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Das war der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung 2012

Wer was gefordert, gesagt und getan hat: ROLLINGPLANET mit einer Zusammenfassung des 3. Dezember 2012. Und den Spezialgästen Kate Middleton und Mourinho.

Die Schirmherrin des German Paralympic Media Award, Daniela Schadt, mit den Preisträgern, Laudatoren und Preisstiftern. In der Mitte vorne Philippe Pozzo di Borgo (Foto: DGUV)

Die ziemlich besten Freunde des Tages

Auf Einladung des Hanser Verlags und Aktion Mensch kamen am Montagabend in Berlin die realen Figuren aus „Ziemlich beste Freunde“, Philippe Pozzo di Borgo (Rolli) und Abdel Sellou (Pfleger), zu einer Lesung und Diskussion in die Berliner Columbiahalle. Und hier geht es zum ausführlichen Bericht.

Das Buch des Tages

So ganz zufällig war der Auftritt der ziemlich besten Freunde nicht. Philippe Pozzo di Borgo hat ein neues Buch geschrieben, in dem er mit zwei Co-Autoren einen Weg zur solidarischen Gesellschaft aufzeigen will: „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“. Es erschien gestern pünktlich zum Internationalen Tag der Behinderten.

Der Philippe Pozzo di Borgo des Tages

Wenn Philippe Pozzo di Borgo schon mal da ist, dann kann er ja auch gleich noch eine Trophäe abholen, obwohl ROLLINGPLANET nicht ganz klar ist, was der französische Adlige mit Sport zu tun hat. Der französische Spielfilm „Ziemlich beste Freunde“ hat beim German Paralympic Media Award den Sonderpreis erhalten. Der schwerbehinderte frühere Champagner-Manager, auf den die Geschichte zurückgeht, wurde deshalb in Berlin in Gegenwart von Schirmherrin Daniela Schadt (Lebensgefährtin von Bundespräsident Joachim Gauck) persönlich geehrt.

Der German Paralympic Media Award wird von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) für herausragende journalistische Berichterstattung über den Behindertensport in mehreren Kategorien vergeben. Die anderen Sieger wollen wir nicht verheimlichen:

In der Kategorie Print/Foto: Die Zeitschrift Men’s Health für ihren Beitrag „Unsere Helden von London“. „In beeindruckenden Texten und Bildern werden fünf Paralympioniken und ihr Sport vorgestellt.“

In der Kategorie TV/Hörfunk: Matthias Berg, ZDF. Er ist seit den Sommerspielen in Sydney 2000 Co-Moderator der ZDF Paralympics Berichterstattung.

In der Kategorie Online: sportschau.de. In dem Videoblog „London 365“ berichteten die Paralympioniken Jürgen Schrapp, Annabel Breuer, Carmen Brussig und Michael Teuber abwechselnd von ihrem Weg zu den Paralympics.

Die Arbeitslosen des Tages

Nie war die Beschäftigung in der Bundesrepublik höher als in den vergangenen zwei Jahren, und Fachkräfte werden dringend gebraucht. Aber statt Schwerbehinderte zu beschäftigen, zahlen viele Firmen weiterhin lieber eine Abgabe. So befreiten sich auf diese Weise 61 Prozent der beschäftigungspflichtigen deutschen Arbeitgeber von der Beschäftigungspflicht für Schwerbehinderte.

Auch in Nordrhein-Westfalen gebe es eine anhaltende Benachteiligung, kritisierte der Sozialverband Deutschland (SoVD) NRW. Nach Zahlen des Verbandes waren im bevölkerungsreichsten Bundesland im November rund 45.500 schwerbehinderte Menschen ohne Arbeit. Diese Zahl sei seit Jahren weitgehend unverändert, während die Gesamtzahl der Arbeitslosen seit Anfang 2010 um 14 Prozent gesunken sei.

