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Der sagenhafte Kong Keng

Gelähmt, blind, entstellt: Tausende pilgern in Kambodscha in ein entlegenes Dorf, um von einem zweijährigen Jungen geheilt zu werden. Dessen Familie kassiert kräftig. Von Kate Bartlett

Ein Pilger hält in Khnor, Kambodscha, eine Fotografie des kleinen "Wunderheilers" Kong Keng in den Händen. (Foto: Kate Bartlett/dpa)

Ein Pilger hält in Khnor, Kambodscha, eine Fotografie des kleinen „Wunderheilers“ Kong Keng in den Händen. (Foto: Kate Bartlett/dpa)

Er weiß wohl selbst nicht so recht, wie ihm geschieht: Der "Wunderheiler" Kong Keng auf dem Schoß seiner Mutter Phat Soeun (Foto: Kate Bartlett/dpa)

Er weiß wohl selbst nicht so recht, wie ihm geschieht: Der „Wunderheiler“ Kong Keng auf dem Schoß seiner Mutter Phat Soeun (Foto: Kate Bartlett/dpa)

In der schwülen Hitze sitzen und liegen sie zu Hunderten. Wer kann, nutzt den Schatten der Bäume. Ein fieberndes Mädchen, das unter einer dicken Decke bibbert, eine alte Frau, der ein Helfer Wasser in den Mund träufelt. Ein alter Mann sitzt reglos im Rollstuhl, Mütter wiegen kranke Kinder im Schoß. Alle wollen zu dem Wunderheiler. Sagenhafte Geschichten über seine Zauberkräfte haben sich wie ein Lauffeuer in Kambodscha verbreitet. Kong Keng heißt er. Und ist gerade mal zwei Jahre alt.

In Dorf Khnor rund drei Autostunden östlich der Hauptstadt Phnom Penh ist seit vergangener Woche die Hölle los. Die Verzweifelten kommen in Scharen, die meisten stundenlang zu Fuß, andere auf Mopeds oder auf der Ladefläche von Kleinlastern, ihre kranken und behinderten Verwandten im Schlepptau. Der Junge könne Lahme zum Gehen bringen, Blinde zum Sehen und Taube zum Hören, raunen sie sich zu.

Irgendwie zu übernatürlichen Kräften gekommen – Eltern kassieren kräftig

„Wir haben seine übernatürlichen Kräfte entdeckt, als sein Großvater krank wurde und er ihn geheilt hat“, sagt seine Mutter Sueun. Wie, erklärt sie nicht. Die Familie verlangt 4000 Riel, rund 70 Cent von jedem, der seinen Segen will. Das entspricht der Summe, von der jeder Dritte in Kambodscha einen ganzen Tag leben muss.

Tausende Kranke pilgern in Kambodscha in das entlegene Dorf Khnor, um von ihren Leiden geheilt zu werden. (Foto: Kate Bartlett/dpa)

Tausende Kranke pilgern in Kambodscha in das entlegene Dorf Khnor, um von ihren Leiden geheilt zu werden. (Foto: Kate Bartlett/dpa)

Angesichts der vielen Menschen sei ihr Junge aber oft genervt, sagt seine Mutter, eine Bäuerin. Deshalb bekommen jetzt viele der Weithergereisten für das Geld oft nur ein paar Blätter in die Hand gedrückt. Die habe der Junge gesegnet, die solle man sich zu Hause aufbrühen, sagt die Familie. 500 bis 700 kaufen jeden Tag ein Blättersträußchen, schätzt Dorfvorsteher Sou Hen.

Das Geschäft läuft blendend – für das ganze Dorf

Im Dorf herrscht Feststimmung. Einwohner haben schnell Stände aufgebaut und verkaufen Enteneier, Mangos und Kokosnüsse. Einer bietet billiges Plastikspielzeug feil – das sei doch ein nettes Geschenk für den Wunderjungen, lockt er. Das Geschäft läuft blendend.

