Das Tabuthema: Wenn Diabetes zu Essstörungen führt

Bei Menschen mit Diabetes mellitus vom Typ 1 können die Folgen von Bulimie & Co besonders fatal sein. Kaum eine/r spricht darüber. Von Sabine Meuter

Junge Frauen mit Typ-1-Diabetes leiden fast doppelt so häufig an gestörtem Essverhalten wie gesunde Altersgenossen. (Foto: Shutterstock)

Junge Frauen mit Typ-1-Diabetes leiden fast doppelt so häufig an gestörtem Essverhalten wie gesunde Altersgenossen. (Foto: Shutterstock)

Plötzlich purzeln die Kilos – scheinbar ohne Grund. Manch einer mag sich erst mal drüber freuen. Aber tief im Bauch bleibt ein ungutes Gefühl – irgendetwas ist anscheinend nicht in Ordnung. Also auf zum Arzt. Eine mögliche Diagnose: „Diabetes mellitus vom Typ 1“. Für die Betroffenen – oft sind es Kinder oder Jugendliche in der Pubertät – ist der Befund häufig erst einmal ein Schock: Ihr Alltag ändert sich gewaltig.

Weil die eigene Bauchspeicheldrüse nicht mehr genügend Insulin produziert und dadurch der Blutzuckerspiegel ansteigt, müssen sie sich nun selbst Insulin spritzen – und das mehrmals täglich. Außerdem ist regelmäßiges Blutzuckermessen, eine ausgewogene Ernährung sowie eine exakte Berechnung der Broteinheiten angesagt, um den Insulinbedarf zu steuern – und das ein Leben lang.

Totaler Kontrollverlust bei Nahrungsaufnahme

Nach dem Schock der Diagnose kommt der Alltag – und dann passiert das: Mit Beginn der Insulintherapie legen Diabetiker vom Typ 1 häufig an Gewicht zu. Es sind vor allem junge Diabetikerinnen, denen das gar nicht gefällt. „Vor der Diagnose haben sie häufig abgenommen, mit dem Insulinspritzen nehmen sie oft zunächst zu, das kann für die Betroffenen ein Problem sein“, sagt der Bochumer Arzt und Hochschullehrer Stephan Herpertz. Er ist Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am LWL-Universitätsklinikum Bochum.

Um dieses Problem zu lösen, entwickeln Betroffene oft Essstörungen. „Essstörungen kommen bei Frauen sehr viel häufiger vor als bei Männern“, erklärt der Psychologische Psychotherapeut Bernhard Kulzer vom Diabetes Zentrum in Bad Mergentheim. Weit verbreitet ist nach seinen Angaben die Bulimie – nach einem totalen Kontrollverlust bei der Nahrungsaufnahme steuern Betroffene massiv gegen: die einen fasten radikal, andere erbrechen, wieder andere treiben exzessiv Sport.

Höchst riskantes „Insulin-Purging“

Typisch für essgestörte Menschen mit Diabetes ist nach seinen Angaben auch das sogenannte „Insulin-Purging“. Dabei spritzen sich Patienten bewusst weniger Insulin, um abzunehmen. „Durch den niedrigen Insulinspiegel verbleibt mehr Zucker im Blut, den die Nieren dann über den Urin aus dem Körper schwemmen“, erläutert Kulzer. In der Folge nehmen Patienten dann zwar kurzfristig ab und haben das Gefühl, ihr Gewicht selbst regulieren zu können. Allerdings riskieren sie aufgrund der erhöhten Blutzuckerwerte langfristig Folgeerkrankungen des Diabetes. „Das können Nerven- und Nierenschäden, Erblindung bis hin zu einer verkürzten Lebenserwartung sein“, erklärt der Hamburger Mediziner Wolfgang Wesiack. Er ist Präsident des Bundesverbandes Deutscher Internisten.

„Junge Frauen mit Typ-1-Diabetes leiden fast doppelt so häufig an gestörtem Essverhalten wie gesunde Altersgenossen“, sagt Kulzer. Das können neben Bulimie und Insulin-Purging auch Magersucht sein. Fast immer entstehen diese Essstörungen aus der Angst heraus, zu dick zu werden. „Die Folge ist eine ständige Kontrolle über alles, was mit Essen, Hunger und Sättigung zu tun hat“, erklärt Herpertz. Ist die Kontrolle zu rigide und hält sie sehr lange an, kann es zu Kontrollverlust und damit zu einer Essstörung kommen.

Schwere Schäden an Nerven und Nieren

Hinzu kommt, dass die Diagnose Diabetes mellitus oft im jugendlichen Alter gestellt wird. „Dies ist eine Zeit, in der sich Menschen intensiv mit dem eigenen Selbstwert auseinandersetzen“, erklärt Herpertz. Oft fühlen sich Diabetes-Patienten in ihrem Selbstwert beeinträchtigt. Es fällt ihnen schwer zu akzeptieren, dass sie auf ihre Ernährung und Bewegung achten sowie Insulin spritzen müssen.

Nicht nur in solchen Fällen besteht das Risiko von Essstörungen. Gefährdet sind nach Angaben von Kulzer häufig auch übergewichtige Frauen mit Diabetes mellitus Typ 2, die „unkontrollierte Essanfälle“ (Binge eating) entwickeln können. Dabei legen die Betroffenen weiter an Gewicht zu, wodurch die Wirksamkeit von Insulin abnimmt. Das kann ebenfalls zu schweren Schäden etwa an Nerven und Nieren führen.

Nicht immer auf Anhieb erkennbar

Essstörungen bei Diabetikern – vor allem bei Heranwachsenden – sind für Außenstehende nicht immer auf Anhieb erkennbar. „Betroffene tun häufig viel, damit ihr Verhalten innerhalb der Familie oder beim Arzt nicht auffällt“, erklärt Wesiack.

Wenn ein Jugendlicher mit Diabetes mellitus Typ 1 entgegen früheren Gewohnheiten sich plötzlich weigert, an gemeinsamen Essen der Familie teilzunehmen und die Blutzuckerwerte plötzlich deutliche Schwankungen aufweisen, dann könnte dies ein Warnsignal sein. Eltern sollten dann den behandelnden Arzt informieren, aber nicht hinter dem Rücken ihres Kindes. Auch eine unerklärliche Gewichtszu- oder -abnahme bei dem Betroffenen kann ein Anzeichen für eine Essstörung sein.

Geholfen werden kann Diabetes-Patientinnen mit Essstörungen mit einer Psychotherapie. „Sie kann je nach Schweregrad der Essstörung ambulant, stationär oder teilstationär erfolgen“, erläutert Herpertz. Ziel einer solchen Therapie ist nach seinen Angaben, das eigene Körper- und Selbstbild des Betroffenen zu stärken. „Achten sollten Patienten auch auf eine gute Arzt-Patienten-Beziehung, damit sie offen über mögliche Probleme mit dem Diabetes oder der eigenen Person sprechen können“, empfiehlt Kulzer.

(dpa/tmn)

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