Das macht sie mit links: Natalia Partyka spielt Olympia und Paralympics

Das gab es noch nie: Einen doppelten Tischtennis-Doppelstart bei Paralympics und Sommerspielen. Deshalb ist die 22-Jährige in Polen ein Star – dennoch muss sie nach wie vor mit Vorurteilen kämpfen.

Copyright: Natalia Partyka

Mit Handicap nach London? Bislang gehörten ihm die Schlagzeilen: Der unterschenkelamputierte 400-Meter-Spezialist Oscar Pistorius aus Südafrika wird der erste körperbehinderte Leichtathlet sein, der bei Olympia antritt – aber er wird nicht der einzige Sportler mit Behinderung sein.

Natalia Partyka hat ebenfalls eine beeindruckende (Erfolgs-)Geschichte vorzuweisen. Wie Pistorius fehlt bei ihr was, oben statt unten halt, aber wie auch Pistorius fehlt es ihr an nichts: Die Tischtennisspielerin aus Polen, die ohne den rechten Unterarm geboren wurde, hat sich aufgrund ihrer herausragenden sportlichen Leistungen zum zweiten Mal für Olympia qualifiziert. Vor vier Jahren in Peking schlug sie für Polen im Team-Wettbewerb auf, in London startet die mehrfache Paralympics-Siegerin erstmals auch im Einzel. „Das ist für mich ein neuer Höhepunkt in meiner Karriere“, sagte die noch 22-Jährige – am Freitag (27.7.) feiert sie Geburtstag. „Ich habe von Beginn an Glück gehabt, viele Menschen haben mir geholfen.“

Seit dem siebten Lebensjahr verrückt nach Tischtennis

Den doppelten Doppelstart bei Paralympics und Sommerspielen – das gab es noch nie im Tischtennis. Entsprechend kennt Partyka beide Welten. „Heutzutage ist es für Behindertensportler sehr viel einfacher als vor fünf oder zehn Jahren. Aber es gibt immer noch einen großen Unterschied zwischen den Paralympics und Olympia. Bei den Paralympics gibt es viel weniger Geld und Sponsoren. Vereine haben deshalb weitaus geringere finanzielle Mittel, um professionelle Bedingungen zu schaffen“, erklärt das Ausnahmetalent. In London trifft Partyka am Samstag zum Auftakt wahrscheinlich auf die Dänin Mie Skov. In der Runde der letzten 32 würde dann ein echter Gradmesser warten: Die Niederländerin Li Jie war immerhin schon dreimal Team-Europameisterin.

Schon mit sieben Jahren entdeckte die gebürtige Danzigerin ihre Liebe zum Zelluloidball. Anfangs verlor die kleine Natalia gegen ihre vier Jahre ältere Schwester Sandra. Das stachelte den Ehrgeiz an. Bereits mit elf Jahren nahm sie an den Paralympics 2000 in Sydney teil, 2004 und 2008 gewann sie dort jeweils die Goldmedaille. Für die Paralympics in London ist sie die Top-Favoritin.

Polens 2005 verstorbene Tischtennis-Legende Andrzej Grubba erkannte schon früh das Talent und die richtige Einstellung der Linkshänderin. „Das ist wie ein Geschenk. Sie hat einen Charakter, der sie an die Spitze führen wird“, prophezeite Grubba der behinderten Sportlerin eine große Karriere. Inzwischen ist Partyka Stammgast bei den internationalen Turnieren der Nicht-Behinderten.

“Einen Bonus hat sie nicht nötig“

Ihr Erfolg beim Olympia-Qualifikationsturnier in Luxemburg, wo sie im April eines der begehrten London-Tickets holte, steigerte den ohnehin schon großen Beliebtheit- und Bekanntheitsgrad in ihrem Heimatland. Dort wurde sie mit ihrem Club SKTS Sochaczew Vizemeister. Allerdings bedauert Partyka: „Es wird dauern, die polnische Mentalität zu ändern. Viele Leute glauben immer noch, das ist kein Sport, sondern Rehabilitation, wenn ich Tischtennis spiele.“

„Aktuell ist Natalia die Nummer zwei im polnischen Team. Einen Bonus hat sie nicht nötig. Sie will genau wie jede andere behandelt werden“, berichtete die deutsche Olympia-Teilnehmerin Kristin Silbereisen (Kroppach) über ihre Kollegin. Beide haben sich gemeinsam mit vielen anderen Europäerinnen im Düsseldorfer Tischtennis-Zentrum auf das Turnier in London vorbereitet. In London könnten sie erst im Finale aufeinandertreffen, das beide Spielerinnen aber wohl eher nicht erreichen werden. In der Tischtennis-Weltrangliste nimmt Partyka derzeit Platz 68 ein.

Die Behinderung, die das Balance-Gefühl von Partyka erheblich beeinträchtigt, ist im Kreis der Spielerinnen kein großes Thema. Man kennt sich eben. „Wenn man das erste Mal gegen sie spielt, ist das etwas schwierig. Da darf man sich durch den fehlenden Unterarm nicht ablenken lassen“, sagte Silbereisen. In London sind sie und die Paralympics-Siegerin jeweils für die zweite Runde gesetzt.

Natalia Partyka gibt als Hobbys Musik und Psychologie an. „Ich kann mir ein Leben ohne Tennis nicht vorstellen. Ich glaube, das wäre langweilig. Vielleicht würde ich gar nichts tun, außer zu Hause herumzusitzen“, sagte sie dem Onlinemagazin „Today in London“ (Heute in London). So aber ist sie aufgrund ihres vollen Trainingsprogramm vollauf beschäftigt – einen Freund hat sie nicht, verriet sie in dem Interview und lachte: „Es gibt also nichts zu enthüllen.“

(Peter Hübner/dpa/RP/ddp)

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