Depressionen und Probleme im Job verschlimmern Rückenschmerz

Zu diesem Schluss kommen australische Forscher beim europäischen Orthopädiekongress EFORT in Berlin.

Ganzheitliche Sichtweise für Rückenprobleme gefordert (Foto: Sergej23/pixelio.de)

Arbeitsfähige Rückenschmerzpatienten haben 41 Krankheitstage pro Jahr. 19 Prozent der Patienten mit moderaten oder starken chronischen Schmerzen verlieren ihre Arbeit, besagt die „Survey of Chronic Pain in Europe“ (Untersuchung über chronischen Schmerz in Europa). Der Rückenschmerz stellt somit nicht nur für Betroffene, sondern auch für Volkswirtschaften eine erhebliche Belastung dar, die etwa für Deutschland mit 50 Mrd. Euro oder zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes beziffert wird.

60 bis 90 Prozent der Bevölkerung sind im Leben zumindest einmal davon akut betroffen, wobei die größte Gefahr darin bestellt, dass die Beschwerden chronisch werden.

Wechselwirkung zwischen Körper und Seele

Um herauszufinden, was Rückenschmerz chronisch macht oder davor schützt, untersuchten die Forscher um Markus Melloh vom Western Australian Institute for Medical Research Patienten, die wegen Rückenschmerzen beim Hausarzt erschienen. Nach sechs Monaten Behandlung zeigte sich: Gefährdet sind jene, die im Job innerlich resignieren, da sie sich am Arbeitsplatz nicht wohlfühlen. Gibt es Interventionen im Betrieb, schützt das vor Dauerschmerz. Derartige Maßnahmen rechnen sich laut Studie, ersparen sie doch Krankenstandstage, Spitalsaufenthalte sowie Arzt- und Medikamentenkosten.

Dass bei der Therapie auch psychosoziale Probleme erkannt werden müssen, zeigte Mellohs Team anhand der Genesungsverläufe von Rückenschmerz-Patienten. 18 Prozent von 300 Untersuchten wurden als depressiv eingestuft, zudem litt diese Gruppe im Vergleich zum Rest an höherem Schmerzpegel und Funktionseinschränkungen sowie an mehr Berufsstress.

Nur bei Nicht-Depressiven verlief die Genesung kontinuierlich und zeigte Besserungen zumindest nach der sechsten Therapiewoche. Bei Depressiven, jedoch auch bei Grüblern und jenen, die Probleme häufig wiederkäuten oder sie aufblähten, war dies oft nicht der Fall.

Ganzheitliche Sichtweise empfohlen

Ende der 1990er-Jahre konnte bei Boeing-Mitarbeitern nachgewiesen werden, dass Rückenprobleme nicht bei mit schweren Gegenständen Hantierenden auftreten, sondern vorrangig bei jenen in schlechten Jobpositionen oder ungünstigen Räumen, berichtet Christian Lampl, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft.

Zunehmend setze sich das „biopsychosoziale Schmerzmodell“ durch: „Es besagt, dass sich biologische und psychosoziale Ebenen gegenseitig beeinflussen. Die Wahrnehmung und Verarbeitung des Schmerzes sowie seine Bewältigung stehen mit Faktoren wie Arbeitsleid, frühere Misshandlung oder Migration in Wechselwirkung“, erklärt der Schmerzspezialist.

Ebenso wie Studienleiter Melloh für die Rückenschmerz-Behandlung von Depressiven das gezielte Achten auf die seelische Verfassung empfiehlt, fordert auch Lampl eine ganzheitlichere Sichtweise. „Der Weg zu einer eigenständigen Schmerzmedizin muss geebnet werden. Da chronischer Rückenschmerz Hausärzte meist überfordert, braucht es interdisziplinäre Teams mit Neurologen, Anästhesisten, Psychologen und geschulten Pflegern.“

Langfristiges Ziel sei allerdings die Prävention, die sowohl bei Kindern – etwa durch ausreichend Bewegung – als auch in der Arbeitsgestaltung ansetzen müsse.

(pte)

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