""

Das findet Hirschhausen nicht lustig: Masernpartys sind „vorsätzliche Körperverletzung“

Warum sind viele Eltern so nachlässig? Nur jedes dritte Kleinkind rechtzeitig geimpft.

 Eckart von Hirschhausen (Foto: dpa)

Eckart von Hirschhausen (Foto: dpa)

Dieses Mal ist ihm das Lachen vergangen. Der Arzt und Komiker Eckart von Hirschhausen hat sich für eine Impfpflicht bei Kindern zumindest in Kitas oder Schulen ausgesprochen.

„So wie es beim Sicherheitsgurt selbstverständlich ist, eine Schutzmaßnahme verbindlich zu machen, wenn die Folgekosten die Solidargemeinschaft trägt, so macht Impfen für alle bei Masern sehr viel Sinn“, schreibt er auf taz.de.

Wer sich aus der kollektiven Verantwortung stehle, müsse aus Gemeinschaftseinrichtungen ausgeschlossen werden. Sogenannte Masernpartys, bei denen nicht geimpfte Kinder mit masernkranken Kindern bewusst zusammengeführt werden, seien nicht die Antwort – sondern „vorsätzliche Körperverletzung“.

Nur jedes dritte Kleinkind geimpft

Nur etwa jedes dritte Kleinkind in Deutschland wird einer aktuellen Studie zufolge zur rechten Zeit und ausreichend gegen Masern geimpft. Das haben Wissenschaftler vom Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigungen berechnet.

37 Prozent der Kinder erhalten demnach vor ihrem zweiten Geburtstag die zwei Impfungen in den Monaten, die von der Ständigen Impfkommission empfohlen werden. Am schlechtesten seien die Impfquoten in Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und Bremen.

Wann sollte die Impfung erfolgen?

Die Ständige Impfkommission empfiehlt den Forschern zufolge, dass die erste Impfung vom 9. bis 14. Lebensmonat erfolgt, die zweite vom 15. bis 23. Monat.

Viele Kinder werden jedoch nicht im richtigen Zeitfenster geimpft. Rechne man die Kinder hinzu, die die Spritzen zwar bis zum zweiten Geburtstag, aber außerhalb der genannten Monate erhielten, dann seien im Bundesdurchschnitt insgesamt rund 60 Prozent der Zweijährigen zweimal geimpft.

So erklären es die Eltern

Die Begründungen von Eltern, warum sie ihre Kinder nicht doppelt gegen Masern impfen lassen, sind laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov unterschiedlich: „Gilt für mich als Kinderkrankheit, die man durchmachen kann und muss“, lautete eine Erklärung.

Die Meinungsforscher befragten vom 12. bis 15. Juli insgesamt 1051 Bürger ab 18 Jahren. Unter anderem fragten sie auch Eltern, die ihre Kinder nicht vor dem zweiten Geburtstag doppelt impfen lassen, nach deren Begründungen dafür. Früher sei die Doppel-Impfung unüblich gewesen, antworteten einige der Befragten. Kinderärzte hätten das nicht empfohlen oder sogar abgeraten. Andere gaben allerdings an, „Impfgegner“ zu sein und Impfungen für einen „der zahlreichen Irrglauben unserer Wissenschaft“ zu halten.

Eine der ansteckendsten Krankheiten überhaupt

Forscher warnen jedoch davor, die Impfungen auszulassen. Masern gelten als eine der ansteckendsten Krankheiten überhaupt. Schwere Komplikationen sind selten, aber es gibt sie. Im Juni starb ein 14-Jähriger an den Spätfolgen einer Infektion. Er hatte sich als Säugling in einem Wartezimmer mit Masern angesteckt, weil ein nicht-geimpftes Kleinkind die Krankheit weitertrug. Auch ein als Säugling angestecktes Mädchen starb Jahre später durch diese Wartezimmer-Infektion.

