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Das Leben ist doch kein Wunschfilm: Ein Rollstuhlfahrer darf nicht kneifen

Zunächst traute sich Bertolucci seine Aufgabe als Jury-Präsident der heute startenden Filmfestspiele in Venedig nicht zu.

Einer von uns: Bernardo Bertolucci (Foto: Associazione Culturale Cinemazero from Pordenone, Italia)

Einer von uns: Bernardo Bertolucci (Foto: Associazione Culturale Cinemazero from Pordenone, Italia)

Bernardo Bertolucci musste länger überredet werden, Jurypräsident der diesjährigen Filmfestspiele in Venedig zu werden: „Ich habe zuerst abgelehnt, weil ich schon einmal Präsident einer Jury war und weiß, dass es eine sehr harte und ermüdende Arbeit ist“.

Dies sagte der 73-jährige, im Rollstuhl sitzende italienische Regisseur am Mittwoch – der auch gerne Hut trägt – kurz vor der Eröffnung der 70. Filmfestspiele. Doch dann habe er erfahren, welche prominenten Regisseure im Wettbewerb vertreten sein würden. „Das ist eines dieser Angebote, das man nicht abschlagen kann.“

Die verbotene Stadt Rom

Auf den Rollstuhl angewiesen ist Bertolucci seit einer misslungenen Bandscheibenoperation. Er merkte, wie schlecht die Situation von Rollstuhlfahrern in Rom ist, weil auch viele öffentliche Gebäude nicht rollstuhlgängig sind, und eröffnete 2012 eine Kampagne zur Verbesserung der Lage.

Der Regisseur kritisiert seine Hauptstadt als nicht behindertengerecht. Einmal hätten ihn sogar Passanten ins Rathaus tragen müssen, damit Bertolucci einer Hochzeit beiwohnen konnte. „Als wir uns gefragt haben, ob es dort eine Rampe gibt, haben sie uns angeschaut, als wären wir Außerirdische“, sagte er. Für ihn als Rollstuhlfahrer sei Rom eine „verbotene Stadt“. Zudem würden Bürgersteige kaum gepflegt und seien häufig von Autos zugeparkt.

Bernardo Bertolucci
(Foto: Ansa)

Vom Direktor „ausgetrickst“

Allerdings habe Festivaldirektor Alberto Barbera ihn auch etwas getäuscht. Er habe ihm nämlich versprochen, nur 18 Filme im Wettbewerb zu zeigen, was eine machbare Anzahl gewesen wäre. „Dann aber habe ich erfahren, dass es 20 sein werden“, erzählte Oscar-Preisträger Bertolucci („Der letzte Kaiser“, „Der letzte Tango in Paris“).

„Das ist zwar toll, gleichzeitig frage ich mich aber auch, wie aufmerksam wir nach zwei Filmen am Tag sein werden,“ sagte Bertolucci. Er ergänzte scherzend: „Vielleicht verbrenne ich bei meiner Rückkehr nach Rom auch den Brief, den Barbera mir geschickt hat, um mich zum Mitmachen zu überreden!“

Auch Martina Gedeck gehört zur Jury

Bertolucci ist Teil der neunköpfigen Jury, zu der auch die deutsche Schauspielerin Martina Gedeck (51, „Das Leben der Anderen“, „Nachtzug nach Lissabon“) gehört.

Zusammen mit den anderen Mitgliedern wie Carrie Fisher, bekannt durch ihre Rolle der Prinzessin Leia aus der ersten „Star Wars“-Trilogie, und der französischen Schauspielerin Virginie Ledoyen („8 Frauen“) werden sie beim Filmfestival Venedig die Hauptpreise des Wettbewerbs verleihen.

Die wichtigste Auszeichnung ist der Goldene Löwe. Die 70. Festspiele sollten am Abend mit dem Film „Gravity“ mit George Clooney und Sandra Bullock in den Hauptrollen eröffnet werden.

(RP/dpa)

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