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Der Inklusionsskandal von Walldorf

Ein schwarzes Kapitel aus Baden-Württemberg: Die Gesamtlehrerkonferenz des Gymnasiums Walldorf weist drei Kinder mit Behinderung ab.

Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (Foto: dpa)

Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch: „Minister Stoch kann jetzt zeigen, dass es ihm ernst ist, was er erst kürzlich wieder im Landtag beteuerte: Dass Inklusion Aufgabe ALLER Schulen und Schularten ist.“ (Foto: dpa)

Die Elterninitiative Rhein-Neckar „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“ e.V. und die LAG Baden-Württemberg „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“ e.V. (LAG BW GLGL) wehren sich gegen den Beschluss der Gesamtlehrerkonferenz-Beschluss des Gymnasiums Walldorf, drei Kinder mit Behinderung aufzunehmen – und üben scharfe Kritik an der baden-württembergischen Landesregierung und am Regierungspräsidium Karlsruhe: „Das ist ein klarer Fall von Menschenrechtsverletzung mitten in Deutschland!“, so Claudia Heizmann, Vorsitzende der LAG BW GLGL.

ROLLINGPLANET dokumentiert die Stellungnahme der Initiative und der Landesarbeitsgemeinschaft.

Wo ist das Problem?

Mit Empörung und Bestürzung haben wir den Gesamtlehrerkonferenz-Beschluss des Gymnasiums Walldorf zur Kenntnis genommen, der eine Beteiligung am Schulversuch Inklusion ablehnt und damit drei Kinder mit Behinderung für die künftige 5. Klasse abweist. Alle drei sind vier Jahre gemeinsam in eine inklusive Grundschulklasse an der Schillerschule Walldorf gegangen – nun wollen drei Kinder mit Behinderung ihren schulischen Weg gemeinsam und auch gemeinsam mit ihren Grundschulfreunden weiter gehen.

Für das Staatliche Schulamt Mannheim ist alles klar: Es soll im nächsten Schuljahr eine sog. „inklusive Gruppenlösung“ nach der Schulversuchsordnung am Gymnasium Walldorf geben – mit einem chronisch kranken und körperlich eingeschränkten Jungen, einem Mädchen, das doppelt sinnesgeschädigt ist und einem Jungen mit Down-Syndrom. Alle drei Kinder sind 100% schwerbehindert. Für die sonderpädagogische Unterstützung ist die Sonderschule bereit, den engagierten jungen Sonderpädagogen, der die Kinder auch jetzt schon an der Grundschule unterstützt, mit all seinen Stunden mit ans Gymnasium zu schicken. Die Stadt Walldorf ließ verlauten, an den Räumlichkeiten werde es nicht scheitern.

Rechnung ohne Regierungspräsidium gemacht

Doch alle hatten die Rechnung ohne die Schulleitung und das Kollegium des Gymnasiums sowie das Regierungspräsidium Karlsruhe gemacht: Weil die Gremien des Gymnasiums dieser rechtlich als Schulversuch laufenden Gruppenlösung zustimmen sollen, entbrannte dort eine heftige Diskussion, z.B. darüber, ob „behinderte“ Kinder die anderen Kinder in ihrer Bildungskarriere „behindern“. Viele Gymnasiallehrer hatten sich noch nie zuvor mit dem Thema Inklusion beschäftigt. Lehrer und Rektor der inklusiv arbeitenden Schiller-Grundschule, die Schulleiterin der Sonderschule, das Schulamt – alle warben sie massiv für eine inklusive Klasse – vergeblich. Am Freitag, 28.2.2014, votierte die Gesamtlehrerkonferenz des Gymnasiums dagegen.

„Ein rabenschwarzer Freitag für die Inklusion im Land“

Sehr zweifelhaft ist auch die Rolle und das Verhalten des Regierungspräsidiums Karlsruhe in dieser Angelegenheit. Ihre Vertreter hatten zu keinem Zeitpunkt für die Inklusion geworben. Im Gegenteil: Sie ließen die Lehrer des Gymnasiums bis zuletzt in dem Glauben, das Regierungspräsidium könne die Rahmenbedingungen für die inklusive Klasse nicht verbessern, z.B. den Klassenteiler nicht senken oder Lehrern Entlastungsstunden geben. All das ist aber nach der Schulversuchsordnung möglich. „Das ist ein rabenschwarzer Freitag für die Inklusion im Land – und das kurz vor dem 26. März, dem Tag, an dem bereits vor genau fünf Jahren die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft trat“, findet Holger Wallitzer-Eck, Vorstandsmitglied der Elterninitiative Rhein-Neckar, „Inklusion wird vom Gymnasium offensichtlich noch immer als Kür, nicht als Pflicht verstanden. Das ist ein klarer Fall von Menschenrechtsverletzung mitten in Deutschland!“

Nun liegt die Hoffnung der Eltern auf dem Kultusministerium, das den Schulversuch am Gymnasium Walldorf selbst einsetzen kann. Claudia Heizmann, Vorsitzende der LAG BW GLGL: „Minister Stoch kann jetzt zeigen, dass es ihm ernst ist, was er erst kürzlich wieder im Landtag beteuerte: Dass Inklusion Aufgabe ALLER Schulen und Schularten ist.“

Ähnliche Entwicklung auch in Mannheim?

