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Der Spaßtiker: Sebastian Wolk

Er ist nicht nur lang, sondern auch groß: Der Kapitän der Rollstuhlbasketballer zeigt sich als stiller Star mit aufmunternden-sensiblen-pädagogischen Fähigkeiten.

Sebastian Wolk am Ball. (Foto: Andreas Joneck)

„Was macht das Nationalteam der Rollstuhlbasketballer so besonders?“ wurde Sebastian Wolk vor drei Monaten von dem Magazin „back view“ gefragt. „Ich glaube,“ antwortete der 31-Jährige, „jeder, der den Rollstuhlbasketball ausführt, hat seinen Schicksalsschlag überwunden. Er ist aktiv und nimmt einen Weg nach vorne. Es gibt alle möglichen Krankheiten oder Unfälle, wodurch Einzelne an einen Rollstuhl gebunden sind. Doch das liegt bei uns in der Vergangenheit, wir haben es hinter uns gebracht. Sonst würden wir heute nicht da stehen (ROLLINGPLANET: sitzen?), wo wir jetzt sind.“

Seit vergangenem Jahr ist Wolk Kapitän der deutschen Rollstuhlbasketballer. Und will nun mit seinem Team unter die besten vier der Welt kommen. Bei der internationalen Leistungsdichte im Rollstuhlbasketball ein ehrgeiziges, aber kein aussichtsloses Ziel, wie sich – hoffentlich – bei den Paralympics in London (29. August bis 9. September 2012) zeigen wird. Der 4,5-Punkte-Mann aus dem rund 10. 000 Einwohner zählenden Fürth im Odenwald ist zuversichtlich. Vielleicht schaffe man es sogar bis ins Endspiel um die Goldmedaille.

Ohne Spaß geht für Wolk gar nichts

„Spaß ist ein elementarer Faktor für Erfolg“, sagt der stets positiv gestimmte und gut gelaunte Rollstuhlbasketballer mit einer fröhlichen Selbstverständlichkeit. Und diesen Spaß versucht der Centerspieler Wolk in seiner Rolle als Kapitän seinem Team zu vermitteln. Ein Mann mit Führungsqualitäten, der Routiniers und Youngster mit Menschenkenntnis und positiver Energie zu einem erfolgreichen Kollektiv zusammenschweißen kann, heißt es beim Deutschen Behindertensportverband (DBS).

Bei den Europameisterschaften 2011 im israelischen Nazareth hat das schon bestens funktioniert, als die DBS-Auswahl überraschend bis ins Endspiel kam, aber dann gegen Großbritannien unterlag. Die Briten werden auch bei den Paralympics im eigenen Land favorisiert. „Wir gehören schon jetzt zu den besten sechs Mannschaften auf der Welt, aber wir wollen unter die Großen Vier“, sagt Wolk und stützt damit das Konzept seines Trainers Nicolai Zeltinger.

„Sebastian glaubt an unsere Vision, eine Top-Nation der Welt werden zu können“, bestätigt Zeltinger. Wolk sei ein stetiger Unruheherd unter dem gegnerischen Korb. Dort, lautet eine Weisheit des Bundestrainers, „muss man nicht nur lang sein, sondern groß spielen.“

Eine treue Seele

Auch vor der Kamera gut gelaunt: Sebastian Wolk (Foto: Mediashots Werbefotografie)

Als Kind war Sebastian Wolk begeisterter Fußballer und Handballer. Mit 14 Jahren die Diagnose Tumor in der Hüfte: „Ich war schon immer sehr sportlich. Nach der Krankheit hoffte ich, dass ich meine Behinderung dadurch ein bisschen ausgleichen kann, habe aber relativ schnell gemerkt, dass ich keinen Läufer-Sport mehr machen kann.“

Im Jahr 2000, fünf Jahre nachdem er seine sportlichen Ziele vorerst aufgeben musste, wurde er bei einer Rollstuhlbasketball-Veranstaltung in Darmstadt vom Frankfurter Bernd Hofscheier entdeckt und zum RSC Frankfurt geholt, dem er bis heute treu geblieben ist. Die Jahrtausendwende war für ihn Beginn einer steilen Karriere in Verein und Nationalmannschaft, die er nun in London krönen möchte.

Seit seinem 18. Lebensjahr trug Wolk das Trikot der deutschen Junioren-Nationalmannschaft. Mitte Juni 2012 im Testspiel gegen die Schweiz absolvierte Sebastian Wolk sein 205. Länderspiel für die deutsche A-Nationalmannschaft, der er seit den Spielen von Athen 2004 angehört. Neben seiner dritten Teilnahme an Paralympics gewann Wolk Bronze und Silber bei den Europameisterschaften 2007 in Wetzlar und 2011 in Nazareth.

Wolk, die Super-Nanny

Ein Blick auf seine Hände oder auf seinen in Mitleidenschaft gezogenen Rollstuhl verrät, dass Rollstuhlbasketball ein harter Sport ist. Dem Bild eines kämpferischen und zähen Athleten des Typs Wolk setzt Bundestrainer Nicolai Zeltinger die These entgegen, dass sein Kapitän ein höchst sensibler Mensch sei.

Der sportliche Leiter der deutschen Männer- Nationalmannschaft meint damit den Begriff Sensibilität in seiner elementarsten Form: Feinfühligkeit und Gespür für mentale Abläufe, Verständnis für Sorgen und Nöte seiner Mitspieler und Teamkollegen. Wie zum Beispiel bei der EM 2011 in Nazareth, als in der Vorrunde sein Mitspieler Thomas Gundert nach zwei technischen Fouls im Spiel gegen Polen tief betrübt mit den Schiedsrichtern haderte. Wolk nahm sich des Teamkollegen an, tröstete ihn und richtete ihn mental auf. Keine 24 Stunden später erzielte Gundert den entscheidenden Korb in der Schlusssekunde gegen die Niederlande, womit Deutschland als Gruppenerster ins Viertelfinale gelangte.

Abseits sportlicher Erfolge auf dem Parkett hat Sebastian Wolk seine Erfüllung in Beruf und Liebe gefunden. Seit zwei Jahren ist der Erzieher mit Nadine verheiratet.

Steckbrief Sebastian Wolk

Geburtsdatum: 31.01.1981
Geburtsort: Fürth im Odenwald
Wohnort: Frankfurt am Main
Sport: Rollstuhlbasketball
Klassifizierung: 4,5 Punkte
Verein: Mainhatten Skywheelers
Aktiv seit: 1999
Länderspiele für Deutschland: 205
Größte Erfolge: Silber EM 2011 in Nazareth/Israel, Bronze EM 2007 in Wetzlar/Deutschland

(DBS/RP)

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