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Der junge Mann und das Mehr

Wie ein behinderter Fischer aus Kenia in die Herzen der Zuschauer paddelte und bei der Kanu-WM neue Krücken geschenkt bekam.

Fischer in Kenia (Symbolfoto: BR)

Fischer in Kenia (Symbolfoto: BR)

Bereits Ernest Hemingway („Der alte Mann und das Meer“), der Literatur-Nobelpreisträger von 1954, jagte vor Kenias Küsten Meerestiere. Was für den depressiven Abenteurer eher eine Art psychologische Macho-Therapie war, ist für viele Kenianer eine wichtige Einkommensquelle – in einem Land mit knapp 39 Millionen Einwohnern, von denen jeder Fünfte weniger als 30 Euro im Monat verdient.

Sportveranstaltungen wie die heute zu Ende gehende Kanu-WM (27. August bis 1. September) in Duisburg sind auch immer eine Gelegenheit, nicht nur Rekorden, sondern auch Menschen zu begegnen. So haben wir neulich den rollstuhlfahrenden Parakanuten Stefan Deuschl vorgestellt, der als Soldat in Afghanistan beide Beine verlor. Eigentlich wollte er sich danach das Leben nehmen, aber beim Anblick seiner beiden Söhne wurde ihm klar, dass das ein ziemlicher Quatsch ist.

Ein Fischer mit Polio

Mit derart viel Gefühlsduselei hat sich William Juma Araka (von dem wir leider kein Foto auftreiben konnten) bislang hoffentlich nicht aufgehalten – als Behinderter in Kenia, wo es keine Pflegestufe 1 bis 3 gibt, hat er dazu wohl auch nicht allzu viel Zeit. Als Junge erkrankte er an Kinderlähmung, was ihn nicht davon abhielt, Fischer zu werden. Eines Tages saß er auf seinem Holzboot, guckte möglicherweise zum Horizont und muss sich gedacht haben: Es muss Mehr geben, als nur hier herumzupaddeln.

Er entdeckte den Sport. Mit einem Holzstock als Gehhilfe reiste er zur Kanu-WM nach Duisburg, bei der es erstmals auch Wettbewerbe für Behindertensportler gab (ROLLINGPLANET berichtete). Im Kajak-Einer schaffte es der vermutlich nicht ganz so alte Mann (uns liegt ehrlicherweise kein Alter vor, aber irgendwie muss es ja mit der Überschrift passen) sogar ins Halbfinale (K1, Schadensklasse TA).

Zwei Duisburger WM-Mitarbeiter waren von Arakas Geschichte und Leistung so beeindruckt, dass sie ihm spontan ein Paar Alu-Krücken schenkten – und zusätzlich zwei Paar Arbeitshandschuhe aus Leder, damit der Kenianer künftig seine harte Arbeit als Fischer leichter absolvieren kann.

Gelungene Premiere für inklusive WM

Auch sonst war die Premiere der ersten Kanu-Rennsport-WM in Duisburg mit Beteiligung von behinderten Sportlern eine richtig positive Geschichte. Rund 130 Parakanuten aus 33 Ländern nahmen an dieser Kanu-WM teil und wurden Pioniere einer sportlichen Inklusion.

Thomas Konietzko, Teamleiter des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV), zog dementsprechend eine positive Bilanz: „Diese erste gemeinsame WM war sehr schön und sehr gut organisiert. Die Inklusion mit den Parakanu-Disziplinen wurde gelebt. Wir waren hier nicht nur Anhängsel, wir waren dabei.“

(RP/mit Materialien von dpa)

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