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Depressionen: Wenn das Herz wie betäubt ist

Die Leiden der Betroffenen werden oft unterschätzt – ebenso wie die guten Behandlungsmöglichkeiten. Sechster und letzter Teil unserer Serie „Deutschland, Deine Volkskrankheiten“. Von Anja Reumschüssel

Serie Volkskrankheiten 6 Depressionen

Jede Bewegung kostet unheimliche Überwindung, Körper und Herz sind taub, Emotionen gibt es nicht mehr – nur noch ein grauer, farbloser Schleier, der über jedem Tag liegt.

Norbert Sobiejewski kennt diesen Zustand seit 50 Jahren. Im Alter von 13 Jahren fing es an, mit 16 ertränkte er den Schmerz mit Alkohol. Erst als er 40 war, diagnostizierte ein Arzt die Depression. Wie sich die Krankheit anfühlt, ist schwer zu erklären.

Jeder Fünfte erkrankt einmal an Depression

Jeder fünfte Bundesbürger erkrankt nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe einmal im Leben an einer Depression. Manche Menschen überleben sie nicht, weil sie sich das Leben nehmen. Die Depression ist eine der bedeutendsten Krankheiten weltweit – und wird trotzdem immer noch unterschätzt.

Insgesamt leiden in Deutschland derzeit etwa vier Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. Es könnten auch mehr sein. Denn gerade bei alten Menschen wird die Krankheit oft nicht erkannt, sie leben zurückgezogen und fallen zum Beispiel nicht durch Leistungsabfall im Beruf auf. Menschen, die wegen Depression behandelt werden, sind meistens jünger. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer.

So zerstört Depression den Alltag

Depression ist mehr als Traurigkeit. Sie ist das Gefühl der absoluten Sinnlosigkeit und die Überzeugung, dass sich dieser Zustand niemals bessern wird. Gefühle, die das Leben lebenswert machen, sind wie betäubt.

Deswegen interessieren sich Depressive auch kaum noch für etwas. Hobbys, Arbeit, manchmal sogar Familie und Freunde scheinen völlig bedeutungslos. Manche Betroffene sind außerdem nervös, ängstlich und angespannt.

Professor Ulrich HegerlZusätzlich sind körperliche Schmerzen möglich – Beschwerden, bei denen der Arzt keine physische Ursache findet.

Bis zu 70 Prozent der Patienten mit Depression gehen nur wegen körperlicher Symptome zum Hausarzt, schätzt Prof. Ulrich Hegerl (Foto rechts) von der Universität Leipzig, Vorsitzender der Deutschen Depressionshilfe.

Nicht alle Ärzte erkennen die Symptome

Deswegen ist es wichtig, bei der Suche nach Hilfe mit dem Arzt auch über Gefühle zu reden und den Verdacht auf eine Depression anzusprechen. Sobiejewskis Arzt hat die Depression nicht sofort erkannt. Sie ist anfangs leicht zu übersehen.

Betroffene können noch unter großer Anstrengung richtig funktionieren. Doch Menschen mit schwerer Depression hören irgendwann auf, sich selbst zu versorgen, essen und trinken nicht mehr. Wenn die Depression so stark ist oder wenn sich Selbsttötungsgedanken aufdrängen, hilft erst einmal nur eine stationäre Behandlung. Bei leichteren Formen der Depression sind Psychotherapie und eventuell Medikamente Mittel der Wahl.

Das sind die Behandlungsmethoden

Bewährt hat sich eine kognitive Verhaltenstherapie oder eine interpersonelle Psychotherapie in Verbindung mit Antidepressiva. Die Medikamente behandeln die körperliche Seite der Depression: Sie wirken auf Botenstoffe im Gehirn, die neben äußeren Umständen ebenfalls für Depressionen verantwortlich sind.

Abhängig machten Antidepressiva nicht, betont Hegerl. Die Therapie behandelt die psychosoziale Seite der Krankheit. Sie hilft, Konflikte zu lösen, die Kommunikation mit anderen zu verbessern, Stress zu bewältigen. Der Patient lernt, mit der Depression umzugehen, den Beginn neuer Depressionsschübe zu erkennen und entsprechend entgegenzuwirken.

