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Depri in Hamburg

Psychotherapeuten kritisieren monatelanges Warten auf Behandlung. Von Julia Ranniko

Hamburg: Brücke in der Speicherstadt (Foto: Ich-und-Du/pixelio.de)

Hamburg: Brücke in der Speicherstadt (Foto: Ich-und-Du/pixelio.de)

Depressive oder angstkranke Patienten können in Hamburg meist erst nach monatelanger Wartezeit mit einer Psychotherapie beginnen. Obwohl psychische Erkrankungen seit Jahren zunehmen, sei die Zahl der niedergelassenen Psychotherapeuten nach Daten der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg zwischen 2003 und 2011 um mehr als 17 Prozent zurückgegangen, teilte die Psychotherapeutenkammer Hamburg am Mittwoch mit.

„Das bedeutet mehr als 200 Praxen weniger für die ambulante Versorgung.“ Die Gesundheitsversorgung für die Betroffenen habe mit dem Anstieg des Behandlungsbedarfs nicht Schritt gehalten.

Mehr als 3 Monate Wartezeit

Im vergangenen Jahr waren psychische Krankheiten in der Hansestadt laut DAK-Gesundheitsreport erstmals die Hauptursache für Fehltage im Job. Mit einem Anteil von 20,4 Prozent an allen Ausfalltagen lagen seelische Erkrankungen noch vor Muskel-Skelett-Erkrankungen – wie etwa Rückenschmerzen – und Atemwegsinfekten.

Nach einer Umfrage der Psychotherapeutenkammer Hamburg aus dem Jahr 2011 warten Patienten im Schnitt mehr als drei Monate auf einen Termin für ein Erstgespräch und mehr als fünf Monate auf den Beginn einer Psychotherapie. Statt früh und ambulant würden Menschen spät und stationär behandelt – was mit erheblichen Kosten verbunden sei.

Hamburg ist theoretisch sogar überversorgt

Die vom Gemeinsamen Bundesausschuss – dem höchsten Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen – beschlossene Bedarfsplanungsrichtlinie drohe diese Unter- und Fehlversorgung noch zu verschärfen, kritisierte die Kammer. Die Richtlinie gibt die Zahl der Arzt- und Psychotherapie-Praxen pro Einwohnerzahl bundesweit vor.

„Denn nach dieser bundesweiten Vorgabe ist Hamburg zu circa 170 Prozent überversorgt.“ Damit wären weitere 326 Kassensitze für
Psychotherapeuten vom Abbau bedroht, hieß es.

Schnelle Maßnahmen gefordert

Weil jedoch Behandlungsbedarf und -angebot auseinanderklafften, könnten die Bundesländer die bundesweiten Vorgaben zur Bedarfsplanung den regionalen Erfordernissen anpassen. Hamburg habe als eines der ersten Länder per Gesetz eine sogenannte Landeskonferenz-Versorgung geschaffen, die an diesem Donnerstag von Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) eingesetzt wird.

„Zur Lösung der drängenden Probleme benötigt Hamburg ein schnell greifendes Maßnahmenbündel, das von allen Verantwortlichen einvernehmlich erarbeitet wird“, erklärte der Präsident der Psychotherapeutenkammer, Prof. Rainer Richter.

Die Kammer fordert unter anderem mehr Behandler in unterversorgten Stadtgebieten, eine flexiblere Gestaltung der ambulanten Behandlung psychisch Kranker sowie spezialpsychotherapeutische Angebote für Patienten mit besonders komplexen Erkrankungen.

Internet: Hilfe für suizidgefährdete Menschen in Hamburg

(RP/dpa, Julia Ranniko)

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