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Das ist Lorena Rojas – die Frau, die Edelweiss nicht mitfliegen lassen wollte

„Lori“ war als Reiseleiterin überall in der Welt – bis eine Diagnose alles änderte. Mit ihrer großen Liebe zog sie nach Argentinien, kehrte in die Schweiz zurück – und lernte, die kleinen Freuden des Lebens zu genießen. Von Erica Sauta

Vor einigen Wochen berichtete ROLLINGPLANET über den Edelweiss-Skandal: Die Airline lehnte es beinahe ab, Lorena Rojas aus Baden (Schweiz) mitzunehmen – angeblich weil sie unter Epilepsieanfällen leidet. Lorena Rojas hat Multiple Sklerose. Hier lesen Sie ihre Geschichte.

Langsam gleitet der Rollstuhl über den sanft abfallenden Steg ins Wasser. Behutsam stützen die Hände der Betreuerinnen ihren Körper und helfen ihr beim Eintauchen ins kühle Nass. Unbeschreibliche Glücksgefühle steigen in ihr hoch: Nach vielen Jahren der krankheitsbedingten Entbehrung kann Lorena Rojas zum ersten Mal wieder im Wasser stehen.

Es ist Sommer 2009, Lorena befindet sich im Gruppenaufenthalt der Schweizer MS-Gesellschaft in Walchwil. Der Zugang zum Sempachersee ist an einer Stelle so eingerichtet, dass man mit Spezialrollstühlen direkt in den See fahren kann.

Am Morgen haben sich die Betreuerinnen nach den Wünschen der MS-Betroffenen erkundigt. “Es war ein heißer Tag und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als endlich wieder einmal in einem See zu baden”, erzählt Lorena Rojas. “Als der Traum dann auch wirklich wahr wurde, war das für mich wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten zusammen.“

Lorena Rojas schwärmt heute noch von jenen zwei Wochen, die ihr so viel gegeben haben. “Den Ausschlag, mich für die Teilnahme an einem Gruppenaufenthalt anzumelden, hatte ein Foto in dem Magazin ‚Forte’ gegeben. Es zeigte Freiwillige, die Menschen in Rollstühlen den Berg hinaufstießen. Ich fand dieses Bild so schön, dass ich mir einen Ruck gab und mich anmeldete. Am Anfang hatte ich große Bedenken. Ich fragte mich, ob mich diese Leute mögen und ob ich sie mögen würde. Die Ängste waren jedoch völlig unbegründet: Schon vom ersten Augenblick an schlossen wir uns alle in die Herzen. Wir waren zwei Wochen lang eine große Familie, haben viel zusammen unternommen und sehr viel gelacht.”

Claudio, die große Liebe

Menschen haben im Leben der temperamentvollen Lorena, die Freunde “Lori” nennen, schon immer eine große Rolle gespielt. Nach ihrer Lehre arbeitet sie bei einem Schweizer Reiseunternehmen.

Als Reiseleiterin zeigt sie Menschen die schönsten Plätze der Erde. In der Dominikanischen Republik lernt sie die Liebe ihres Lebens kennen: Claudio, einen Argentinier, ebenfalls in der Reisebranche tätig.

Claudio zieht in die Schweiz, das Paar lässt sich im Aargau nieder und ist weiterhin viel unterwegs. Die Liebe ist stark, Lorena und Claudio beschließen zu heiraten.

Da die Heiratsvorbereitungen und die Reisetätigkeit sehr anstrengend sind, gönnt sich das Paar im August 1993 ein Wochenende im Tessin, um sich etwas zu erholen. An den Ufern des Lago Maggiore erlebt Lorena im Alter von 27 Jahren ihren ersten MS-Schub.

“Es war furchtbar”, erinnert sie sich, “ich hatte unerträgliche Schmerzen im Bein.”

“Sie haben MS“, sagte der Arzt.