Der Verband forderte deshalb mehr Anstrengungen der Politik, um Behinderte stärker in die Arbeitswelt einzugliedern. So müsse die Landesregierung bei den Arbeitgebern stärker darauf drängen, dass die für Behinderte festgelegte Mindestbeschäftigungsquote von fünf Prozent eingehalten werde und Fristen zu deren Erfüllung nennen.

Der SoVD wies darauf hin, dass für Arbeitnehmer mit Behinderungen keine Ausnahmeregelungen gelten. Betriebe würden bei der Einstellung Behinderter keine „Wagnisse“ eingehen. „Auch Schwerbehinderte sind kündbar. In den ersten sechs Monaten besteht kein besonderer Kündigungsschutz“, merkte Cramer an.

In Sachsen-Anhalt appellierte die Bundesagentur für Arbeit an die Arbeitgeber, mehr Behinderte einzustellen. Diese seien oft besser ausgebildet und motivierter, sagte der Chef der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen, Kay Senius. So hätten fast 80 Prozent der arbeitslosen Schwerbehinderten im Land eine berufliche oder akademische Ausbildung. Mit Blick auf den Fachkräftemangel müsse die Einbindung vorangetrieben werden. Anlässlich des Internationalen Tages der Behinderten am 3. Dezember werde die Arbeitsagentur in dieser Woche in den Unternehmen für die Beschäftigung von Behinderten werben, kündigte Senius an. Von 2007 bis 2011 sank die Zahl der arbeitslosen Schwerbehinderten in Sachsen-Anhalt den Angaben zufolge um rund 24 Prozent. Allerdings profitieren Behinderte nicht so sehr von der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt wie andere Menschen. Insgesamt ging die Arbeitslosigkeit um 31 Prozent zurück.

Die Azubis und Gartenbauer des Tages

Unbesetzte Ausbildungsstellen sollten nach Ansicht der Arbeiterwohlfahrt Sachsen an junge Behinderte vergeben werden. Zwei Monate nach dem Start des Ausbildungsjahres seien noch 1.645 Plätze frei, teilte der Verband gestern mit. Die Nachfrage nach Fachkräften in Sachsen zeige es deutlich: „Alle werden gebraucht“. (Anm.d.Red.: Klingt gut, hüstel.) Viele Ausbildungsgänge sollten sich für Absolventen von Förderschulen öffnen und ihnen Chancen geben, um zum Beispiel Gartenbauer zu werden. Die Arbeiterwohlfahrt verwies auf mögliche Hilfe vom Staat. Unternehmen, die für Behinderte einen neuen Arbeitsplatz einrichteten, könnten vom Integrationsamt eine Förderung erhalten.

Die Bildungsschlappe des Tages

Die Deutsche Unesco-Kommission hat Deutschland aufgefordert, behinderten Kindern bessere Bildungschancen zu ermöglichen. Im europäischen Vergleich habe Deutschland großen Nachholbedarf, stellte die Unesco fest. Nur 20 Prozent der Schüler mit besonderem Förderbedarf lernten an einer Regelschule. Inklusion bei der Bildung sei aber machbar. Das zeigten die vier Beispielregionen Aachen, Wiesbaden, Hamburg und Oberspreewald-Lausitz, die sich ein Jahr lang von einem Expertenkreis beraten ließen. Die UN Behindertenrechtskonvention verpflichtet Deutschland seit 2009 zur Umsetzung „Inklusiver Bildung“.

Die Wäscheleine des Tages

CBM-Kampagne in Frankfurt (Foto: CBM)

Mit einer ungewöhnlichen Aktion hat die Christoffel-Blindenmission (CBM) in Frankfurt ihre Solidarität mit behinderten Menschen bekundet. Über den Main wurde eine Wäscheleine mit Plakaten und Solidaritätsbekundungen gespannt. Insgesamt hatten sich an der Aktion „CBM verbindet – Helfen Sie mit“ 6.183 Bürger beteiligt, wie die Hilfsorganisation mitteilte. Die Aktion galt insbesondere Behinderten in Entwicklungsländern, die dort häufig am Rande der Gesellschaft leben müssten.

