Das Paralympics-Dilemma

Das deutsche Team reist mit breiter Brust nach Rio – doch neben Vorfreude gibt es auch Sorge vor dem Chaos. Von Sebastian Stiekel

Die paralympischen Sportler Edina Müller (Kanu) und Sebastian Magenheim (Rollstuhlbasketball), aufgenommen im April bei der Präsentation des Paralympics-Outfits. (Foto: Bernd Thissen/dpa)

Die paralympischen Sportler Edina Müller (Kanu) und Sebastian Magenheim (Rollstuhlbasketball), aufgenommen im April bei der Präsentation des Paralympics-Outfits. (Foto: Bernd Thissen/dpa)

Man stelle sich vor: Eine Schwimmerin kommt nicht rechtzeitig zu ihrem Wettkampf, weil der Bus dorthin nicht fährt. Oder ein Rollstuhlbasketballer kann nicht auf sein Zimmer im Paralympischen Dorf, weil der Fahrstuhl nicht funktioniert. Beides ist nur ein Worst-Case-Szenario. Aber trotzdem fliegen die deutschen Sportler an diesem Mittwoch mit genau solchen Sorgen nach Rio de Janeiro, wo vom 7. bis 18. September die Paralympics stattfinden.

Die Spiele der Behindertensportler stecken in einem Dilemma. Noch nie war die Paralympische Bewegung mit mehr als 4300 Sportlern aus über 160 Nationen so groß. Noch nie wurde das größte Ereignis, das sie zu bieten hat, in mehr als 100 Länder übertragen. Doch gerade diese Paralympics werden auch von schwerwiegenden Problemen und sportpolitischen Entscheidungen überlagert.

Paralympics unter Spardiktat

Die komplette russische Mannschaft darf nach den Doping-Enthüllungen der vergangenen Monate nicht starten. Dazu fehlt den Organisatoren in Rio das Geld. Die gesamten Spiele stehen unter einem Spardiktat.

„Wir reisen in der Erwartung nach Rio, dass ein Haufen mehr Dinge auf uns zukommen als sonst“, sagt Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes. „Es gibt logistische und organisatorische Einschnitte. Aber mein Vertrauen in die Organisationskraft des Internationalen Paralympischen Komitees ist sehr groß. Ich traue dem IPC zu, dass es unter diesen schlechten Bedingungen die bestmöglichen schafft. Deshalb steigert sich unsere Vorfreude trotzdem von Tag zu Tag. Was die sportlichen Erwartungen angeht, fahre ich mit einer breiten Brust nach Rio.“

155 Athletinnen und Athleten gehören zum deutschen Team. Die bekanntesten von ihnen sind Weitspringer Markus Rehm, der vergeblich versucht hat, auch an den Olympischen Spielen teilnehmen zu können. Und die schon 63 Jahre alte Marianne Buggenhagen, die bei bislang sechs Paralympics insgesamt neun Goldmedaillen im Diskuswerfen, Kugelstoßen oder Speerwerfen gewann.

Keine Medaillen-Ziele

Deutsche Medaillenhoffnung: Vanessa Low. (Foto: IWN)

Deutsche Medaillenhoffnung: Vanessa Low. (Foto: IWN)

Die Deutschen profitieren insofern vom Ausschluss der russischen Mannschaft, als dass sie in der vergangenen Woche noch einmal acht Sportler in verschiedenen Disziplinen nachnominieren durften. Der deutsche Chef de Mission Karl Quade betont zwar, dass es in seinem Team anders als bei der deutschen Olympia-Mannschaft keine Medaillen-Ziele gebe. „Jeder Athlet soll sauber bleiben und sich im Bereich seiner persönlichen Bestleistung bewegen. Was dann an Platzierungen und Medaillen dabei herauskommt, wird sich schon ergeben“, sagt er.