Auch ambulante Behandlung möglich

Droht keine akute Gefahr für den Patienten, ist die Behandlung ambulant möglich. „Prinzipiell wissen wir, dass es depressiven Menschen gut tut, eher in ihrem System mit Arbeit, Beziehung und Hobbys zu bleiben“, sagt Nico Niedermeier, niedergelassener Psychotherapeut in München. Auch Schlafentzug kann helfen, weil Schlaf oft depressionsverstärkend wirkt.

Während die Betroffenen leiden und sich Hilfe suchen müssen, leiden Familie und Freunde mit. Häufig wissen Angehörige nicht, wie sie mit dem Kranken umgehen sollen, verstehen die Depression nicht.

Deswegen rät Niedermeier allen Angehörigen depressiver Patienten: „Holen Sie sich selbst Hilfe.“ Im Internet oder in Selbsthilfegruppen können sich Angehörige austauschen, sich die eigene Last und Hilflosigkeit von der Seele reden.

So wichtig sind Selbsthilfegruppen

Geht doch – mit einer Selbsthilfegruppe geht es oft leichter (Illu: ika)

Geht doch – mit einer Selbsthilfegruppe geht es oft leichter (Illu: ika)

Selbsthilfegruppen gibt es natürlich auch für die Betroffenen. Viele Menschen haben Angst vor dem Stigma einer psychischen Erkrankung.

Umso wichtiger ist es, Menschen kennenzulernen, die das Problem kennen und verstehen. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann außerdem helfen, die Angst vor Gesprächen mit Angehörigen, Freunden oder dem Chef zu nehmen und Lösungen aufzeigen.

Wieder aus dem Loch herauskommen

Norbert Sobiejewski hat selbst in Lüneburg zwei Selbsthilfegruppen gegründet. Dort rät er anderen Betroffenen zum Beispiel, dass es wichtig ist, sich für jeden kleinen Erfolg selbst zu belohnen und sich nicht unter Druck zu setzen.

Der 64-Jährige weiß, wie es ist, mit der Krankheit zu leben. Eine Gesprächstherapie hat ihm geholfen, damit umzugehen. Doch noch immer hat er Suizidgedanken. Er sagt aber: „Heute kann ich mir Hilfe holen, wenn ich in ein Loch falle.“ Und mit Hilfe von Therapeuten und anderen Betroffenen findet er aus dem Loch auch wieder heraus.

Internet
Diskussionsforum vom Bündnis gegen Depression und der Stiftung Deutsche Depressionshilfe
Deutsches Bündnis gegen Depression
Stiftung Deutsche Depressionshilfe
Selbsthilfe bei Depression in Lüneburg

(dpa/tmn)

Serie: Deutschland, Deine Volkskrankheiten
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1 Kommentar

  • Andrea

    Sicher sind Psychotherapie und Pharmakologie gute und auch hilfreiche Behandlungsmethoden bei einer klinischen Depression. Aber leider wird gerade vom Umfeld eines von einer Depression betroffenen Menschen zuviel davon erwartet. Da werden die Betroffenen zusätzlich unter Druck gesetzt, besonders wenn die Remission zu lange dauert und das Umfeld die Geduld verliert oder wenn die Heilung nicht vollständig erfolgt. Man unterstellt dem Depressiven, dass dessen behandelnder Psychiater nichts tauge oder noch schlimmer, dass dieser ja nur nicht gesund werden wolle. Da werden teilweise hanebüchene Ratschläge gegeben, wie man die Depression loswerden könne und wenn man diese nicht befolgt, sind die Schlägeverteiler auch noch beleidigt und wenden sich ab, was besonders für einen Depressiven sehr schlimm ist. Die Behandlung einer Depression führt nunmal nicht in allen Fällen zur vollständigen Remission, sondern lediglich zu einer Verbesserung der Symptomatik und damit zu einer Steigerung der Lebensqualität, was für den Betroffenen schon eine große Erleichterung darstellt. Hier wäre ein wenig mehr Verständnis und Einfühlungsvermögen des Umfeldes dem Betroffenen gegenüber sinnvoll, die Akzetanz, dass der Depressive eben nicht so kann, wie man das gerne hätte. Die Krankheit Depression an sich ist schon schlimm genug, da braucht es nicht noch die Verschlimmerung der Situation durch Druck von Außen und unqualifizierte Kommentare.

    1. Juni 2013 at 15:39

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