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Das lange Warten auf Psychotherapie – immer noch keine Lösung in Sicht

Wie können Betroffene schneller Hilfe bekommen? Darüber gibt es viele Debatten. Ein neuer Vorschlag ist sehr umstritten.

Für manche Betroffene wird es knapp – auch wegen langer Wartezeiten (Foto: Stephanie Hofschlaeger/pixelio.de)

Für manche Betroffene wird es knapp – auch wegen langer Wartezeiten (Foto: Stephanie Hofschlaeger/pixelio.de)

Psychisch Kranke müssen je nach Wohnort oft Wochen auf einen Therapieplatz warten – mit möglicherweise tödlichen Folgen. Das Problem ist schon lange ein Thema, für das noch keine Lösung gefunden worden ist.

So forderte die Witwe des früheren Bundesliga- und Nationaltorwarts Robert Enke im Januar schnellere Hilfen für depressive Menschen. Es müsse sich im Gesundheitssystem „einiges ändern“, damit die Betroffenen nicht so lange auf einen Therapieplatz hoffen müssen; innerhalb von drei oder vier Monaten könne sich die Krankheit „sehr verschlimmern“.

Krankenkasse schlägt Koordinierungsstelle vor

Könnte eine Erstberatung in einer Koordinierungsstelle Betroffene schneller zum richtigen Therapeuten schleusen, wie es die Techniker Krankenkasse (TK) vorschlägt? „Therapieplätze würden in der Folge nicht falsch besetzt und stünden denjenigen zur Verfügung, die sie tatsächlich benötigen“, heißt es in einem aktuellen Thesenpapier der TK.

Die Bundespsychotherapeutenkammer schätzt den Nutzen einer solchen Koordinierungsstelle jedoch als begrenzt ein. Der Zugang für Patienten zur Psychotherapie werde zusätzlich erschwert und schränke deren Wahlfreiheit ein, kritisiert Prof. Rainer Richter, Präsident der Kammer mit Sitz in Berlin. Zudem sei solch eine Stelle bürokratisch und teuer.

Welche Therapieverfahren zahlt die Kasse?

Derzeit gibt es drei Therapieverfahren, die mit den Kassen abgerechnet werden können: Die Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die analytische Psychotherapie. Sie unterscheiden sich unter anderem in der Anzahl der durchschnittlichen Therapiestunden, aber auch in der Art und Weise, wie sie seelische Leiden behandeln.

Den Angaben zufolge nahmen 2011 im Bundesdurchschnitt vier Prozent aller TK-Versicherten mindestens einmal eine psychotherapeutische Leistung in Anspruch (rund 300.000 Patienten). Unterschiede gibt es in Städten und ländlichen Gebieten, wie dies am Beispiel von Hamburg (siehe auch ROLLINGPLANET-Bericht: Depri in Hamburg) und Mecklenburg-Vorpommern (MV) deutlich wird: In Hamburg gingen sechs Prozent der Versicherten im Jahr 2011 mindestens einmal zum Psychotherapeuten, im nahe gelegenen Bundesland zwei Prozent.

Auch die regionale Verteilung der abgerechneten Therapieformen ist unterschiedlich. In Hamburg ist die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie mit einem Anteil von 58 Prozent führend (MV: 41 Prozent), 18 Prozent gingen in der Hansestadt zu einer analytischen Psychotherapie (MV: 9 Prozent), und 24 Prozent machten in Hamburg eine Verhaltenstherapie (MV: 49 Prozent).

Noch mehr Bürokratie statt Akuthilfe?

Nach dem TK-Vorschlag könnte ein unabhängiger ärztlicher oder psychologischer Psychotherapeut in einer Koordinierungsstelle ein Erstgespräch führen und Patienten in eine Therapie steuern. Empfehlungen für bestimmte Psychotherapieverfahren sind jedoch laut Richter kaum möglich, da nur wenige Behandlungsleitlinien solche diagnosespezifischen Empfehlungen beinhalten würden.

Außerdem: „Die Wirksamkeit einer Psychotherapie wird durch mehrere, sehr unterschiedliche Faktoren bestimmt, unter denen das einzelne Verfahren keineswegs das wichtigste ist.“ Einen mindestens ebenso großen Einfluss auf den Behandlungserfolg habe das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Therapeut.

Für die TK erscheint es aber nicht nachvollziehbar, wenn die gleiche Diagnose bei einem Verhaltenstherapeuten in einer Kurzzeittherapie in 25 Stunden behandelt werden könne, bei einem Analytiker jedoch mindestens 40 Stunden in Anspruch nehme.

Wer entscheidet über vermeintlich leichte Erkrankungen?

Die Kasse hat sich zudem die Diagnosen genau angeschaut. „Jeder Vierte, der eine Psychotherapie erhält, leidet an einer leichteren Erkrankung. Für diese Patienten könnten vielleicht andere Angebote hilfreich sein“, sagt Thomas Ballast, stellvertretender Vorsitzender im Vorstand der TK.

Darunter zählt die TK sogenannte Anpassungsstörungen etwa nach einem belastenden Erlebnis oder leichte depressive Episoden. Betroffene könnten beispielsweise intensiver vom vorbehandelnden Arzt betreut werden oder Präventionsangebote wahrnehmen. Die TK spreche auch gerade mit Verbänden der Hausärzte darüber, welchen Beitrag diese für psychisch Kranke leisten könnten.

Die Bundespsychotherapeutenkammer warnt allerdings vor einer „Fehleinschätzung vermeintlich leichter psychischer Erkrankungen“. Sie setzt sich unter anderem dafür ein, dass Psychotherapeuten ähnlich den Hausärzten Akutsprechstunden führen und abrechnen können.

„Beachtliche Verantwortung“

Eine bessere Akutversorgung erlaube auch ein „beobachtendes Abwarten“, ob sich eine anbahnende oder leichte psychische Erkrankung bereits mit Hilfe von Informationen zur Erkrankung oder unterstützter Selbsthilfe bessern lasse.

Die Idee einer Koordinierungsstelle befürworten auch die DAK-Gesundheit oder die Barmer GEK, wie Sprecher der beiden Krankenkassen auf Anfrage bestätigen. „Die Frage der Auswahl der Ärzte oder Psychotherapeuten für die Koordinierungsstellen ist sicher schwierig“, räumt Ballast von der TK ein. Das sei eine „beachtliche“ Verantwortung. „Man sollte das Verfahren daher in Modellen erproben.“

(dpa)

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