“Ich wusste nicht, was diese zwei Buchstaben bedeuten”, erinnert sich Lorena, “als mir der Neurologe dann erklärte, mit welchen Einschränkungen ich in Zukunft zu rechnen hätte, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Lohnt es sich da noch zu leben?”

Weiterleben mit MS – der Hausarzt macht Mut

Der Hausarzt beruhigt und klärt auf. Lorena schöpft neuen Mut. Da nach dem ersten Schub Gehschwierigkeiten bleiben, verschafft ihr der Arbeitgeber einen Bürojob in der Buchhaltung. Privat versucht die junge Frau in Anbetracht der unsicheren Zukunft jede Sekunde des Lebens zu genießen. Lorena kocht, tanzt und schwimmt.

Hochs und Tiefs wechseln sich ab. Vor allem der kalte, düstere Winter macht Lorena zu schaffen. Im Gegensatz zu den meisten MS Betroffenen tut ihr die Wärme gut, hat sie im Sommer viel weniger Beschwerden. Als die Schmerzen und die Spastik immer schlimmer werden, zieht das Ehepaar Rojas 1996 nach Argentinien, wo es warm und sonnig ist.

Noch kann Lorena mit Hilfe von Stöcken gehen. Zweimal pro Jahr besucht sie in der Schweiz ihren Hausarzt und trifft sich mit ihrem Vater und dem drei Jahre älteren Bruder Roberto. Die Mutter ist schon vor einiger Zeit gestorben. Im Jahr 2000 erkrankt der Vater an Krebs und wünscht sich, dass seine Tochter in die Schweiz zurückkehrt. Zur gleichen Zeit wird auch Lorenas Schwiegervater in Argentinien schwer krank. Claudio möchte seinem Vater beistehen. Zudem kann er sich nicht mehr vorstellen, in der Schweiz zu leben. Lorena jedoch zieht es zu ihrem kranken Vater und aufgrund ihrer fortschreitenden MS ist sie vermehrt auf die medizinische Unterstützung ihres Hausarztes angewiesen.

Das Paar trennt sich. Nicht, weil die Liebe erloschen wäre, sondern weil die Lebensumstände es erfordern. “Claudio war die Liebe meines Lebens”, sagt Lorena, “selbst als wir uns getrennt haben, war ich noch in ihn verliebt.”

Rückkehr in die Schweiz

Im Jahr 2000 kehrt Lorena in die Schweiz zurück. Am Anfang wohnt sie bei ihrem Bruder Roberto. Die Geschwister sind ein Herz und eine Seele und halten fest zusammen. Kurze Zeit nach Lorenas Rückkehr stirbt ihr Vater. Die Trennung von ihrer grossen Liebe, der Tod des Vaters: Lorena geht es schlecht und auch die MS-Symptome werden stärker.

Der Rollstuhl wird unausweichlich.

Heute lebt Lorena Rojas alleine in einer Zweizimmerwohnung in Baden. Immer noch liebt sie den Sommer. Dann fährt sie fast täglich in den Park, erfreut sich an den blühenden Bäumen und Pflanzen und den jungen Menschen, die auf den Wiesen liegen. In ihrem Alltag, der geprägt ist von Schmerzen und einer starken Spastik, versucht sie die positiven Dinge zu sehen: “Natürlich hasse ich meine Krankheit, aber ich lernte sie anzunehmen. Zudem habe ich ein tolles Umfeld bestehend aus ganz lieben Menschen und dieses Jahr erwartet mich neben dem Gruppenaufenthalt ein weiteres grosses Highlight: Im November werde ich in Brasilien mit Delfinen schwimmen gehen. Eine gute Freundin wird mich begleiten.“

“Für diese Traumreise hat Lorena in den letzten Jahren jeden Rappen zusammengekratzt und auch Roberto, der seiner Schwester die Erfüllung dieses Herzenswunsches so sehr gönnt, hat grosszügig dazu beigesteuert. Dafür lohnt es sich zu leben.

Fotos: Tres Camenzind – Wir veröffentlichen diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft, CH-8031 Zürich

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