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Das unheimliche Tabu: Mordserien in Kliniken

„Es gibt ein bewusstes Weggucken“ – Psychiater erklärt, warum Krankenschwester oder Pfleger unbemerkt töten können.

Ein ehemaliger Krankenpfleger steht im Verdacht, im Klinikum Delmenhorst über Jahre Patienten getötet zu haben (Foto: Ingo Wagner/dpa)

Ein ehemaliger Krankenpfleger steht im Verdacht, im Klinikum Delmenhorst über Jahre Patienten getötet zu haben (Foto: Ingo Wagner/dpa)

Es könnte eine der größten Mordserien Deutschlands sein. Ein Pfleger soll in einer Klinik in Delmenhorst (Niedersachsen) drei Patienten getötet haben. Auch wegen zwei Mordversuchen ist er angeklagt. Für einen wurde er schon verurteilt. Und es könnten noch mehr werden: Die Ermittler untersuchen zurzeit mehr als 100 Verdachtsfälle.

Wieso die Täter lange ungehindert töten können, erläutert Prof. Karl H. Beine im nachfolgenden Interview. Der Psychiater hat 36 solcher Mordserien weltweit untersucht. Er ist Lehrstuhlinhaber an der Privaten Universität Witten/Herdecke und Chefarzt am St. Marien-Hospital Hamm. Die Fragen stellte Irena Güttel.

Interview: „Dann sollten die Alarmglocken schrillen“

Psychiater Karl H. Beine (Foto: privat/dpa)

Psychiater Karl H. Beine (Foto: privat/dpa)

Warum töten Krankenschwestern oder Pfleger ihre Patienten?

Alle Täter in den Fällen, die ich untersucht habe, waren sehr selbstunsichere Menschen. Sie haben nahezu alle einen Gesundheitsberuf gewählt, um Anerkennung, Wertschätzung und Respekt zu bekommen. Diese Hoffnungen erfüllen sich im beinharten Berufsalltag in Heimen und Kliniken nicht.

Die ständige Konfrontation mit dem Leid der Patienten und der eigenen Enttäuschung führt zu einer Abwärtsspirale. Der Täter projiziert sein eigenes Leid auf den Patienten – und will diesen von seinem vermeintlich unsinnigen Leiden erlösen.

Viele Täter geben Mitleid als Motiv an.

Es ist mehr Selbstmitleid als tatsächliches Mitleid. Mitleid setzt voraus, dass man weiß, was das Gegenüber wünscht. Viele der verurteilten Täter kannten ihre Patienten erst wenige Stunden. Sie konnten nichts wissen über die Krankengeschichte oder die Wünsche.

Mitleid bedeutet, jemand in seinem Leiden beizustehen, aber nicht, ihn zu töten. Das hat eher etwas mit der eigenen Unfähigkeit zu tun, Leid zu ertragen und zu begleiten.

Wie kommt es, dass solche Tötungsserien erst so spät auffallen?

Erstens kommt man erst sehr spät auf die Idee, dass ein seit Jahren vertrauter Kollege solche Taten begehen kann. Es ist unfassbar. Zweitens gibt es keinen idealeren Tatort als den, wo der Tod zum Alltag gehört. Aus der Distanz können die Tötungen wie eine medizinische oder pflegerische Behandlung aussehen. Man muss schon sehr genau hinsehen. Drittens, gibt es ein bewusstes Weggucken. Man traut sich nicht, seinen Kollegen zu denunzieren. Vorgesetzte reagieren bei Beschwerden nicht oder nicht adäquat.

Gibt es Warnzeichen, die auf solche Tötungsserien hinweisen?

Warnzeichen sind, wenn während der Arbeitszeit eines Kollegen sich die Sterbefälle häufen. Verändert ein Mitarbeiter plötzlich sein Verhalten? Gibt es Regelverstöße, auf die nicht reagiert wird? Auffallen sollte, wenn die Sprache eines Mitarbeiters oder eines Teams verroht. Wird plötzlich von Abkratzen geredet oder abfällig über Sterbende gesprochen?

Alle Täter hatten einschlägige Spitznamen wie Todesengel, Hexe oder Vollstrecker, lange bevor sie verhaftet wurden. Auch wenn Medikamente im Haus verschwinden und der Verbrauch auf bestimmten Stationen steigt, sollten die Alarmglocken schrillen.

Was müssten Krankenhäuser und Altenheime verbessern?

Sie müssen sich eingestehen, dass es solche Serien gibt und dass die auch im eigenen Hause vorkommen können. Sie sollten achtsam mit ihren Mitarbeitern umgehen, um Warnzeichen frühzeitig zu erkennen. Außerdem sollten sie Meldesysteme einführen, über die Mitarbeiter Auffälligkeiten anonym weitergeben können.

Auch die Leichenschauen müssen verbessert werden. In keinem der von mir untersuchten Fälle wurde die Serie durch Leichenschauen aufgedeckt. Es wurden zum Teil großflächige Einstiche oder Hämatome übersehen. Oder die Leichenschauen haben in Einzelfällen gar nicht stattgefunden.

(dpa)

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1 Kommentar

  • Simon

    Ich muß den Bericht im Großen und Ganzen bestätigen. Im Laufe der Zeit habe ich mehrere solcher Fälle kennengelernt und mit Angehörigen, Krankenpflegern und Ärzten darüber gesprochen. Besonders schlimm finde ich das fehlende Unrechtsbewusstsein bei dem medizinischen Personal. Im Gegenteil, wie auch im Bericht beschrieben, betrachten diese Leute ihre Tötungen gerne noch als sozialen Akt an dem Opfer oder der Gesellschaft! Und es sind nicht nur die Einzeltäter, sondern eher ein ganzes Team. Es wird wegschaut oder dieses Weltbild sogar teilt. Die Fälle, die ich kenne, geschahen versteckt-offen und von mehreren Personen, in der Regel Ärzten, getragen: Man informiert zwar die Angehörigen darüber, lässt aber keine Diskussion und kein Veto zu und in den Akten taucht es nicht als Tötung auf. Irgendwie ist es ein Tabu, auf der anderen Seite gibt es große und alte wissenschaftliche Diskurse dazu, teilweise sogar Verordnungen (http://www.kobinet-nachrichten.org/de/1/nachrichten/30455), die aber so tun, als fänden sie in der reinen Theorie statt. Die Opfer werden ignoriert.

    21. November 2014 at 13:06

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