstein.)

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