Das bedeutet aber nicht, dass die deutsche Mannschaft ohne jeden sportlichen Ehrgeiz nach Brasilien fliegt. „Wir wollen unseren Platz unter den führenden paralympischen Nationen festigen“, meint Beucher. „Wir haben selten zuvor so viele Welt- und Europameistertitel geholt wie in den letzten Jahren, und das quer durch alle Sportarten. Das ist kein Garant für das Treppchen. Aber eine gute Voraussetzung.“

„Improvisation gewohnt“

Tischtennis-Bundestrainer Volker Ziegler fürchtet sich nicht vor einem möglichen Chaos. (Foto: Privat)

Tischtennis-Bundestrainer Volker Ziegler fürchtet sich nicht vor einem möglichen Chaos. (Foto: Privat)

Ein Beispiel für diese Entwicklung ist die Leichtathletin Vanessa Low. 2012 wurde die beidseitig oberschenkelamputierte Sportlerin in London noch Sechste im Weitsprung und Vierte über 100 Meter. In den vergangenen vier Jahren verbesserte die 26-Jährige dann gleich mehrfach den Weitsprung-Weltrekord in ihrer Klasse und ist mittlerweile Europameisterin in ihren beiden Disziplinen. „In Rio wird es entspannter für mich, weil ich jetzt weiß, wie es bei Paralympics abläuft“, sagt sie. „Ich bin mental besser vorbereitet und hoffe deshalb, dass ich mit einer Medaille nach Hause komme.“

Die organisatorischen Probleme sind also ein Thema bei den Athleten, aber nichts, was ihnen die Konzentration und Vorfreude nimmt. „Wir haben einen Teil unserer Vorbereitung in Ankara absolviert“, erzählt der Tischtennis-Bundestrainer Volker Ziegler. „Das war fünf Tage nach dem Anschlag auf den Istanbuler Flughafen und fünf Tage vor dem Putschversuch in der Türkei. Wir sind Improvisation gewohnt.“

Finanzprobleme, Doping, Organisation – 7 Fragen & Antworten
Von Sandra Degenhardt und Sebastian Stiekel

1. Was sind die Rahmendaten der Paralympics?

Vom 7. bis 18. September werden an 11 Wettkampftagen insgesamt 528 Goldmedaillen in 22 Sportarten vergeben. Die Anzahl der Athleten (4350) soll auch nach dem Ausschluss des russischen Teams höher sein als bei den gefeierten und atmosphärisch so herausragenden Paralympics 2012 in London (4280). Grundsätzlich gilt: Aufgrund der Finanzprobleme der Spiele lässt sich noch nicht genau sagen, wie viele der gemeldeten Sportler am Ende auch kommen werden. Auch ein offizieller Zeit- und Wettkampfplan wurde noch nicht veröffentlicht.

2. Woher kommen die finanziellen Probleme?

Kurz vor dem Ende der Olympischen Spiele mussten die Organisatoren der Paralympics einräumen, dass ihnen umgerechnet rund 55 Millionen Euro fehlen, um ihre Spiele ausrichten zu können. Ein brasilianisches Bundesgericht hatte öffentliche Zahlungen an das Organisationskomitee der Olympischen wie Paralympischen Spiele gestoppt. Und die Suche nach Sponsoren sowie der Verkauf von Eintrittskarten verlief so schleppend, dass dieses Defizit nicht ausgeglichen werden konnte.
Das Grundproblem ist: Es gibt ein OK für Olympische und Paralympische Spiele, das auch aufgrund der wirtschaftlichen Lage in Brasilien große finanzielle Probleme hat und sich nur auf die Durchführung der Olympischen Spiele konzentrierte. Mittlerweile sind staatliche Zuschüsse an die Paralympics wieder freigegeben worden. Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, klagt jedoch: „Im Moment kriegen wir im Zeitraffer von 20 Stunden Neuigkeiten aus Rio, was sich alles ändert.“

