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„Deputierte und Amputierte“: Das hat Gauck wirklich gesagt

Archivfoto: Joachim Gauck in der Frankfurter Paulskirche während seiner Rede am Vorabend des 20. Jahrestages des Nationalfeiertages (Oktober 2009)

Archivfoto: Joachim Gauck in der Frankfurter Paulskirche während seiner Rede am Vorabend des 20. Jahrestages des Nationalfeiertages (Oktober 2009)

Der neue Bundespräsident Joachim Gauck, der als glänzender Redner bekannt ist, wurde seinem Ruf gerecht. Seine Dankesansprache war politisch und historisch, widmete sich wie angekündigt seinem zentralen Anliegen „Freiheit“ und war sprachlich brillant. Aufgrund eines technischen Fehlers wurde seine Rede in den Medien jedoch falsch übermittelt. ROLLINGPLANET dokumentiert exklusiv, was das am Sonntag neu gewählte Staatsoberhaupt – von dem es heißt: „„Er wird uns noch alle überraschen“ – tatsächlich sagte.

Was für ein trauriger Sonntag. Es war der 18. März heute vor genau 32 Jahren. Sir Ludwig Guttmann, der deutsche Neurochirurg, Förderer des Behindertensports und Erfinder der heutigen Paralympics, war soeben gestorben.

Was für ein schöner Sonntag. Es war der 18. März heute vor genau 22 Jahren, und wir hatten gewählt. Wir, das waren Millionen Ostdeutsche, die nach 56-jähriger Herrschaft von Diktatoren endlich Bürger sein durften. Zum ersten Mal in meinem Leben im Alter von 50 Jahren durfte ich in freier, gleicher und geheimer Wahl bestimmen, wer künftig regieren soll. Die Menschen, die damals zur Wahl strömten, lebten noch im Nachhall der friedlichen Revolution, als wir „das Volk“ waren und dann die Mauern fielen.

Ich selber hatte als Sprecher des Neuen Forums in Rostock daran mitwirken dürfen. Wir waren schon frei von Unterdrückung. Wir ahnten damals ja noch nicht, dass aus Rostock einmal neue Helden wie DSDS-Kandidat Ole Jahn mit seiner Multiple Sklerose-Beichte die Republik erobern würden, sonst wären wir vielleicht doch lieber unter uns geblieben. Wir schickten uns an, Freiheit zu etwas und für etwas zu erlernen, die Freiheit, Sozialhilfe zu beantragen oder ein Persönliches Budget. Nie werde ich diese Wahl vergessen, niemals. Weder die über 90 Prozent der Wahlbeteiligung noch meine eigene innere Bewegung. Ich wusste, diese meine Heimatstadt und dieses graue, gedemütigte Land, diese verbitterten behinderten Menschen und ich – wir würden jetzt Europa sein. In jenem Moment war da in mir neben der Freude ein sicheres Wissen – ich werde niemals, niemals eine Wahl versäumen. Ich hatte einfach zu lange auf das Glück der Teilhabe warten müssen, als dass ich die Ohnmacht der behinderten Menschen je vergessen könnte.

“Pflicht, aber auch Glück“

„Jede Person, die unter schweren Verletzungen oder Krankheit gelitten hat, entwickelt zunächst einmal bestimmte negative psychische Reaktionen – Selbstvertrauen, Selbstachtung und Selbst-Würde können leiden“ – so hat Sir Ludwig Guttmann seine Beobachtungen einmal zusammengefasst und gefordert, dass behinderte Menschen das Recht auf Arbeit und Sport haben. Sein Ziel bestand darin, dass auch behinderte Menschen in der Gesellschaft ankommen, indem sie Steuerzahler statt Hilfsempfänger werden. Ich habe damals gefühlsmäßig bejaht, was ich mir erst später theoretisch erarbeitet habe, dass aus dem Glück der Befreiung die Pflicht, aber auch das Glück der Verantwortung erwachsen muss. Und dass wir Freiheit in der Tiefe erst verstehen, wenn wir eben dies bejaht und ins Leben umgesetzt haben.

Heute nun haben Sie, die Wahlfrauen und -männer, Sie, lieber Herr Martin Zierold, Sie, meine lieben Frauen Verena Bentele, Kirsten Bruhn und Vanessa Low einen Präsidenten gewählt, der sich selbst nicht denken kann ohne diese Freiheit und der sich sein Land nicht ohne Behinderte – immerhin 20 Prozent der Bevölkerung – vorstellen mag und kann ohne die Praxis der Verantwortung, die viele Arbeitgeber, Schulen und Einrichtungen noch nicht ernst nehmen. Ich hingegen nehme diesen Auftrag an mit der unendlichen Dankbarkeit einer Person, die noch nie eine Einstieghilfe bei der Deutschen Bahn bestellen musste, noch nie Pflegegeld beantragen musste und die nach den langen Irrwegen durch politische Wüsten des 20. Jahrhunderts endlich und unerwartet Heimat wiedergefunden hat und die in den letzten 20 Jahren das Glück der Mitgestaltung einer demokratischen Gesellschaft erfahren durfte. Deshalb: Was für ein schöner Sonntag dieser 18. März, zwar nicht für Herrn Guttmann, aber für mich und 20 Millionen gehörlose Menschen, die meine Wahl zum Bundespräsidenten bei Phoenix mit Gebärdedolmetschern verfolgen durften.