Die Forscher vom Versorgungsatlas haben in ihrer Erhebung die Daten von mehr als 550.000 Kindern ausgewertet, die im Jahr 2008 geboren wurden. Das sind 81 Prozent des gesamten Jahrgangs.

Fatale Folgen etwa in Kitas

„Impflücken bei Kleinkindern können beispielsweise in Kindertagesstätten fatale Folgen haben, wenn die Infektion bei einem lokalen Masern-Ausbruch eingeschleppt wird“, warnte die Leiterin der Forschergruppe des Versorgungsatlas, Sandra Mangiapane, in einer Mitteilung. Bei drei bis fünf Prozent der Kinder schlage die erste Impfung nicht an.

„Bezogen auf die Studienpopulation bedeutet dies, dass zwischen 14.000 und 23.000 Kinder, die eine Erstimpfung bekommen haben, bis zur Zweitimpfung nicht geschützt sind, obwohl die Eltern das denken“, sagte die Studienautorin Maike Schulz. Die Ständige Impfkommission empfiehlt aus diesen Gründen eine zweifache Impfung.

Impfquote in Deutschland zu niedrig

Die jüngsten Masern-Ausbrüche zeigen nach Angaben der Forschergruppe, dass die Impfquoten in Deutschland zu niedrig liegen und der Impfschutz in vielen Regionen sehr löchrig ist. In Erftstadt bei Köln musste vor kurzem eine Waldorfschule geschlossen bleiben, nachdem dort mehr als zehn Schüler an Masern erkrankt waren. Nur ein Viertel der Schüler konnte einen Impfschutz nachweisen.

Allein im ersten Halbjahr 2013 wurden dem Berliner Robert Koch-Institut (RKI) mehr als 1070 Fälle gemeldet, der Großteil davon in Bayern (478) und Berlin (400). Laut einer aktuellen Schätzung des RKI waren in diesem Jahr zum Stichtag am 14. Juli bereits 1207 Menschen an den Masern erkrankt. Das Bundesgesundheitsministerium prüft derzeit, wie die Ausbreitung der Masern verringert werden kann.

Mehrheit für eine Impfpflicht

Nach den Ergebnissen der repräsentativen online durchgeführten YouGov-Umfrage im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa ist eine deutliche Mehrheit von 76 Prozent der Befragten für eine deutschlandweite Impfpflicht gegen bestimmte Krankheiten.

Ärztevertreter und Politiker hatten zuletzt verpflichtende Schutzimpfungen ins Gespräch gebracht, darunter zwischenzeitlich auch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP). Zudem erwägt das Gesundheitsministerium, nicht-geimpfte Schüler bei einem Masern-Ausbruch in ihrer Schule künftig auf Zeit vom Unterricht auszuschließen. Bisher geht das nur bei bereits erkrankten Kindern.

(dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

2 Kommentare

  • Karin Ritsche

    Man muss nich doppelt Impfen, wir haben einmal gegen Masern geimpft und dann einen Tetatest gemacht, dieser ergab einen ausreichenden Impfschutz.

    20. Juli 2013 at 15:37
  • Gertrud Jassmeier

    Man sollte sich richtig informieren, bevor man sich für eine Impfpflicht ausspricht. Mein Kind ist bewusst NOCH NICHT geimpft. Wenn sie die Möglichkeit bekommt, die Maseren vor dem 10. Lebensjahr zu bekommen, fänd ich das gut, denn so hat sie die Chance auf: Entwicklung, gewisse Krebserkrankungen nicht zu bekommen, sollte sie später selber mal Stillen, einen Nestschutz weiterzugeben. Erst wenn sie mit dem 10. Lebensjahr noch nicht die Masern hatte, werde ich sie impfen lassen. Aber auf keine Fall vorher. Gebt den Kindern eine Chance Krankheit durchzumachen, damit sie die Möglichkeit haben ihren Körper und sich selber entwickeln zu können.

    21. Juli 2013 at 17:31

KOMMENTAR SCHREIBEN