Der Pferdeflüsterer im Rollstuhl

Ein Verkehrsunfall beendete vor 20 Jahren die Karriere des Springreiter-Talents Timo Ameruoso. Seitdem ist er querschnittsgelähmt. Doch Pferde sind sein Lebensinhalt geblieben. Von Sabine Maurer

Timo Ameruoso (Foto: Privat)

Timo Ameruoso (Foto: Privat)

In den 37 Jahren seines Lebens hat Timo Ameruoso schon viel mitmachen müssen: Querschnittslähmung im Jugendalter nach einem Unfall, eine Woche Koma nach einem weiteren Unglück vier Jahre später. Doch vom Reiten hält das den Mann aus dem hessischen Biebesheim, der schon in seiner Jugend von einem Leben als Pferdeprofi geträumt hat, nicht ab. Zwei Bücher hat er über Pferde geschrieben, als Trainer ist er sehr gefragt.

„Ich habe nach meinen Unfällen viel über die Psyche des Pferdes gelernt“, erklärt er, während er seinen drei Pferden im Offenstall beim Heuknabbern zuschaut. Die Tiere lassen sich nicht stören – auch, als er mit seinem Rollstuhl durch den Stall fährt. Artig halten sie ihm den Kopf hin, wenn er ihnen das Halfter überzieht.

Pferd Paulo legt sich sogar auf den Boden, wenn es ans Reiten geht und sich Ameruoso von seinem Rollstuhl in den Sattel hievt. Damit zeigt der Haflinger-Connemara-Mix viel Vertrauen – schließlich sind Pferde Fluchttiere, ein solches Verhalten geht gegen ihren Instinkt. Paulo steht erst auf, als Ameruoso sicher im Sattel sitzt und ihm das Kommando gibt: „Auf“, und ein leichter Ruck am Zügel.

Unfall mit dem Motorroller

Ein erfolgreicher Pferdeprofi werden – davon hatte Ameruoso schon als Jugendlicher geträumt. Damals liebte er das Springreiten, startete bei den deutschen Meisterschaften und trainierte zusammen mit dem heutigen Springreiter-Ass Daniel Deußer. Doch am 19. Mai 1995 zerbrach dieser Traum, nach einem Unfall mit seinem Motorroller war er querschnittsgelähmt. Aber er wollte unbedingt wieder zurück in den Sattel, mit viel Energie und Willenskraft schaffte er es: 18 Monate nach seinem Unfall konnte er alleine auf dem Pferd sitzen.

Doch der nächste Schicksalsschlag folgte bald. Er fiel vom Pferd, lag eine Woche im Koma. „Danach klappte nichts mehr“, erinnert er sich. Sein eigenes Pferd wollte nicht mehr in seiner Nähe sein. „Er hat die Angst gespürt, die ich hatte“, meint er. An Reiten war gar nicht zu denken.

Ameruoso war erschüttert – das war der Anfang seiner Karriere als Pferdetrainer. Er suchte nach einem eigenen Weg, um mit seinen geliebten Tieren weiter arbeiten zu können. Mit den herkömmlichen Methoden hatte er keinen Erfolg. Und so fing er an, die Pferde richtig kennenzulernen. Welche Instinkte leitet ein Pferd? Wie funktioniert eine Herde? Was macht den Anführer aus? Und: Was passiert eigentlich in der Beziehung zwischen Mensch und Pferd?

Mittlerweile nennt er sich „Pferde-Mediator“ und hat seine eigene Methode entwickelt, die er in vielen Kursen lehrt. Mensch und Pferd hätten verschiedene Denkmuster, daher käme es oft zu Missverständnissen, sagt er. Mit seiner Trainingsmethode verändere er die Denkmuster des Pferdes.

„Die meisten bleiben bei ihrem Sport“

Dass behinderte Menschen nach ihrem folgenschweren Unfall wieder zurück in ihren früheren Sport finden, ist nach der Auskunft des Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbands (HBRS) in Fulda keine Seltenheit. „Wenn es irgendwie geht, bleiben die meisten bei ihrem Sport. Oder sie wechseln in eine ähnliche Sportart“, erklärt der Präsident Gerhard Knapp. Sport mache behinderte Menschen selbstsicherer. „Sie merken, dass sie trotz Behinderung zu Leistungen in der Lage sind“, sagte Knapp. Auch helfe ihnen der Sport, Tiefs zu überwinden. Zudem blieben die Menschen gesellschaftlich gut vernetzt und würden natürlich auch körperlich vom Sport profitieren.

(dpa)

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1 Kommentar

  • Marion Grever

    Respekt 🙂

    6. Oktober 2015 at 18:50

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