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Das vereinnahmte Schwein Schweinsteiger: Kritik an Aktion Mensch wächst

Schlecht gegrunzt – auch der Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg e.V. moniert die ZDF-Soziallotterie.

Bestens gelaunt, weil er keine Pressemitteilungen von Aktion Mensch liest: Sebastian Schweinsteiger gestern beim Training der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im brasilianischen Santo Andre (Foto: Thomas Eisenhuth/dpa)

Bestens gelaunt, weil er keine Pressemitteilungen von Aktion Mensch liest: Sebastian Schweinsteiger gestern beim Training der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im brasilianischen Santo Andre (Foto: Thomas Eisenhuth/dpa)

Wie heißen die Fußball-Nationalspieler in Gebärdensprache (die auf visuelle Stützen angewiesen ist)? Die Heimsonderschule Haslachmühle und ihre gehörlosen Schüler beantworten die Frage so: Bayern-Profi Bastian Schweinsteiger wird mit „das kletternde Schwein“ übersetzt, Philipp Lahm ist der „langsam Laufende.“ Nachschauen lässt sich dies in einem neuen Vokabelheft und auf einem Poster.

Eine gut gemeinte Aktion – nebst einer umstrittenen PR-Arbeit: Die Aktion Mensch hat mit ihrer Pressemitteilung zu dem von ihr geförderten Projekt scharfe Kritik ausgelöst, allen voran bei der gehörlosen Aktivistin Julia Probst. Sie wirft der ZDF-Soziallotterie vor, zahlreiche falsche Fakten zu gehörlosen Menschen und zur Gebärdensprache zu verbreiten und sich eher für den eigenen Ruhm zu interessieren als für die Belange von Menschen mit Behinderung. Man könnte auch sagen: Da hat die Aktion Mensch schlecht gegrunzt – ROLLINGPLANET berichtete: Wie Schweinsteiger, das kletternde Schwein, zu einem Aktion-Mensch-Skandal gerät.

Nun legt der Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg e.V. nach. Auch er kritisiert die ZDF-Soziallotterie – Daniel Büter, Geschäftsführer der Organisation, hat sich in einem Schreiben an die stellvertretende Pressesprecherin von Aktion Mensch, Ulrike Jansen, gewandt. ROLLINGPLANET dokumentiert den Brief.

Stellungnahme zu Ihrer Pressemitteilung „Schweinsteiger & Co. kicken in Gebärdensprache“ (04.06.2014, Inklusion)

Sehr geehrte Frau Jansen,

bezugnehmend auf Ihre oben genannte Pressemitteilung möchten wir eine Stellungnahme verfassen und stimmen damit zwei Blogbeiträgen von Julia Probst und Laura M. Schwengber vollkommen zu.

Eigentlich finden wir das Projekt, das von Aktion Mensch und der Sepp-Herberger-Stiftung (DFB) unterstützt wird und bei dem Schüler mit Hörbehinderung und geistiger Behinderung gemeinsam mit der staatlich geprüfte Gebärdensprachdolmetscherin Laura M. Schwengber zwei Plakate über die Namensgebärden der Spielern der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und Fußballbegriffe in Gebärdensprache produziert haben, wirklich toll.

Leider gibt es in Ihrer Pressemitteilung einige gravierende Missverständnisse. Deshalb möchten wir diese Missverständnisse richtig stellen und aufklären:

  • „Die Schüler und Jungredakteure der Heimsonderschule Haslachmühle, die eine der erfolgreichsten Schülerzeitungen Deutschlands veröffentlichen, haben dazu Namensgebärden gemeinsam mit einer ausgebildeten Gebärdensprachdolmetscherin erdacht und zu einem Poster zusammengefasst….“
  • „Die Poster mit den wichtigsten Gesten und den Nationalspielern sowie das Buch mit 250 Begriffen der Fußballsprache sind unter www.aktion-mensch.de/bildungsservice kostenfrei zu bestellen.“
  • „In der Deutschen Gebärdensprache, mit der schwerhörige oder gehörlose Menschen kommunizieren, gibt es bei rund 20.000 Gebärden nur sehr wenige Gebärden zum Thema Fußball.“

Diese Aussagen sind völlig falsch. Wie Julia Probst schon erwähnt, gab es schon immer Begriffe in Gebärdensprache im Fußball. Auf der Welt gibt es sehr viele Gehörlosensportvereine, wo Gehörlose Fußball traditionell spielen. Sie können gerne ein Halbfinale der Deutsche Gehörlosen Fußballmeisterschaft der Herren am Samstag, 14. Juni 2014 um 14 Uhr in Frankfurt (auf dem Rasenplatz der Sportanlage Nord, Hügelstraße) oder in Würzburg (auf dem Rasenplatz des SV Heuchelhof, Bernerstr. 3) besuchen, um sich ein besseres Bild zu machen.

