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Depressionen: „Armut ist Risikofaktor für Körper und Seele“

Vergangene Woche erschien die neue Bundesgesundheitsstudie, derzufolge die Deutschen immer depressiver werden. Warum ist das so? Und was hat es mit dem berühmten Burnout auf sich? Kurz-Interview mit der Psychiaterin und Psychologin Ingrid Munk.

Wenn der Kopf zerspringt... (Foto: Gerd-Altmann/pixelio.de)

Dr. Munk ist Chefärztin am Berliner Vivantes-Klinikum Neukölln.

Nach der neuen Gesundheitsstudie leidet nahezu jede dritte Frau und jeder vierte Mann zeitweise an psychischen Störungen. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen aus der Praxis?

Dr. Ingrid Munk

Ja, das kann ich bestätigen. Psychische Erkrankungen sind keine seltenen Erkrankungen. Wir haben bei seelischen Erkrankungen sehr stark mit dem Thema Stigmatisierung zu tun. Also einer Tendenz, die Krankheit zu verstecken , weil man negative Reaktionen der Umwelt befürchtet. Ich bin froh über jede Studie, die Licht in dieses Dunkel bringt. Ob es eine Tendenz der Zunahme gibt, müssen Epidemiologen klären. Bei schweren Depressionen, die in Kliniken behandelt werden müssen, ist eine Tendenz zur Zunahme aus meiner Sicht fraglich.»

Eine Erkenntnis der Studie ist, dass mit einem guten Bildungsniveau und Leben die Neigung zur Depression sinkt. Sehen sie das als Ärztin auch so?

Wir haben gerade bei schweren psychischen Störungen den Fakt, dass sie häufiger in niedrigen sozialen Schichten auftreten. Wir sehen Armut als Risikofaktor für seelische und körperliche Erkrankungen. Die Studie liefert den Nachweis, dass dies auch für Depressionen gilt.»

Was unterscheidet ein Burn-out-Syndrom von einer Depression?

Der Begriff Burn-out hat in den vergangenen Jahren eine gewisse Popularität erlebt. Es ist aber kein festgeschriebenes Krankheitsbild, das man überall auf der Welt gleich diagnostizieren könnte. Es ist die Beschreibung eines Zustandes von Erschöpfung und Ausgelaugtsein, meist aufgrund der Arbeitssituation. Ein Burn-out kann sich auch in Alkohol – und Medikamentenmissbrauch oder Schlaflosigkeit ausdrücken. Es kann die Vorstufe einer Depression sein oder nicht selten eine Überlappung mit Depressionen. Ich sehe den Begriff als einen Reflex auf den Zeitgeist und vor allem auf veränderte Situationen am Arbeitsplatz – Rationalisierung, Verdichtung, erhöhte Anforderungen an die Flexibilität und ständiges, lebenslanges Dazulernen. Ich sage nur IT. Jede Veränderung fordert Anpassungsleistungen. Manche Menschen schaffen das – andere nicht.

(Ulrike von Leszczynski, dpa)

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