Eine ähnliche Entwicklung wie in Walldorf zeichnet sich übrigens auch in Mannheim ab: Dort rennen mehrere Eltern von Kindern mit einer geistigen Behinderung oder Lernschwäche zur Zeit von Pontius zu Pilatus, um für ihre Kinder, die gemeinsam in einer Außenklasse an der Grundschule Feudenheim waren, eine weiterführende Schule zu finden. Nachdem die in Frage kommenden Gymnasien schon heftig abgewunken hatten, hat jetzt auch die Realschule in Feudenheim zahlreiche Argumente vorgetragen, warum auch sie die Kinder nicht aufnehmen könne – ein unwürdiges Spiel, für die Eltern zermürbend und für alle, die es mit der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention ernst meinen, nicht hinnehmbar.

(RP)

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7 Kommentare

  • Ruth Dürr

    Ja, die „heilige Kuh“ Gymnasium will sich natürlich nicht mit behinderten Kindern beschäftigen. Da bin ich mal gespannt, was der Kultusminister dazu meint..Es wird noch ein laaanger Weg, diesen Kindern die Teilhabe im normalen Leben zu ermöglichen. Packen wir’s an!

    17. März 2014 at 18:39
  • Ottmar Amm

    „Wer die Inklusion will sucht nach Wegen, wer sie nicht will, sucht nach Begründungen!“ Hubert Hüppe (ehemaliger Behindertenbeauftragter der Bundesregierung)

    17. März 2014 at 18:53
  • Peter

    Das ist leider typisch, an vielen Gymnasien vor allem im Süden ist der elitäre Dünkel ausgeprägt und da passt eine Behinderung nicht rein. Wenn die Eltern dazu noch nicht reich, Rechtsanwälte oder mit dem Schuldirektor/Bürgermeister verheiartet sind, kommt der übliche deutsche Klüngel dazu, der mit Vorliebe Ausländer, Behinderte und und Arbeiterkinder auf die Sonderschule schickt. Da ändern tausend Gremien und die total superfaire Beurteilung der Grundschullehrer nichts. Tut mir leid, ich habe den gleichen Mist erleben müssen, das ist aber schon 20 Jahre her und ich habe gehofft wenn auch nicht geglaubt, dass sich das in der Zwischenzeit geändert hat.

    18. März 2014 at 06:55
  • Chris Stern

    Die Kriterien für den Besuch von weiterführenden Schulen sind je nach Bundesland unterschiedlich geregelt.
    In Baden-Württemberg gilt:
    4 Jahre Besuch der Grundschule
    Schulempfehlung für den Übertritt nach dem ersten Halbjahr der 4. Klasse.
    Noten: Deutsch und Mathe Durchschnitt 3 für Realschule,
    Durchschnitt 2,5 für Gymnasium.
    Testverfahren bei schlechteren Noten möglich. (www.bw.schule.de).
    Diese Kriterien gelten für ALLE Kinder- ein Besuch des Gymnasiums DARF also gar nicht verweigert werden, wenn die Voraussetzungen vorliegen.
    Ein genereller Gymnasialbesuch ausschließlich auf Grund einer Behinderung wird wohl nicht durchsetzbar sein, denn der Besuch von Real-, Haupt- und Gesamtschulen gilt zurzeit noch nicht nicht per se als Diskriminierung.
    Allerdings ist das Schulsystem insoweit nicht logisch durchdacht.
    Sollte es diskriminierend sein, eine Real-, Haupt- oder Gesamtschule zu besuchen, dann müssten die Schulformen dahingehend reformiert werden, dass es zukünftig nur noch Grundschulen und Gymnasien gibt.
    Dann wäre eine Ungleichbehandlung nicht mehr möglich.

    18. März 2014 at 10:23
  • Andreas Lindlar

    In manchen Dingen ist unser Land einfach nur erbärmlich.

    18. März 2014 at 11:21
  • Heidi

    Bevor man auf die Barrikaden geht sollte man wissen ob es sich um intelektuell oder körperlich behinderte Kinder handelt. Schüler ohne Behinderung die den Leistungszielen eines Gymnasiums nicht gewachsen sind, werden doch auch abgelehnt. Das findet keiner schlimm. Nur Kinder mit körperlichen Behinderungen die das Abitur schaffen können sollten die gleichen Chancen haben wie Kinder ohne Behinderung, die eine Zulassung für das Gymnasium bekommen. Nimm man Kinder mit intelektueller Behinderung in Gymnasien auf, kann man die Gymnasien gleich abschaffen und die Real- und Hauptschule auch.

    18. März 2014 at 11:34
  • guteronkel

    Hat man die Inklusion (nettes Wort für eine Dummheit) nicht schon erfolglos in der ehemaligen DDR versucht und dort wegen der Nichtdurchführbarkeit wieder abgeschafft?
    Die DDR war in Bildungsdingen der BRD weit voraus.
    In der BRD sprach man vor Jahren noch von Elite-Schulen, die man unbedingt brauchen würde. Heute will man alle Kinder gleich machen = auf ein gleich niedriges Niveau zu bringen.
    Früher machte man es mit Hilfschulen, heute will man alle Kinder verblöden. Wir werden bald die Früchte dieser dämlichen Politik ernten. Warten wir es ab.

    18. März 2014 at 22:31

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