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Der Busengrabscher – ein schwarzes blindes Schaf

Dialogmuseum Frankurt: Wie sich ein blinder Museumsführer ein besonderes taktiles Erlebnis verschaffte.

„Dialog im Dunkeln“ ist eine Ausstellung zur Entdeckung des Unsichtbaren – hier erhalten die Besucher eine Einweisung (Foto: Dialogmuseum)

„Dialog im Dunkeln“ ist eine Ausstellung zur Entdeckung des Unsichtbaren – hier erhalten die Besucher eine Einweisung (Foto: Dialogmuseum)

Auch unter behinderten Menschen gibt es bekanntlich Arschlöcher (und mit ziemlich großer Sicherheit genauso viele wie unter Nichtbehinderten, fürchtet ROLLINGPLANET). Der blinde Mustapha G. scheint ein solches zu sein. Vor dem Landgericht Frankfurt wurde der 44-Jährige diese Woche wegen sexueller Übergriffe zu 10 Monaten auf Bewährung und jeweils 250 Euro Schmerzensgeld für seine beiden Opfer verurteilt.

Mustapha G. war seit 2006 im Frankfurter Dialogmuseum aushilfsweise als „Museums-Guide“ beschäftigt. In den lichtlosen Räumen des Museums – das sich zum Ziel gesetzt hat, Verständnis für blinde Menschen zu vermitteln und Arbeitsplätze für blinde Menschen zu schaffen – führen sehbehinderte Mitarbeiter Gruppen durch die Ausstellungsräume. Hier werden Exponate gefühlt, gerochen, gehört, die Augen haben Pause. Die Finger von Mustapha G. hatten keine Pause, sondern entschieden sich für eine eigenwillige Interpretation von Discovering Hands: Während einer Führung belästigte er im Juni vergangenen Jahres zwei Besucherinnen, darunter ein 16-jähriges Mädchen.

Vor Gericht erinnert es sich: „Ich spürte seine Hand auf meiner Brust, dachte erst, das kann vorkommen. Als es nicht aufhörte, wusste ich, dass es kein Zufall ist, ich habe mich unwohl gefühlt.“ Richterin Dr. Kramer begründete ihr Urteil: „Für mich steht zweifelsfrei fest, dass es Berührungen im Bereich der Geschlechtsorgane gegeben hat. Ein Umgreifen der Brust und Dranziehen ist keine zufällige Hilfestellung.“

Wie sucht das Museum seine Mitarbeiter aus?

Klara Kletzka Leiterin der Dialog Museums Frankfurt am MainFür die rührige Gründerin und Geschäftsführerin Klara Kletzka (Foto) und ihr Team, die seit Jahren um die Existenz des Dialogmuseums kämpfen, ist der Vorfall ein Schock.

„Wir haben uns damals, als uns die Vorwürfe gemeldet wurden, unverzüglich von Mustapha G. getrennt“, betont Kletzka gegenüber ROLLINGPLANET. „Für uns ist das alles sehr bitter, da so etwas unserem Haus natürlich immer schadet, denn etwas bleibt meistens hängen“ – in diesem Fall sicherlich zu Unrecht.

Das Dialogmuseum Frankfurt beschäftigt derzeit 14 blinde oder stark sehbehinderte Mitarbeiter in Festanstellung und zwölf Mitarbeiter auf Stundenbasis, die die Besucher durch die Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ dirigieren. „Voraussetzung für die Bewerbung als Guide ist immer ein hoher Grad an Sehbehinderung. Die Auswahl der Mitarbeiter erfolgt in einem mehrstufigen Bewerbungsverfahren, das die Eignung insbesondere in kommunikativer, mobiler und pädagogischer Hinsicht aber auch im Umgang mit der eigenen Behinderung gegenüber Besuchern prüft, die ja täglich Gegenstand der Besucherfragen ist“, beschreibt Kletzka die Personalakquise.

„Erweist sich ein Bewerber als geeignet, durchläuft er ein drei- bis sechswöchiges Training, in dessen Verlauf er zunächst andere Guides begleitet, bevor er angeleitet immer mehr Verantwortung für eine Gruppe übernimmt. In der Ausbildung werden nicht nur der Parcours und alle sicherheitsrelevanten Aspekte trainiert, es wird unter anderem auch eine spezielle Technik in Ansprache und Berührung der Gäste vermittelt.“

