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Das Interview: Klaus Maria Brandauer und Martina Gedeck über Alzheimer und Liebe

Die beiden Schauspiel-Stars Klaus Maria Brandauer und Martina Gedeck spielen die Hauptrolle in dem Liebesdrama „Die Auslöschung“.

Martina Gedeck und Klaus Maria Brandauer in dem ARD-Drama "Ausgelöscht" (Foto: (Foto: SWR/Petro Domenigg)

Martina Gedeck und Klaus Maria Brandauer in dem ARD-Drama „Ausgelöscht“ (Foto: (Foto: SWR/Petro Domenigg)

Seit 30 Jahren kennen sie einander, doch gemeinsam gearbeitet haben Klaus Maria Brandauer (69) und Martina Gedeck (51) erst jetzt. In Nikolaus Leytners Liebesdrama „Die Auslöschung“ (Mittwoch, 8.5.2013, 20.15 Uhr, ARD) spielen beide ein Paar, dessen Beziehung durch eine Alzheimer-Erkrankung auf die Probe gestellt wird (siehe auch ROLLINGPLANET-Bericht „Die Auslöschung“: Die Liebe in den Zeiten von Alzheimer.)

Beim Interview bilden Burgtheater-Star Brandauer und die preisgekrönte Film- und Fernsehschauspielerin Gedeck ein sehr unterschiedliches Paar: Mit ausholenden Gesten doziert er über Leben und Tod, während sie leise und vorsichtig-persönlich bleibt.

„Das Leben wird zu wenig geschätzt“

Frau Gedeck, Herr Brandauer, hatten Sie privat je Kontakt mit dem Thema Alzheimer? Und wie haben Sie sich auf diese Arbeit vorbereitet?

Gedeck: Direkt habe ich damit bisher nichts zu tun gehabt. Aber ich komme ja vom Land, wo die älteren Leute immer integriert waren in die Familie. Man sah sie dann plötzlich vorm Haus sitzen und reden und nicht mehr viel tun. Es gehörte mit dazu, dass die Oma oder der Opa langsam vergesslich wurden – so kenne ich es noch.

Heute würde man bei einigen von ihnen vielleicht Alzheimer diagnostizieren, doch damals tat man das nicht. Da hat man nicht drüber geredet. Ich habe auch erfahren, dass Menschen sich verändert haben, doch dass ihr Kern derselbe blieb. Vielleicht fürchten wir uns auch zuviel davor – ich weiß es nicht.

Brandauer: Für mich ist es unglaublich schön gewesen, diese Arbeit zu machen, weil ich mir das Umfeld angeschaut habe. Das ist doch das Entscheidende – wie reagieren die Menschen auf Krankheit und Tod? Da liegt einiges im Argen. Wir wollen damit nichts zu tun haben, tun so, als würden wir ewig leben und blieben immer gesund – obwohl wir es im Grunde seit Jahrtausenden besser wissen.

Ich glaube, dass das Leben zu wenig geschätzt wird. Manchmal gehöre ich auch zu denen. Dann muss ich mir einen Tritt geben und sagen: ,Also hör‘ mal, du lebst – was du alles erleben kannst. Und dich an den Dingen freuen kannst.‘ Und zum Leben gehören nun mal Krankheit und Tod. Ich bin dafür, dass Menschen krank werden dürfen. Warum vertuschen, dass die Oma vergesslich wird?

Das Leben bleibt für die demente Figur Ernst lebenswert, weil er seiner Frau und seinen Kindern eng verbunden bleibt. Ist das nicht letztlich eine positive Botschaft des Films?

Brandauer: Eine fantastische Liebesgeschichte! Großartig! Mich hat eben nicht vor allem das Drehbuch gereizt, sondern das Thema. Und mein Thema war, wie gesagt, wie reagieren wir auf Alzheimer. Wir müssen unser Leben leben in jedem Zusammenhang – so bejahend wie möglich.

Da brauchen Sie eine Familie, mit der man leben kann – ich meine hier Filmsohn und -tochter. Am schönsten an den Dreharbeiten war immer, dass in allen Phasen des Zusammenseins etwas darüber war wie – ich sag’s ja ungern – Liebe. Wenn man weiß, was das heißt.

Ihr Film zeigt eine aufopferungsvolle Liebe bis in den Tod. Ist das heute nicht fast eine Provokation – verstehen wir unter Liebe nicht häufig etwas viel Oberflächlicheres?

Brandauer (spielerisch empört): Das lasse ich im Namen von sieben Milliarden Menschen nicht gelten!

Gedeck: Ich weiß es nicht. Beim Spielen habe ich das Gefühl gehabt, dass diese Liebe da ist. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie nicht erwidert wird – im Gegenteil. Ich möchte diese Liebe auch nicht in eine Schublade stecken und sagen, dass sie ein Opfer ist. Die Liebe zwischen den beiden ist da, sie bleibt und sie ist intensiv empfunden.

Brandauer: „Es ist was es ist, sagt die Liebe“, schrieb Erich Fried. Und hier soll alles ganz stark sein. Schon im Moment des Kennenlernens – einander nichts vormachen. Es handelt sich um einen ungewöhnlichen Fall in jeder Hinsicht. In unserer Geschichte ist aus der Zweisamkeit „no way out“. Das müssen dann die Menschen, die den Film sehen, mit sich selbst ausmachen, wie das gegangen ist.

Dazu brauchen sie keine Anleitung. Das Leben ist nicht eine Bringschuld – wir müssen es uns holen. „Es ist was es ist, sagt die Liebe“, habe ich nur deshalb gesagt, weil man sie nicht besprechen kann. Das ist doch das Großartige.

Herr Brandauer, „Die Auslöschung“ ist seit vielen Jahren ihr erster Fernsehfilm – wie kam es zu einer solch langen Pause?

Brandauer: Es ist da keine Absicht dahinter. Ich habe in den letzten Jahren viel Theater gespielt und ein paar Kinofilme gedreht. Es gab immer wieder Fernsehprojekte, die sind aber einfach nicht zustande gekommen.

Vielen Dank für das Gespräch.

(dpa)


Zum Themenschwerpunkt Alzheimer/Demenz


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