Der deutsche Weltmeister scheitert – und regt sich (zu Recht) mächtig auf

Elektrorollstuhl-Hockey: Die deutsche Nationalmannschaft belegte unter kuriosen Umständen den 4. Platz bei der Europameisterschaft 2012 in Finnland. Die Niederländer holen den Titel. Von Julian Wendel

Die Deutsche Nationalmannschaft im Elektrorollstuhl-Hockey: Görkem Oguz, Olga Ulrich, Timo Kupke, Stefan Utz, Andreas Vogt, Silvio Grubert, Jörg Diehl, Julian Schorr, Eva-Maria Berndl, Paul Emmering.

Gestern ging im finnischen Nastola die EM im Elektrorollstuhl-Hockey (4. bis 11. Juni) zu Ende. Im Fußball heißt es: Es ist schwieriger, Europameister als Weltmeister zu werden. Eine ähnliche Erfahrung mussten die deutschen E-Rollstuhl-Hockeyspieler nun machen – wenngleich nicht nur aus sportlichen Gründen. Außerhalb des Spielfelds ließ man sich austricksen.

Die Deutsche Nationalmannschaft reiste als amtierender Weltmeister zu dem Turnier und war somit einem besonderen Druck ausgesetzt. Bundestrainer Deniz Genç musste dabei den Abgang von drei Leistungsträgern kompensieren und gleichzeitig den hohen Erwartungen gerecht werden. Geglückt ist das Vorhaben nicht: Unsere deutsche Natio belegte nur den vierten Platz. Europameister wurde Holland, das im Endspiel Belgien mit 10:3 besiegte.

Ganz lockerer Auftaktsieg

Das Logo der EM 2012 im E-Rollstuhl-Hockey

In der Gruppenphase lief noch alles nach Plan. Die Underdogs aus Slowenien bezwang man locker mit 12:1. Dabei erhielt jeder der zehn Spieler im deutschen Kader seine Einsatzzeit und die Rookies Berndl, Grubert und Kupke schossen ihre ersten Tore. Im zweiten und dritten Gruppenspiel warteten schon andere Kaliber – nicht ohne Grund wurde die Gruppe B mit den normalerweise üblichen Halbfinal-Anwärtern Deutschland, Italien und Finnland als Todesgruppe bezeichnet. Doch in den direkten Duellen bewahrten die Deutschen dank ihrer individuellen Klasse knapp die Oberhand: Ein 6:5-Sieg gegen Finnland und ein 4:4-Remis gegen Italien bedeutete nicht nur den Einzug ins Halbfinale, sondern auch den Gruppensieg, dank dem man den übermächtigen Niederländern in der Vorschlussrunde aus dem Weg ging.

Im Halbfinale an Belgien gescheitert

So glücklich die Mannschaft nach diesen erfolgreichen Partien war, so trügerisch und auf dünnem Eis gebaut war dieser Erfolg. Denn im Halbfinale gegen die unkonventionell agierenden Belgier spielte man ähnlich ambitioniert, bekam aber gleich zu Beginn drei Gegentore und konnte sich auch durch taktische und personelle Wechsel nicht mehr richtig davon erholen. Die deutsche Defensive bekam den besten Spieler des Turniers Björn Sarrazyn zwar immer besser in den Griff, die Offensive blieb allerdings viel zu unkreativ und durchschaubar. Am Ende hieß es 9:5 für die Belgier, die in den letzten Minuten leichte Konterangriffe zu drei Toren verwerteten und so verdient gewannen, wenngleich etwas hoch.

So wurde das Ziel Endspiel also verpasst. Von großer Enttäuschung gekennzeichnet ging das Team um Kapitän Görkem Oguz in das Spiel um den dritten Platz, in dem es abermals auf Finnland traf. Die deutsche Mannschaft erwartete einen ganz heißen Kampf seitens der Gastgeber und nahm sich vor, bedingungslosen Willen und Kampfgeist dagegen zu setzen. Dies gelang zweifellos – wieder und wieder gerieten die Deutschen in Rückstand, fanden aber die richtigen Antworten und hielten das Spiel bis in die Schlusssekunden offen. Dass es am Ende nicht zu der Bronzemedaille reichte (Ergebnis 4:5), lag nur an Nuancen – und wettbewerbstechnischen Gründen.

Regelwerk kurzfristig einfach geändert

„Wir haben lediglich ein schwaches Spiel gezeigt – gegen Belgien müssen wir normalerweise gewinnen. Im Bronzematch haben uns etwas die Geduld und die Erfahrung gefehlt, ansonsten haben wir gegen die körperlich überlegenen Finnen ordentlich gespielt. Was mich aber unglaublich wurmt, ist die Tatsache, wie die Turnierleitung mit für unseren Sport wichtigen Regeln umgeht“, echauffierte sich Bundestrainer Deniz Genç – und meinte damit die Höchstgeschwindigkeitsregel (15 km/h), die nach einer Nacht-und-Nebel-Aktion aufgrund der Initiative von fünf Mannschaften radikal abgeschwächt und damit de facto außer Kraft gesetzt wurde.

„Unsere Rollstühle waren von uns sicherheitshalber auf 14 km/h programmiert worden, diese fünf Teams haben die Regeländerung knallhart und entgegen jedes Fair-Play-Gedanken ausgenutzt und wurden ungeahndet mit teilweise 16,8 km/h gemessen. Das ist für mich eine Untergrabung des Regelwerks!“

Die WM 2014 kommt nach Deutschland

In den kommenden Wochen steht für die Deutsche E-Hockey-Nationalmannschaft nun die Nachbereitung der EM an, bevor man dann wieder ins Training einsteigt, um sich auf die geplante Weltmeisterschaft 2014 im eigenen Lande vorzubereiten. Diese wird ausschließlich ehrenamtlich organisiert und lediglich durch Teilnahmegebühren und Sponsorengelder bzw. Privatspenden finanziert. Hierfür bittet das Organisationskomitee um Unterstützung: http://www.tsv-forstenried.de/spenden.php

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