Die Menschenrechtler des Tages

Die Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention hat die Bundesregierung aufgefordert, die Lebenslagen von Menschen mit Behinderungen verstärkt zu erforschen. „Eine gute Behindertenpolitik braucht spezifisches Wissen darüber, ob und wie behinderte Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen ihre Menschenrechte wahrnehmen können“, erklärte Valentin Aichele, Leiter der Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention, anlässlich der Veröffentlichung des Policy Paper „Menschenrechtsbasierte Datenerhebung – Schlüssel für gute Behindertenpolitik“.

„Bisherige Datenerhebungen orientieren sich meist an den Defiziten behinderter Menschen und nicht an ihren menschenrechtlichen Ansprüchen und den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen“, sagte Marianne Hirschberg, die Autorin des Papiers.

Die Vereinsmeierei des Tages

Beim Deutschen Behindensportverband (DBS) gibt es jüngst verstärkt den Drang, sich gesellschafspolitisch zu äußern, aber leider offensichtlich auch immer noch Behinderte, die leiden, bedroht werden und Schäden haben. Der DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher erklärte bei einem Fachgespräch des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales über „Rehabilitation, Sport und Inklusion“: „Alle Menschen mit Behinderung oder die von Behinderungen bedroht sind, sollten aktiven Sport treiben. So können sie ihre Leiden lindern und körperlichen Schäden vorbeugend entgegenwirken.“

Beucher weiter in einer Mischung aus Aufruf und Vereinsmeierei: „Wir rufen alle Menschen mit Handicap auf, Mitglieder in unseren Vereinen zu werden. Viele der von uns angebotenen Sportarten können zur Linderung und Heilung, zur Vorsorge und Nachbehandlung beitragen.“ Könnte man natürlich auch einfacher auf ROLLINGPLANET-Deutsch sagen: Behinderte, kriegt Euren Arsch hoch und macht Euch und den DBS glücklich.

Die Nichtbehindertennachricht des Tages

Aufmacher von „Bild Online“

Spätestens jetzt ist ROLLINGPLANET schon wieder total erschöpft angesichts so vieler Menschen mit Behinderung. Deswegen zwischendurch eine kleine Erholung: Hurra, Kate Middleton ist schwanger. Und wer könnte besser mitfiebern als „Bild“? Dort heißt es: „Baby-Glück! Herzogin leidet unter ,sehr heftiger morgendlicher Übelkeit‘. Einige Tage Krankenhaus!“ He, Krankenhaus-Aufenthalte haben wir selbst, also zurück zu uns Behinderten.

Der Reflex des Tages

Hubert Hüppe, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung, seit einem ROLLINGPLANET-Bericht als der Mann mit dem Reflex bekannt, fordert ein „höheres Tempo bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention“: „(Sie) hat die Chancen weltweit verbessert, Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen abzubauen und die Teilhabe zu verbessern. Sie hat eindeutig festgelegt, Teilhabe ist Menschenrecht und kein Akt der Gnade.“

Trotzdem sei vier Jahre nach dem Beschluss des Bundestages zur UN-Behindertenrechtskonvention das Unterstützungssystem für Menschen mit Behinderung weiter auf Trennung ausgerichtet. Eingliederungshilfe bekomme man weiterhin einfacher dann, wenn man bereit ist, Menschen mit Behinderung auszugliedern. Auch steige immer noch die Zahl der Schüler mit sogenannter geistiger oder körperlicher Behinderung in Sonderschulen. Auch auf dem Arbeitsmarkt nehme der Anteil von behinderten Menschen in Sonderwelten zu. Allein im letzten Jahr seien 7.000 Plätze in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen hinzugekommen. Gesetzliche Veränderungen, um das Persönliche Budget in diesem Bereich zu stärken, blieben aus.“

Hüppe: „Noch immer müssen die Menschen der Unterstützung folgen, anstatt die Unterstützung dem Menschen folgen zu lassen“. Nicht selten würde auf Zeit gespielt, um Inklusion zu verhindern und trennende Strukturen zu erhalten. Teilhabe sei ein Menschenrecht, auf das man nicht noch jahrzehntelang warten könne.

