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DBS-Chef Beucher: „Gelogen, dass sich Balken biegen“

Vor Beginn der Paralympics kritisiert der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes scharf die Organisatoren. Von Thomas Eßer und Holger Schmidt

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, jubelnd bei den Paralympics am 15. September 2016 in Rio de Janeiro (Brasilien). (Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, jubelnd bei den Paralympics am 15. September 2016 in Rio de Janeiro (Brasilien). (Foto: Kay Nietfeld/dpa)

104 Tage vor Beginn der Paralympics hat Friedhelm Julius Beucher die Organisatoren der Spiele in Pyeongchang (Südkorea) deutlich kritisiert und auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) in die Pflicht genommen. „Bei den Bewerbungsverfahren für Olympische und Paralympische Spiele wird gelogen, dass sich die Balken biegen“, sagte der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). Er erwarte „stärkere Überprüfungen von dem, was angekündigt wurde“, sagte Beucher. „Jedes Mal, wenn ich darüber rede, ärgere ich mich und muss aufpassen, noch einigermaßen diplomatisch zu sein.“

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck, der bei der Ehrung der Behindertensportler des Jahres gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt den Ehrenpreis des DBS erhielt (ROLLINGPLANET berichtete), zeigte sich von den mutigen Worten des Verbands-Präsidenten durchaus beeindruckt. „Wenn es Sie nicht gäbe, müsste man Sie backen“, sagte Gauck.

Umwelt und Nachhaltigkeit

Beucher forderte deutliche Veränderungen: „Ich kann nur an das IOC appellieren, die Bewerber auszuwählen, bei denen man davon ausgehen kann, dass die Menschenrechte okay sind, dass die Umweltpolitik respektiert wird und dass ein Nachhaltigkeitsbewusstsein da ist.“

Beucher kritisierte bei den anstehenden Winterspielen unter anderem die langen Anreisewege der Sportler von ihrer Unterkunft zu den Wettkampfstätten. „Das ist einfach nur ärgerlich und das kann man nicht schönreden“, sagte der DBS-Präsident.

Zudem sorgt sich Beucher aufgrund der Nähe des Olympia-Orts zu Nordkorea und den politischen Spannungen des Landes mit den USA und Präsident Donald Trump um die Sicherheit: „Diese Sorge ist eigentlich latent vorhanden, wenn wir zwei so unberechenbare Staatenlenker haben wie den Herrn in den USA und den Herrn in Nordkorea.“

„Das ist ein bisschen suboptimal“

Die Sportler befürchten nach den Erfahrungen von Test-Wettbewerben im März ebenfalls organisatorische Probleme. „Es wurde gesagt, die Wege seien extrem kurz. Für uns Alpine stimmt das aber einfach nicht“, sagte Anna Schaffelhuber, die zum fünften Mal als Behindertensportlerin des Jahres ausgezeichnet wurde. „Wir fahren pro Weg eine Stunde bis anderthalb. Das kann man ein oder zwei Tage machen, aber über zwei Wochen sind das Umstände, die man sich nicht wünscht.“

Andrea Rothfuss (Archivfoto: Paralympics Sotschi 2014/dpa)

Andrea Rothfuss (Archivfoto: Paralympics Sotschi 2014/dpa)

Slalom-Paralympicssiegerin Andrea Rothfuß sieht es ähnlich. „Im Vorfeld ist alles immer ganz toll. Und dann findet man Bedingungen vor, die nicht leistungsförderlich sind“, sagte sie: „Das ist ein bisschen suboptimal, wenn ich es vorsichtig formuliere. Mit Schlaf und Erholung ist da nicht mehr viel.“ Anna-Lena Forster, die in Sotschi 2014 drei Medaillen gewann, merkte zudem an, „dass die Prüfer“ bei den Anti-Doping-Kontrollen sehr schlecht Englisch sprachen. Die Kommunikation war extrem schwierig. Ich hoffe sehr, dass sie daraus lernen.“

Positiv sei nur, „dass wir schon da waren“, sagte Forster. „Wir haben uns schon einmal über all die Probleme aufgeregt, vielleicht können wir uns nun auf den Sport konzentrieren.“

(dpa)

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