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Das zu kurze Leben des Kämpfers Jürgen Markus

Für eine barriefreie Stadt: Die Uni-Stadt Marburg verleiht erstmals den „Jürgen-Markus-Preis“ und erinnert an einen Betroffenen, der für ein selbstbestimmtes Leben eintrat. Von Klaus Bendel

marburg

Die Oberstadt und das Schloss von Marburg (Foto: Marburg GmbH)

Jürgen Markus im E-Rollstuhl und Mundsteuerung

Jürgen Markus (Foto: Rainer Kieselbach)

Jürgen Markus, geboren am 12. September 1957 in Bad Driburg, war Ende der 70er Jahre zum Studium nach Marburg gekommen. Im Februar 1982 hatte er sich durch einen Unfall beim Sport eine irreparable Verletzung im Halswirbelbereich zugezogen. Nach neun Monaten Klinikaufenthalt kam er zurück nach Hause, querschnittgelähmt, und nicht mehr in der Lage, eigenhändig seinen Kaffee zu trinken.

Das zweite Leben

Seine neue Lebenssituation stellte ihn vor ungeahnte Herausforderungen in seinen elementaren Lebensbereichen, für die es insbesondere in der damaligen Zeit kaum spezifische Hilfestellungen und Lösungen gab.

Für Menschen in seiner Lebenssituation war zu dieser Zeit allenfalls eine Pflegestation in der stationären Altenhilfe als Ort zum Leben denkbar. So war persönliche Assistenz in einem selbst gewählten Wohn- und Lebensumfeld weitgehend unbekannt, barrierefreier Wohnraum war nicht verfügbar. In den Städten gab es allgemein keine für die Mobilität von körperbehinderten Menschen unabdingbar notwendige Vorkehrungen wie etwa abgesenkte Bordsteine, abgeflachtes Kopfsteinpflaster, stufenlose Zugänge zu Gebäuden oder behindertengerechte öffentliche Verkehrsmittel im Nahverkehr.

Menschwürdig leben

Mit diesen Bedingungen konnte und wollte sich Jürgen Markus nicht abfinden und so begann für ihn sein “zweites Leben”, wie er seine neue Lebenssituation selbst beschrieb, mit dem Kampf für ein menschenwürdiges und selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderungen, die – wie er – auf eine weitreichende alltägliche Unterstützung, barrierefreien Wohnraum und ein barrierefreies Gemeinwesen angewiesen waren. Um überhaupt nach Marburg zurückkehren zu können, versuchte er, zunächst mit Freunden und Bekannten ein persönliches Unterstützungsnetzwerk aufzubauen.

Schnell erkannte er jedoch, dass für einen verlässlichen Alltag institutionalisierte und rechtlich anerkannte Unterstützungsstrukturen notwendig waren, so dass er sich in der damaligen „Krüppelinitiative Marburg“ (KRIM) und im gerade gegründeten „Verein zur Förderung der Integration Behinderter“ (fib e.V.) engagierte. Den fib, heute größter Anbieter ambulanter Assistenzen für Menschen mit Behinderungen in der Region, hat er über viele Jahre als Vorsitzender maßgeblich geprägt.

Kommunalpolitisch engagierte sich Jürgen Markus von 1998 bis 2007 als Stadtverordneter in der Bündnis 90 / Die Grünen-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung der Universitätsstadt Marburg, dabei im Bauausschuss im Bereich der Stadtentwicklung.

Den Behindertenbeirat hat er in Marburg mit aus der Taufe gehoben und sich auch dort lange Jahre für die Belange von Menschen mit Behinderungen eingesetzt. Er hat die Arbeit des Behindertenbeirates maßgeblich durch seine Persönlichkeit geprägt. Im Rahmen dieser ehrenamtlichen Aktivitäten setzte er sich stark für den Ausbau einer behindertengerechten kommunalen Infrastruktur in der Stadt Marburg ein, deren Ergebnisse heute im Straßen- und Wohnungsbau, bei der Gestaltung öffentlicher Plätze und Gebäude, im ÖPNV, beim Angebot sozialer Dienstleistungen und in vielen anderen Bereichen allgegenwärtig und somit zum Standard geworden sind.

Ein Mann, der zuhören konnte

Zugute kam Jürgen Markus dabei seine besondere Fähigkeit, zuzuhören, auf andere einzugehen, kompetent und sachlich zu argumentieren, verschiedene Perspektiven zu integrieren, andere Menschen, auch wenn sie seine Ansichten nicht teilten, zu respektieren, besonnen und weitsichtig zu agieren – und seine Bereitschaft, sich für andere einzusetzen.

Mit diesen Eigenschaften wurde er von vielen als Gesprächspartner und Ratgeber – über Interessengegensätze, Meinungsunterschiede und Parteigrenzen hinweg – außerordentlich geschätzt. Jürgen Markus mochte die Menschen, und deshalb mochten die Menschen ihn. Er war beliebt und hatte viele Freunde.

Auch privat versuchte er sein Leben so weit wie möglich selbst in die Hand zu nehmen. Nachdem er zunächst ausschließlich auf ehrenamtliche Hilfen und Zivildienstleistende angewiesen war, beschäftigte er später persönliche Assistenten/innen, die er selbst als Arbeitgeber aussuchte, anstellte, anleitete und entlohnte.