Die Nichtbehindertensportnachricht des Tages

Durchhalten! Gleich haben wir den Internationalen Tag der Behinderten geschafft. Damit es wenigstens bei den Sportfans mit dem Durchhalten klappt, hier wieder ein kleiner Ausflug zu den Menschen ohne Behinderung: Laut „Bild“ ist Mourinho bei Real Madrid gefeuert worden. ROLLINGPLANET empfiehlt als Nachfolger Ralf Bockstedte („Mein Stil als Coach ist einmalig“). Damit wir hier nicht weiterbabbeln, geht es jetzt nach Hoffenheim. Ach so, nein, nach Berlin, erfahren wir gerade.

Die Politiker-Worte des Tages

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat eine bessere Teilhabe von Menschen mit Handicap in der Gesellschaft gefordert. Menschen mit Behinderung seien immer noch nicht in der Lage, ihre Partizipationsrechte in gleichberechtigter Weise wahrzunehmen, sagte Wowereit gestern. Daran müsse weiter aktiv gearbeitet werden. Aus ROLLINGPLANET-Sicht verbietet ihm das niemand, schließlich ist er ja Obertrainer der Stadt. „Berlin hat Fortschritte beim Thema Barrierefreiheit gemacht, ist aber noch nicht am Ziel“, sagte der Regierende Bürgermeister.

Die Grünen in Nordrhein-Westfalen sehen noch einigen Handlungsbedarf bei der Gleichstellung von Menschen mit und ohne Behinderung. „Besonders in den Bereichen Bildung, Wohnen, berufliche Teilhabe und Eingliederungshilfe gibt es viel zu tun“, sagte der Landesvorsitzende Sven Lehmann. Das Land und alle gesellschaftlichen Akteure seien weiterhin aufgefordert, Menschen mit und ohne Behinderung gleiche Rechte zu garantieren. „Die Umsetzung der UN-Konvention ist kein Gnadenakt der Politik, sondern individuelles Menschenrecht und völkerrechtliche Verpflichtung“, sagte Lehmann. Er betonte, die rot-grüne Landesregierung räume dem Thema einen besonders hohen Stellenwert im Koalitionsvertrag ein.

Brandenburgs Arbeitsminister Günter Baaske (SPD) forderte eine stärkere Integration schwer behinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt: „Viele Unternehmen kaufen sich lieber von ihrer Verpflichtung frei, Menschen mit Behinderung zu beschäftigten, anstatt ihnen Arbeit zu geben“. Für die Betroffenen sei die Arbeitslosigkeit besonders frustrierend, da sie so noch schwerer am gesellschaftlichen Leben teilhaben könnten, fügte er hinzu. „Deshalb appelliere ich an alle Betriebe, ihnen eine Chance zu geben.“ (siehe auch oben: „Arbeitslose des Tages“)

Die Auferstehung des Tages

Andere stehen an Ostern wieder auf, Julia Probst am Tag der Behinderten: Ihr gehe es gut, twitterte die gehörlose Piratin, nachdem sie nach einem TV-Auftritt übel beschimpft worden war und sich einfach aus dem Staub machen wollte. Das wäre schade, denn im Gegensatz zum DBS (siehe oben „Vereinsmeierei des Tages“) beherrscht sie das ROLLINGPLANET-Deutsch: „Ich habe beschlossen, dass ich mich sehr wahrscheinlich zurückziehe von allem, was mir wichtig ist. Sollen doch andere den Scheiß selber machen (…).“

(RP/dpa/dapd)

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