Das ist doch Scheiße

Am 19. November ist Welttoilettentag. Bei uns mag man darüber lachen – anderswo nicht. Besuch in einem Land, das mit ungewöhnlichen Mitteln seine Bürger aufs Klo setzen will. Von Siddhartha Kumar

Barrierefrei sieht die nicht aus: Eine Toilette in Indien. (Foto: dpa)

Barrierefrei sieht die nicht aus: Eine Toilette in Indien. (Foto: dpa)

Rund 550 Millionen Inder haben keinen Zugang zu Toiletten – mehr Menschen als in jedem anderen Land der Welt. Die Regierung hat sich mit ihrer Kampagne „Sauberes Indien“ das Ziel gesetzt, diese Zahl bis 2019 auf null zu reduzieren. Doch Studien zeigen, dass viele Inder selbst dann die Toilette nicht benutzen, wenn sie Zugang zu einer haben. Fünf kreative Wege, wie Indien seine Bürger zu mehr Toilettennutzung bewegen will:

Mach es für die Kinder

Eine der jüngeren Kampagnen der indischen Regierung setzt auf Kinder. Die Kampagne „Asli Tarakki“ (etwa: „Echter Fortschritt“) will mit ihrer Hilfe Erwachsene beeinflussen, die bisher aus Gewohnheit keine Toilette benutzen. Werbefilme und Plakate zeigen Kinder, die sich über Männer lustig machen, die ihre Toilette nicht benutzen, obwohl sie eine haben. „Studien zeigen, dass wir den Menschen nicht nur Toiletten bauen müssen“, heißt es dazu von der Regierung. „Wir müssen ihnen auch zeigen, dass es wichtig ist, sie zu benutzen.“

Aufklärungskampagne „Asli Tarakki“ (Foto: Swachh Surat‏)

Aufklärungskampagne „Asli Tarakki“ (Foto: Swachh Surat‏)

Keine Toilette, keine Braut

Im Bundesstaat Haryana sorgt die Kampagne „Keine Toilette, keine Braut“ seit 2005 dafür, dass mehr Frauen Zugang zu einer Toilette bekommen. Die Kampagne ermutigt Frauen, Ehemänner abzulehnen, die ihnen keine Toilette zur Verfügung stellen. Auch im Bundesstaat Bihar gibt es eine ähnliche Kampagne.

Hier wurden junge Frauen dazu ermutigt, Goldschmuck als Geschenk abzulehnen, so lange ihre Eltern keine Toilette für sie gebaut haben. Goldschmuck ist für viele indische Frauen immer noch die wichtigste Form der Altersvorsorge. Traditionell bekommt eine Braut von ihrer Familie zur Hochzeit so viel Goldschmuck wie möglich, als Zeichen des Wohlstands und um sie und die neue Familie finanziell abzusichern.

Girlanden für Wildpinkler

Dagegen ist die Parkplatzschwein-Aktion von ROLLINGPLANET harmlos: Im IT-Zentrum Hyderabad hat die Polizei 2016 damit begonnen, Wildpinkler an den virtuellen Pranger zu stellen. Wer in der Öffentlichkeit urinierte und erwischt wurde, musste sich eine Girlande umhängen und sich fotografieren lassen. In einer ähnlichen Aktion im Bundesstaat Rajasthan wurde mit Hilfe von Trommeln vertrieben, wer gegen das Verbot des öffentlichen Urinierens verstieß.

Kein Amt ohne Toilette

In immer mehr Bundesstaaten in Indien darf sich nur auf ein politisches Amt bewerben, wer eine eigene Toilette besitzt und benutzt. In 2015 wurde ein solches Gesetz im Bundesstaat Gujarat vor Gericht angefochten – und blieb bestehen. „Politische Würdenträger sollten Vorbilder für alle Bürger sein“, urteilte das Gericht.

Auf eigene Faust

Neben den offiziellen Kampagnen stechen in Indien auch immer wieder einzelne Aktivisten hervor, die im Kampf für mehr Toiletten einen Unterschied machen wollen. Die bekannteste Kämpferin ist die 105 Jahre alte Kunwar Bai Yadav, die ihre Mitbürger in ihrem Heimatdistrikt Dhamtari unermüdlich über die Vorteile von Toiletten aufklärte. Der Lohn: Dhamtari hat inzwischen offiziell eine Toilettenquote von 100 Prozent. Vor kurzem dankte der indische Premierminister Narendra Modi der Aktivistin persönlich für ihren Einsatz und berührte ihre Füße – in Indien eine Geste der höchsten Wertschätzung.

(dpa)

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