Er war aktiv, viel unterwegs, interessiert an Sport, Musik, Kunst und Natur, unternahm viele Reisen und baute sich gemeinsam mit seiner langjährigen Lebensgefährtin ein eigenes Haus, das seinen Bedürfnissen gerecht wurde.

Die Verletzungen von 1982 brachten es jedoch mit sich, dass er nicht nur dauerhaft beeinträchtigt war, sondern immer wieder mit gesundheitlichen Folgeproblemen zu kämpfen hatte. Dieser schleichende Prozess hat zunehmend die Grundlagen seines mühsam erkämpften selbstbestimmten Alltags in Frage gestellt. Am 5. Februar 2010 ist Jürgen Markus 28 Jahre nach seinem Unfall und dem Beginn seines „zweiten Lebens“ im Alter von 52 Jahren gestorben.

Das ist der neue Jürgen-Markus-Preis

Im Gedenken an das Leben und Wirken von Jürgen Markus (1957-2010) verleiht die Stadt Marburg 2012 zum ersten Mal den „Jürgen-Markus-Preis: Marburg barrierefrei“, der mit 20.000 Euro Preisgeld dotiert ist.

Stadträtin Kerstin Weinbach erklärte, dass Jürgen Markus in seinem Leben vorbildlich gezeigt habe, dass Veränderungen für ein barrierefreies Leben in vielen Bereichen notwendig und auch möglich seien. Zur Unterstützung entsprechender Aktivitäten für ein barrierefreies Marburg wurde der ‘Jürgen-Markus-Preis: Marburg barrierefrei’ gestiftet.

Der Preis soll Bürgerinnen und Bürger in Marburg dazu anregen, sich für die Verbesserung der Lebenssituation in ihrer Stadt einzusetzen, so wie es Jürgen Markus bis zu seinem Tod im Februar 2010 getan hat. Beispielhaftes und engagiertes Wirken soll belohnt und anerkannt werden, Vorhaben sollen in der Umsetzung finanziell unterstützt werden. Auch neue Ideen sollen angeregt werden, Kreativität gefördert und entsprechendes Wirken öffentlich bekannt gemacht werden.

Wer kann sich bewerben?

Jeder, der in der Stadt Marburg eine Maßnahme, Initiative oder ein Projekt plant oder bereits begonnen hat, die oder das zur Barrierefreiheit in der Stadt Marburg beiträgt.

Was wird ausgezeichnet?

Der Preis soll beispielhaftes und engagiertes Wirken belohnen und anerkennen sowie zu neuen Ideen anregen. Dies sind Maßnahmen, Initiativen und Projekte:

• zum Abbau von Barrieren in Straßen und Häusern, so dass sie für alle Menschen zugänglich und nutzbar sind (z.B. Begegnungsstätten, Gaststätten, Bürger- und Gemeinschaftshäuser, Vereins- und Versammlungsräume, Kinos, Theater, Konzerträume etc.)

• zum Aufbau des freien Zugangs zu sozialem Leben und Kultur, die eine uneingeschränkte Teilhabe behinderter Menschen in allen Lebensbereichen ermöglichen (z.B. Kinder- und Jugendeinrichtungen, Schule. Arbeit und Beschäftigung etc.)

• auf kreative Weise die Teilhabe und Inklusion von Menschen mit und ohne Behinderungen im sozialen und kulturellen Bereich voran zu bringen

Wo und wie können Sie sich bewerben?

Bewerbungen sind schriftlich als Kurzdarstellung der Maßnahme, Initiative oder des Projektes bei dem Magistrat der Stadt Marburg, Behindertenhilfe, Frau Hühnlein, Friedrichstr. 36, 35037 Marburg einzureichen.

Bis wann können Sie sich bewerben?

Abgabetermin ist Freitag, 15. Juni 2012.

Wer entscheidet über die Verleihung des Preises?

Ein Kuratorium entscheidet darüber, wer den Preis erhält und ob das Preisgeld an ein Projekt geht oder auf mehrere Projekte aufgeteilt wird.

Preisverleihung

Die Preisverleihung findet am Freitag, 15.09.2012 um 15 Uhr im Rathaus statt.

Weitere Informationen

Magistrat der Stadt Marburg, Behindertenhilfe, Frau Hühnlein, Friedrichstr. 36, 35037 Marburg, Tel.: 06421 / 201-525

Kurz-Infos zu Marburg

Die Universitätsstadt Marburg liegt am Ufer des Flusses Lahn und ist mit etwa 80.000 Einwohnern die siebtgrößte Stadt Hessens. In der „Behindertenszene“ ist Marburg bekannt, weil die Stadt sich seit langem für blinde Menschen engagiert. Schon 1971 wurde hier die erste akustische Ampel gebaut. Zirka 1000 blinde Menschen wohnen in Marburg. Hier können sie leichter zur Schule gehen, studieren, Betriebswirte, Juristen oder Journalisten werden. In der Universität, in den Restaurants und in den Geschäften hat man sich den Lebensbedingungen der mobilen Marburger Blinden angepasst.

Quelle: Stadt Marburg

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