Denise Schindler: Früher Couch-Potato, jetzt Weltmeisterin

Die Radsportlerin will bei der Paracycling-WM in Montichiari ihren Titel in der Einzelverfolgung verteidigen – und danach Paralympicssiegerin in Rio werden. Von Frank Heike

Denise Schindler mit ihrer Silber-Medaille bei den Paralympics 2012 in London. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Denise Schindler mit ihrer Silber-Medaille bei den Paralympics 2012 in London. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Für Denise Schindler könnte es ein gutes Omen sein. Denn die Paracycling-WM im lombardischen Montichiari findet von diesem Donnerstag an auf genau dem Holz-Oval statt, auf dem die 30-Jährige im November 2011 ihre ersten Versuchen als Radsportlerin unternahm. „Ich kann mich noch gut daran erinnern“, sagt Schindler, eine der herausragenden deutschen Behindertensportlerinnen ihrer Sportart, „einmal rauf auf die Bahn, ganz vorsichtig. Ich habe da meine Runden gedreht und das Bahnfahren gelernt.“

Nur knapp viereinhalb Jahre nach den ersten Proberunden peilt Denise Schindler bei den Bahnrad-Titelkämpfen (17. bis 20. März) die Titelverteidigung in der 3000-Meter-Einzelverfolgung sowie Medaillen im 500-Meter-Zeitfahren und Scratch an. Doch die WM soll nur eine Zwischenstation zu den Paralympics im September in Rio de Janeiro sein. Dort strebt sie ihre zweite Medaille nach Silber im Straßenrennen von London 2012 an.

Kampf um nur sechs Startplätze

„Ich habe in Südafrika im Trainingslager das Fundament für die ganze Saison zusammengefahren, bin gesund durchgekommen. Die Chance, mich zu qualifizieren, ist groß“, sagt Schindler. Nach aktuellen Hochrechnungen gibt es nur sechs Rio-Startplätze für die deutschen Frauen, inklusive der Handbikerinnen.

Für Schindlers Heimtrainer Tobias Bachsteffel gibt es keine Zweifel, dass seine Athletin es nach Brasilien schafft. „Ein Leben auf anderthalb Beinen prägt einen. Entweder wächst man daran, oder man leidet. Denise hat enormen Ehrgeiz und Zielstrebigkeit. Sie ist zu einer großen Athletin gewachsen. Die Konkurrenz in Montichiari und Rio wird es schwer haben.“

Paralympics 2012: Denise Schindler (l.) beim Straßenrennen. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Paralympics 2012: Denise Schindler (l.) beim Straßenrennen. (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Verspottet und ignoriert

Seit einem Unfall als Zweijährige, sie rutschte auf glattem Bürgersteig unter eine Straßenbahn, fehlt Schindler der rechte Unterschenkel. Bis sie 13 Jahre alt war, musste sie in jedem Jahr eine Operation überstehen. Nach dem Unfall zog ihre Familie 1989 auch wegen der besseren medizinischen Versorgung von Chemnitz nach Reichenbach in die Oberpfalz. „In der Schule hatte ich null Bock auf Sport“, erinnert sich Schindler.

Von den Mitschülern verspottet und vom Lehrer ignoriert, wurde sie zur Couch-Potato. Nach dem Abitur schleppte sie eine Freundin mit ins Fitness-Studio. Schwitzende Typen saßen dort auf schwarzen Rädern und fuhren sich zu stampfenden Bässen die Seele aus dem Leib – das faszinierte sie. Denise Schindler war 18 Jahre alt, als sie zum ersten Mal auf einem Spinning-Rad saß.

Sportmanagement und Eventmarketing

Die Dachauerin quält sich jetzt gern – insofern überrascht es nicht, dass die härteste Disziplin ihre liebste ist. Die Einzelverfolgung. Heimtrainer Bachsteffel lobt die Professionalität seiner Top-Fahrerin: „Immer gut trainieren, immer gut ernähren, Partys dann verlassen, wenn die harten Drinks auf den Tisch kommen – das ist nicht leicht. Für Denise gehört all das dazu. Sie begreift es als Geschenk, ein Radfahr-Profi sein zu dürfen.“

Quasi nebenbei hat sie ihren Abschluss im dualen Studiengang Sportmanagement und Eventmarketing an der Berufsakademie Riesa gemacht. Sie engagiert sich in einem sozialen Projekt für behinderte Kinder, spricht vor jungen Athleten, füttert die sozialen Netze: was die Energie angeht, scheinen Denise Schindler unendliche Quellen zur Verfügung zu stehen. Das wäre dann auch der einzige kritische Punkt ihres Heimtrainers. „Denise muss ich drosseln. Ihr Ehrgeiz ist immer auf 100 Prozent. Manchmal sind aber auch 80 Prozent genug. Das gibt dann heftige Diskussionen“, sagt Bachsteffel.

(dpa)

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