„Code of Conduct“ zum Umgang mit Gästen

Busengrapschen gehört freilich nicht zu den speziellen Techniken: „Wir haben einen ,Code of Conduct‘ (Kodex für Lotsen) zum Umgang mit Gästen in der Dunkelheit erarbeitet, der allen Guides vermittelt wird und für diese absolut verbindlich ist. Der Verhaltenscodex ist Basis des Trainings, hier ist festgelegt, wie man Gäste anspricht oder berührt, wenn eine Berührung erforderlich scheint. Alle Guides sind angehalten, versehentliche Berührungen, die auf eine belästigende Handlung hindeuten könnten, zu vermeiden und werden hierin geschult.“

Das Frankfurter Dialogmuseum in der Hanauer Landstraße 137-145 (Foto: Dialogmuseum)

Das Frankfurter Dialogmuseum in der Hanauer Landstraße 137-145 (Foto: Dialogmuseum)

Das Thema sexuelle Belästigung werde bei der Ausbildung der Guides ebenso wie bei regelmäßig stattfindenden Kontrollen und Qualitätssicherungen stets angesprochen, versichert das Dialogmuseum. Beschwerden diesbezüglich oder Verdachtsmomente gelten als sofortiger Kündigungsgrund. Qualitätssicherungen fänden für alle Guides regelmäßig alle drei Monate statt, auf Wunsch auch häufiger – hierbei begleitet der Teamleiter zur Qualitätssicherung die Führungen der einzelnen Guides und beurteilt diese.

Das Dialogmuseum hat seit seiner Eröffnung 2005 rund 665.000 Besucher durch die Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ geführt. Insgesamt haben laut Angaben 100 blinde und sehbehinderte Menschen hier eine temporäre oder feste Beschäftigung gefunden. In den vergangenen acht Jahren gab es zwei Fälle, „in denen sich ein Verdacht auf absichtliche Berührung nicht sofort wieder entkräften ließ. Von beiden Guides hat sich das Museum umgehend getrennt“.

Unser ROLLINGPLANET-Tipp für Opfer: Hauen Sie in solch einem Fall dem Behinderten auf die Finger – egal, ob er blind oder Rollstuhlfahrer ist, Spastiker oder gehörlos. Und dann treten Sie ihm noch in die Weichteile. So viel Inklusion muss sein.

(RP)

Webseite: Dialogmuseum

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3 Kommentare

  • Sebastian

    Ich mein, dass solche Artikel immer sensationslüstern geschrieben sein müssen, ist standard. Aber hier zu Gewalt aufzurufen finde ich mit sehr krimineller Energie verbunden. Zitat aus dem letzten Absatz: „Und dann treten Sie ihm noch in die Weichteile. So viel Inklusion muss sein.“ Notwehr verstehe ich ja aber was hat das mit Inklusion zu tun? Nichts! Zumal hier Anweisungen gegeben werden, die versehentlich zustande gekommene Berührungen mit Körperverletzung quittieren. Was ist das denn für ein Verhalten? Unter jedem Niveau, ehrlich. Es wird sich hier über Bushido und seine Freunde beschwert, dass er ein Parkplatzschwein sei aber selbst begibt sich der Redakteur in ähnliche, rhetorische, Gefilde. Sehr peinlich! Wenn man so daher schreibt, dann ist es kein Wunder, warum Teile der Gesellschaft Menschen mit Behinderungen nicht „normal“ anerkennen…

    19. Mai 2014 at 01:33
  • Patrick

    @Sebastian: Inklusion wohl deshalb weil man es bei einem Nicht-eingeschränkten eben so handhaben würde 🙂

    Klar, der „Aufruf zur Gewalt“ ,wie du es nennst, is nie berechtigt. Trotzdem ist es hier wohl angebracht sich zur Wehr zu setzen. Sollte sich eine Frau begrabschen lassen nur weil der Grabscher eine Behinderung hat? Ich glaube doch wohl eher nicht… zumal hier nicht von „versehentlich zustande gekommenen Berührungen“ die Rede ist sondern von öfteren bzw. länger andauernden Berührungen. [„Ich spürte seine Hand auf meiner Brust, dachte erst, das kann vorkommen. Als es nicht aufhörte, wusste ich, dass es kein Zufall ist, ich habe mich unwohl gefühlt.“]

    20. Mai 2014 at 09:24
  • Onkel Emma

    @Seb Das ist nicht Gewalt, sondern kann eher als Notwehr ausgelegt werden, in diesem Fall hat sich die Situation umgedreht, der Sehende ist der Hilflose und der Blinde der Täter. Leider gehören seuxelle Übergriffe durch Behinderte, die ihre Stellung ausnutzen durchaus zur Tagungsordnung, hört euch mal bei Leuten um, die in Pflegeeinrichtungen arbeiten. Ich kannte auch einmal einen Blinden, der seine Hände immer in Brusthöhe hatte, in einer Blindeneinrichtung, rate mal, warum.

    21. Mai 2014 at 14:02

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