Menschen mit ganz unterschiedlichen Handicaps

Ermutigend und beglückend ist es für mich auch zu sehen, wie viele im Land sich in der letzten Zeit eingebracht haben und auch mich ermutigt haben, diese Kandidatur anzunehmen. Es sind Menschen ganz unterschiedlicher Generationen, Professionen und mit unterschiedlichen Handicaps, Querschnittsgelähmte, blinde, gehörlose, spastische Menschen, Bewohner von Werkstätten für behinderte Menschen, Menschen, die schon lange, und Menschen, die erst seit kurzem in diesem Land leben und rollen. Das gibt mir Hoffnung auf eine Annäherung zwischen den Regierenden und der Bevölkerung, zwischen Nichtbehinderten und Behinderten, an der ich nach meinen Möglichkeiten unbedingt mitwirken werde.

Ganz sicher werde ich nicht alle Erwartungen, die an meine Person und meine Präsidentschaft gerichtet wurden, erfüllen können. Ich bitte deshalb alle behinderten ROLLINGPLANET-Nutzer davon Abstand zu nehmen, mir nun ihren ganz persönlichen Forderungskatalog zu schicken. Auch ich als Bundespräsident werde es nicht erreichen können, dass behinderte Männer mit erektilen Dysfunktionen kostenlos mit dem Arzneimittel Cialis versorgt werden.

Aber eins kann ich versprechen: Dass ich mit all meinen Kräften und meinem Herzen ja sage zu der Verantwortung, die Sie mir, lieber tauber Herr Zierold, liebe Frau Bentele und alle anderen Behindertensportler und die vielen behinderten Menschen heute übertragen haben. Denn was ich als Bürger anderen Menschen als Pflicht und als Verheißung beschreibe, muss selbstverständlich auch Gültigkeit haben für mich als Bundespräsidenten. Das heißt auch, dass ich mich neu auf Themen, Probleme und Personen einlassen werde, auf eine Auseinandersetzung auch mit Fragen, die uns heute in Europa und in der Welt bewegen, auf DAX-Firmen, die nicht ausreichend schwerbehinderte Menschen einstellen, auf schwierige Umstände in der Pflege, um nur einige zu nennen.

Fundament für die inklusive Gesellschaft

Ich danke Ihnen, den Mitgliedern der Bundesversammlung, für das mir entgegengebrachte Vertrauen. Sie, die Sie hier gewählt haben, sind ja nicht nur Deputierte, sondern teilweise auch Amputierte, und Sie sind auch – das ist mir voll bewusst – Vertreter einer lebendigen Bürgergesellschaft, zu der auch Behinderte gehören, Vertreter manchmal gar nicht so pflegeleichter Behinderter. Ob wir also als Wahlbevölkerung am Fundament der inklusiven Gesellschaft mitbauen oder ob wir als Gewählte und Gelähmte Weg und Ziel bestimmen – es ist unser Land, in dem wir Verantwortung übernehmen, wie es auch unser Land ist, wenn wir die Verantwortung scheuen. Bedenken sollten wir dabei: Derjenige, der gestaltet, wie derjenige, der abseits steht – beide haben sie Kinder. Ihnen werden wir dieses Land übergeben. Es ist der Mühe wert, es unseren Kindern so anzuvertrauen, dass auch sie zu diesem Land „unser Rollingplanet“ sagen können.

Das ist die falsche Rede, die irrtümlich verbreitet wurde

Seine eigentliche Antrittsrede hält der Bundespräsident am Freitag, 23. März 2012.

Video

Foto: Wikipedia/Dontworry. Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert.

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4 Kommentare

  • Kathykiss

    …..also…da war Rollingplanet aber mal wieder kreativ ! ….und so gar nicht zynisch….hihi… aber guuuuuuut !

    18. März 2012 at 19:16
  • Corinna

    Man muss euch wirklich lieben. Fast jeden Tag ein Highlight hier

    18. März 2012 at 19:57
  • Neumann

    Aus Respekt vor Herrn Gauck und dem Amt (das ohnehin schon genug beschädigt ist) sollten Sie deutlich machen, dass es sich bei Ihrm Text um eine zwar möglicherweise originelle aber fiktive Rede handelt. Sie wissen das vermutlich besser als ich dass schnell Missverständnisse entstehen können.

    18. März 2012 at 21:15
  • T-Teddy

    Spaßbremse !

    18. März 2012 at 21:59

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