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Der Mann, der aus Manfred Sauer einen Steuerzahler machte

Der legendäre Sir Ludwig Guttmann revolutionierte die medizini­sche Rehabili­tation von Querschnittsgelähmten. Von Loan Brossmer

Manfred Sauer (Foto: privat)

Manfred Sauer (Foto: privat)

Über Manfred Sauer (64, Foto) müssen wir nicht viel schreiben. Über Lob­bach auch nicht. Falls Sie es aber noch nicht wissen sollten: Dieser Ort liegt 23 Kilometer von Heidelberg entfernt. Im Hochmittelalter wurde es von den Römern besiedelt, seit Anfang der Achtziger von Manfred Sauer. 2.401 Einwohner, die ihre öffentlichen Einrichtungen zum großen Teil Sauer verdanken, dem Firmenchef vom Hügel, der gern mal mit seinem Fendt-Geräteträger herunterknattert.

Keine andere Stadt Deutschlands profitiert so wie Lob­bach davon, dass Quer­schnitt­sgelähmte nicht immer spüren, wenn sie aufs Klo müssen und deshalb ein Urinal der Manfred Sauer GmbH tragen. Wer da rein­pinkelt, der sorgt für ein rei­ches Ge­mein­deleben in Lob­bach. Denn Sauer ist hier der beste Steu­erzahler: Mit seiner Kondom- und Kleidungsfirma für Roll­stuhlfahrer, mit mehr als 300 Mit­arbeitern und einem Jahres­umsatz von 15 Millionen Euro, ist er für das Kraichgau-Örtchen so wichtig wie VW für Wolfsburg oder Adidas für Herzogenaurach.

Das verdankt Lobbach einem Mann, mit dem nur noch wenige etwas anzufangen wissen: Sir Ludwig Gutt­mann (1899 – 1980), ein jüdisch-deutscher Doktor aus Breslau, der im englischen Stoke Mandeville behandelte. Er ist der Halbgott, dem fast alle Roll­stuhlfahrer verdanken, dass Ärzte nicht mehr komisch gucken, wenn man mit gebrochener Halswirbelsäule ins Kranken­haus eingeliefert wird.

„Er war eine Lichtgestalt“

Heute ist Querschnittslähmung eine rela­tiv harmlose Sache. Es gibt überall Unfallkliniken und Experten. Mit etwas gutem Heilfleisch ist man rasch wieder draußen. Zwar im Roll­stuhl, aber mit sämtlichen modernen medizinischen Methoden aufs neue Leben vorbereitet. Das war nicht immer so. Den Münchner Bibliothekar Ru­pert Renner, der mit 22 Jahren beim Klet­tern an der Kam­pen­wand abstürzte, schaudert es immer noch, wenn er daran denkt, wie er 1962 in Mün­chen als Berg-UFO behandelt wurde: „Ich lag vier Jahre auf der Station herum. Heute wären es nur vier Wochen.“

Sir Ludwig Guttmann war 1944 der erste Arzt, der sich auf die Behandlung von Querschnittsgelähmten spezialisierte und weltweite Reputation erlangte. Sein Gesichtsausdruck war gütig, seine Haltung autoritär: „In Gesprächen mit ihm konzentrierte ich mich ganz besonders, jovial konnte ich nicht mit ihm sprechen. Er war eine Lichtgestalt, und man war to­tal befangen“, erzählt Manfred Sauer. „Betroffene durften nicht in Selbst­mitleid versinken, sondern mussten hart an sich arbeiten.“ So wurde Gutt­mann nebenbei auch Begründer des Behindertensports, den er nicht als Leistungssport, sondern als Rehabili­ta­tionsmaßnahme sah.

Sauer war 1963 einer der ersten deut­schen Patienten, die in Guttmanns Kli­nik behandelt wurden. Der damals 19-Jährige befand sich auf einem Sprachkurs in England, als er sich bei einem Sprung in die Themse seinen Halswirbel brach. Er wurde zur Be­hand­lung nach Stoke Mandeville gebracht. Manfred Sauer erinnert sich: „Als mein Vater kurz nach meinem Unfall deprimiert das erste Gespräch mit Dr. Guttmann hatte, machte der ihm mit folgender Aussage Mut: Ich mache Ihren Sohn zum Steuer­zahler!“

Guttmann sollte Recht behalten. In Lobbach ist Manfred Sauer der Größte.

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