Das verlorene Gedächtnis: Wer bin ich?

Was passiert bei einer Amnesie? Betroffene haben keine Vergangenheit mehr. Die eigene Identität verlieren sie aber nur selten. Die Krankheit ist äußerst komplex und tritt in vielfältigen Formen auf. Von Martin Faber

Amnesie: Experten sprechen von einer isolierten Störung des Gedächtnisses (Foto: Salih Ucar/pixelio.de)

Als Barbara Hohlweg nach sechs Wochen Koma die Bilder zweier völlig zertrümmerter Autos sieht, kann sie nichts damit anfangen. Dabei hat sie bei diesem Unfall großes Glück gehabt. „Das war für mich wie die Geschichte von jemand anderem, das drang gar nicht zu mir durch.“

Ihr Leben war ihr geblieben, doch die Erinnerung daran war verloren. „Wer bin ich überhaupt?“ Darauf fand die damals 38-Jährige keine Antwort, auch zu ihren Verwandten konnte sie nur vage Verbindungen herstellen. „Diese Gesichter, diese Stimmen: Die kannte ich! Aber von unseren gemeinsamen Erlebnissen wusste ich nichts.“ Grund war Hohlwegs starker Gedächtnisverlust – eine Amnesie.

Das sind die Ursachen

Prof. Gereon Fink

„Man spricht von einer Amnesie, wenn eine isolierte Störung des Gedächtnisses besteht“, sagt Prof. Gereon Fink, Neurologe an der Universität zu Köln. Sie unterscheide sich von einer Demenz dadurch, dass bei der Demenz neben dem Gedächtnis auch weitere höhere Hirnfunktionen wie Rechnen und Schreiben beeinträchtigt sind.

Viele Amnesien gehen auf eine Schädigung bestimmter Gehirnareale zurück – ausgelöst etwa durch Schlaganfälle, Herzinfarkte, Schädel-Hirn Traumata, Hirnhautentzündungen oder Alkoholismus. Seltener rufen auch psychische Faktoren wie starker Stress oder traumatische Erlebnisse Amnesien hervor.

Zwei verschiedene Arten von Amnesien

Grundsätzlich unterscheiden Mediziner zwischen anterograden und retrograden Amnesien. „Bei anterograden Amnesien ist der Erwerb von neuen Gedächtnisinhalten gestört, während bei retrograden Amnesien der Abruf bereits gespeicherter Informationen beeinträchtigt ist“, sagt Prof. Bernd Leplow vom Institut für Psychologie der Universität Halle-Wittenberg.

Am häufigsten kommen anterograde Amnesien vor. „Betroffene mit anterograder Amnesie wissen zwar, wer sie sind und können sich an Details aus ihrer Vergangenheit erinnern, aber sie verharren im Hier und Jetzt und sind unfähig, Neues bleibend und bewusst abzuspeichern“, erläutert Prof. Hans-Joachim Markowitsch, Hirnforscher an der Universität Bielefeld. Bei einer retrograden Amnesie hingegen wissen die Betroffenen oftmals nicht, wer sie sind.

Handlungsroutinen bleiben erhalten

Bei beiden Amnesieformen ist in der Regel das deklarative Gedächtnis betroffen, das den bewussten Zugriff auf Informationen ermöglicht. „Handlungsroutinen wie Schwimmen und Radfahren bleiben meistens erhalten“, sagt Leplow. Typischerweise vergessen Betroffene häufiger autobiografische Gedächtnisinhalte als das Wissen über allgemeine Fakten. „Der Mauerfall beispielsweise wird immer wieder zum Jahrestag ins Gedächtnis gerufen. Jedes Mal ist man an verschiedenen Orten mit verschiedenen Leuten, so dass dieses Datum unter verschiedenen Bedingungen im Gehirn abgelegt ist.“

Dadurch sind diese Gedächtnisinhalte stärker gefestigt. „Das autobiografische Erinnern erfordert hingegen eine feine gleichzeitige Kopplung von Emotion und Kognition, und ist dadurch am anfälligsten gegenüber Hirnschäden“, erklärt Markowitsch.

Emotionale Probleme aufgrund von Amnesie

Vor allem retrograde Amnesiepatienten zeigen oftmals keine Gefühle. „Wir sagen, dass sie emotional nicht ‚mitschwingen‘, sowohl bezüglich ihrer eigenen Vergangenheit als auch generell im Alltag“, sagt Markowitsch. Oft sind die Betroffenen leicht depressiv und gleichgültig, weil sie nicht wissen, wie sie sich früher benommen, wann sie losgelacht oder ihren Partner umarmt haben. Die Emotionen und Erinnerungen sind aber vermutlich nicht verloren, sagt Markowitsch. „Wahrscheinlich ist lediglich der Zugang zu den gespeicherten Erlebnissen durch die Freisetzung von Stresshormonen blockiert.“

Die Dauer und Therapiemöglichkeiten einer Amnesie hängen sehr davon ab, wie umfassend der Hirnschaden ist. „Ist das Gehirn nur einseitig geschädigt oder verteilt sich die Schädigung unsymmetrisch zwischen der linken und rechten Hirnhälfte, steigen die Heilungschancen“, sagt Fink. Bei schweren Fällen von psychisch bedingten Amnesien schätzt Markowitsch die Chancen auf 15 Prozent, dass sich die Erinnerung der Betroffenen wieder erholt. „Das ist am wahrscheinlichsten, wenn der Patient noch jung ist und man sehr schnell nach Beginn des amnestischen Zustands mit einer Behandlung beginnt.“

Bei körperlich bedingten Amnesien, etwa durch ein Schädelhirntrauma, kann man den natürlichen Wiederherstellungsprozess durch computerbasierte Trainings unterstützen. „Hier werden den Betroffenen täglich Bilder und Stichworte gezeigt oder Geschichten vorgelesen, die sie zuordnen oder wiedergeben sollen“, sagt Fink.

Persönlichkeit stabilisieren

Bei retrograden Amnesien sollte man zunächst die Persönlichkeit der Betroffenen stabilisieren und Vertrauen zurückgewinnen. Häufig geschieht das durch Verhaltenstherapien. Über abgespeicherte allgemeine Fakten sollen die Patienten Zugang zu kritischen Lebensereignissen bekommen. „Zum Beispiel kann der Betroffene beim Blättern im Fotoalbum die Bilder zunächst neutral beschreiben und sich dadurch langsam an seine Gefühle herantasten“, erklärt Markowitsch.

Entscheidend ist, dass die Betroffenen in ein soziales Umfeld eingebunden sind. „Angehörige und Freunde müssen damit rechnen, dass sie immer wieder dasselbe erzählt bekommen“, sagt Hohlweg. „Sie dürfen aber nicht ungeduldig werden, sondern müssen eine liebevolle und verständnisvolle Atmosphäre schaffen, in der sie bestimmte Dinge mit dem Betroffenen immer wieder durchgehen.“ Auch der gemeinsame Austausch in einer Selbsthilfegruppe könne viel bewirken.

Webseite: Amnesie-Selbsthilfe.de

(dpa)

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