3. Wie wirken sich diese Probleme aus?

Friedhelm Julius Beucher (l), Präsident des Deutschen Behindertensportverbands, und Karl Quade (r), Chef de Mission der deutschen paralympischen Mannschaft (Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Friedhelm Julius Beucher (l), Präsident des Deutschen Behindertensportverbands, und Karl Quade (r), Chef de Mission der deutschen paralympischen Mannschaft (Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Zuschüsse für die teilnehmenden Mannschaften werden entweder verspätet oder gar nicht gezahlt. Noch immer gibt es keinen offiziellen Zeit- und Wettkampfplan. Das Transportsystem in Rio wird eingeschränkt, die Anzahl der Helfer bei den Paralympics deutlich reduziert. Die Sportart Fechten etwa wurde aus dem Norden der Stadt (Deodoro) in den Olympiapark nach Barra verlegt, um Kosten zu sparen. Möglicherweise wird mit anderen Disziplinen noch ähnlich verfahren.
„Es gibt logistische Einschnitte und organisatorische Einschnitte. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen so viel Anstand besitzen und sich ihrer Verantwortung stellen, um diese Probleme zu lösen. Sie müssen schließlich auch ihr Gesicht wahren“, sagt Beucher. „Ich werde das vor Ort alles sehr kritisch betrachten und dabei mithelfen, alle Voraussetzungen für unsere Athleten sicherzustellen.“

4. Was sind die Folgen des russischen Ausschlusses?

Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) möchte an der Anzahl der Sportler und Entscheidungen festhalten. Also werden die einzelnen Wettkämpfe mit Athleten aus anderen Nationen aufgefüllt. Die Russen selbst schäumen nach den Entscheidungen von IPC und Internationalem Sportgerichtshof CAS. Staatspräsident Wladimir Putin sprach von einem „zynischen Spiel auf dem Rücken derjenigen, für die der Sport Sinn des Lebens ist“. DBS-Präsident Beucher spricht auch von offenbar konzertierten „Shitstorms“ in Form von Anrufen und Mails an die Geschäftsstellen von IPC und Deutschem Behindertensportverband.
Überwiegend bekommt die paralympische Bewegung aber großen Zuspruch – weil sie im Umgang mit dem gigantischen Doping-System in Russland genau das Zeichen gesetzt hat, das nach Meinung vieler vor Olympia verpasst wurde. „Die Unfairness und die Rücksichtslosigkeit sind von einer kriminellen Clique aus Sportverbänden, dem Sportministerium und dem Geheimdienst in Russland begangen worden“, sagt Beucher. „Das ist ein No-Go! Wenn man einem solchen Verhalten keine Null-Toleranz- Politik entgegensetzt, wenn man da Worten keine Taten folgen lässt, dann ermuntert man andere Länder, etwas Ähnliches zu tun.“

5. Wie groß ist das Doping-Problem bei den Paralympics?

Im berühmten McLaren-Report der Welt-Anti-Doping-Organisation WADA zum Doping-System in Russland sind auch 35 Fälle aus dem Behindertensport aufgelistet. „Paralympische Sportler sind keine besseren oder schlechteren Menschen als Olympia-Sportler“, sagt der deutsche Chef de Mission, Karl Quade.
Seiner Beobachtung nach gibt es im Behindertensport „eine Häufung von Doping-Fällen in genau den Sportarten, die das auch im olympischen Sport betrifft: zum Beispiel beim Gewichtheben. Eine ganz anfällige Sportart“, wie er sagt. Trotzdem glaubt Quade: „Die meisten paralympischen Medaillen werden sauber gewonnen. Ich will nicht für alle die Hand ins Feuer legen. Aber ein Punkt ist, dass im paralympischen Sport die ökonomische Abhängigkeit nicht so groß ist wie im anderen Sport. Der Anreiz ist vielleicht nicht so groß.“

6. Wie werden paralympische Wettkämpfe organisiert?

Behindertensportler müssen sich einem sehr komplexen Klassifizierungssystem stellen. So gibt es zum Beispiel in der Leichtathletik mehrere medizinische Klassen. Unterschenkelamputierte treten gegen Unterschenkelamputierte an Oberschenkelamputierte gegen Oberschenkelamputierte. So gibt es allein bei den Männern 15 verschiedene 100-Meter-Finals. Bei den Frauen sind es 14.

7. Welche Besonderheit gibt es bei Paralympics?

Zum Beispiel eine Werkstatt. Dort sollen 15.000 Ersatzteile, 1100 Rollstuhlreifen, 70 Sprintfedern und 300 Prothesenfüße bereitliegen, um die Rollstühle, Prothesen und Orthesen für die Athleten schnell reparieren zu können. Insgesamt werden für diese Paralympischen Spiele 18 Tonnen Ausrüstung bereitgestellt.

(RP/dpa)

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