Kat They (43) ist ein paar Stunden durch den Wald hierher gelaufen. Er will die Blätter für seinen 14-jährigen Sohn, der Polio hat. Er wartet seit Tagen. „Ich habe im Radio gehört, dass dieser Junge Wunderkräfte hat“, sagt er. „Wir waren bei Ärzten, aber die sagen, sie können nichts für ihn tun.“

Sie will wieder laufen können – ihre letzte Hoffnung: ein zweijähriger Junge... (Foto: Kate Bartlett/dpa)

Sie will wieder laufen können – ihre letzte Hoffnung: ein zweijähriger Junge… (Foto: Kate Bartlett/dpa)

Neben ihm sitzt Cheth Kimly (53) und wischt den Schweiß von der Stirn ihres erwachsenen Sohnes. Er trägt eine Gesichtsmaske über Mund und Nase und ist gelähmt. „Ich habe gehört, der Wunderjunge legt etwas auf die Beine, und dann können Gelähmte wieder gehen“, sagt sie. Jeder hier hat von den wundersamen Heilungen gehört, nur Geheilte sind weit und breit nicht zu finden.

Ein marodes Gesundheitswesen ohne Hoffnung

Fürchten sie nicht, einem Riesenschwindel aufzusitzen? Die Frage überrascht die Leute. „Er ist unsere letzte Hoffnung“, sagen sie. „Natürlich ist dies kein Beschiss“, beteuert der Dorfvorsteher. So viele Menschen seien schon geheilt davon gezogen.

Kambodschas Gesundheitswesen gibt wenigen Menschen Hoffnung auf Heilung. Die Krankenhäuser sind chronisch unterfinanziert, Ärzte verdienen einen Hungerlohn. Viele verlangen unter dem Tisch Geld, ehe sie Patienten auch nur zur Sprechstunde vorlassen. Das Geld haben viele nicht.

Kambodscha


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Luftbild von Phnom Penh (Foto: Milei.vencel)

Kambodscha (Asien) liegt am Golf von Thailand zwischen Thailand, Laos und Vietnam. Die gesamte Fläche beträgt 181.040 Quadratkilometer (damit ist das Königreich etwa halb so groß wie Deutschland) – davon sind 98 Prozent Landfläche. Hauptstadt ist Phnom Penh.

Das Land mit seinen 14,5 Millionen Einwohnern gehört, obwohl es in den vergangenen Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung verzeichnete, zu den ärmsten Ländern der Welt. Der durchschnittliche Monatsverdienst liegt bei 60 Euro. Mehr als 50 Prozent der Menschen sind jünger als 25 Jahre alt – der Altersdurchschnitt beträgt 21,7 Jahre.

Kambodscha hat schwere Zeiten hinter sich. Nach der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich im Jahre 1953 folgten jahrzehntelange Bürgerkriege, die viele Opfer unter der Bevölkerung und schwere Schäden in der Wirtschaft hinterließen. Auch der Vietnamkrieg und die Diktatur der Roten Khmer von 1975 bis 1979 ruinierten das Land.

Während der Schreckenszeit der Regierung Pol Pots wurden je nach Schätzungen zwischen 1,4 und 2,2 Millionen Menschen umgebracht, vor allem Beamte, Intellektuelle und buddhistische Mönche, die in etwa 100 Vernichtungslagern gefoltert und hingerichtet wurden, weil sie Widerstand geleistet hatten und nicht der Ideologie des Arbeiter- und Bauernstaates entsprachen. Oft reichte es aus, lesen zu können oder eine Fremdsprache zu sprechen, um vom Staat umgebracht zu werden – das Land blutete auch intellektuell aus, worunter es heute noch leidet.

Wer kein Geld hat, muss an Wunder glauben

Die Elite fliegt zur Behandlung nach Singapur oder Bangkok. Den armen Leuten bleibt oft nichts anderes übrig, als zu traditionellen Heilern zu gehen – oder an Wunder zu glauben.

Der Wunderheiler sitzt an diesem Tag etwas lustlos auf dem Schoß seiner Mutter. Sie sind auf den Beifahrersitz eines Autos geflüchtet. Unbeirrt von dem ganzen Hokuspokus knabbert der Kleine an einem Stück Obst. Die Mutter lacht. Verwandte sammeln das Geld in Krügen ein.

(dpa/RP)

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