Weiteres gibt es viele Gebärden für Länder und Fußballbegriffe unter
http://www.deafkids.de/blogs/wm-2010/, was Julia Probst schon als tolle Webseite erwähnt hat.

Gebärden sind keine Gesten!!! Wir wollen deutlich darauf hinweisen, dass die Gebärdensprache eine vollständige und vollwertige Sprache mit eigenständiger Grammatik und einem spezifischen Lexikon und als gleichwertig zu Lautsprachen anzusehen ist. Die Deutsche Gebärdensprache ist seit 2002 gesetzlich anerkannt.

Die Gebärdensprachdolmetscherin Laura M. Schwengber hat in ihrem Blogbeitrag geschrieben, dass Ihre Pressemitteilung ihr nicht gefällt. Das hat sie nicht glücklich gemacht, sondern scheint ihr peinlich zu sein.

Wir stimmen der Äußerung von Julia Probst völlig zu, dass die „Gebärdensprache“, welche von den Schülern der Heimsonderschule Haslachmühle auf der Poster gezeigt wird, mit der Deutschen Gebärdensprache nicht übereinstimmt. Verwendet wird auf den Postern nämlich eine Mischsprache zwischen der Deutschen Gebärdensprache und der vereinfachten Gebärdensprache GUK (gebärdenunterstützende Kommunikation), welche von Pädagogen entwickelt wurde.

An der Universität Hamburg werden taube Gebärdensprachdolmetscher ausbildet, die im Anschluss auch eine staatliche Prüfung absolvieren. Wir empfehlen Ihnen daher, Kontakt mit tauben Gebärdensprachdolmetscher aufzunehmen und diese über Fußballbegriffe in der Gebärdensprache zu befragen.

Die Pressemitteilung missfällt uns leider sehr. Wir wünschen uns in Zukunft bessere Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Ihnen und erwarten uns, dass oben genannte falsch verwendete Begriffe und Aussagen in Zukunft richtiggestellt und entsprechend verwendet werden.

(RP/PM)

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2 Kommentare

  • Laura M. Schwengber

    Hey!

    Die Pressemitteilung ist nicht mehr auf dem aktuellsten Stand. Schaut mal hier: http://www.lv-gl-bw.de/aktuelle-news/items/stellungnahme-zu-ihrer-pressemitteilung-schweinsteiger-co-kicken-in-gebaerdensprache.html

    Da wurde sie schon aktualisiert.
    Danke euch!

    13. Juni 2014 at 07:41
  • Katja Fischer

    Liebe Leser/innen,

    vielen Dank für den Artikel!

    Seit vielen Jahren bin ich Dozentin für den nationalen und europäischen Studiengang der DolmetscherInnen für Gebärdensprache und Lautsprache an der Hochschule Magdeburg-Stendal und Humboldt Universität in Berlin und dort werden ihre Rolle klar gelehrt GebärdensprachdolmetscherInnen sind DolmetscherInnen und keine GebärdensprachdozentInnen. Und ich bin selbst taub und gebärdensprachig.

    Es gibt in Deutschland ausgebildete und erfahrene GebärdensprachdozentInnen. Sie üben außerdem andere Beruf und haben eigene Berufsethik ganz anderes als DolmetscherInnen für Gebärdensprache.

    Außerdem gibt es Deutscher Gehörlosen Sport Bund e.V. – und diversen gebärdensprachige Fangruppen, Interessenten. Sie sind Experten dafür und sie können für solche Aktionen engagiert werden, das sind für Schulen besonderes, wenn sie Experten zur Seite haben.

    Nach Skandal in Südafrika um #Fakeinterpreter stellte frau/man immer wieder fest: Nach wie vor sind für beide Berufsgruppen eine Aufklärungsarbeit nötig und von der Gebärdensprache und ihre Gemeinschaft zu schweigen.

    Viele gebärdliche Grüße
    Katja Fischer

    14. Juni 2014 at 11:11

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