Der Turmspringer im Rollstuhl

Schon schwer krank, schrieb Siegfried Lenz die Erzählung „Das Wettangeln“. Morgen erscheint sein letztes Geschenk an die Leser. Von Matthias Hoenig

Siegfried Lenz (17. März 1926 – 7. Oktober 2014) (Foto: dpa)

Siegfried Lenz (17. März 1926 – 7. Oktober 2014) (Foto: dpa)

Knapp ein Jahr nach dem Tod von Siegfried Lenz („Deutschstunde“) kommt seine letzte Erzählung „Das Wettangeln“ am Freitag erstmals in den Buchhandel. Die Startauflage des schmalen Bandes mit zahlreichen farbigen ganzseitigen Illustrationen von Nikolaus Heidelbach beträgt 50.000 Exemplare, wie der Verlag Hoffmann und Campe in Hamburg mitteilte.

Lenz, von Krankheit und Schmerzen in seiner Schaffenskraft schon stark eingeschränkt, habe das Manuskript in seinen letzten zwei Jahren geschrieben, immer dann, wenn er Kraft dazu hatte, erinnert sich der Vorstandsvorsitzende der Lenz-Stiftung und Vertraute des Autors, Günter Berg. „Es ist eine typische Lenz-Erzählung geworden.“

Seine letzte Erzählung schrieb er im Rolli

Der aus Ostpreußen stammende Schriftsteller starb am 7. Oktober 2014 im Alter von 88 Jahren in Hamburg. Die letzten Lebensjahre war er auf den Rollstuhl angewiesen, wohnte in einer Pflegeresidenz an der Elbchaussee mit Blick auf den geliebten Elbstrom – wenn er nicht gerade die Zeit mit seiner Frau Ulla in deren abgeschieden im Wald gelegenen Haus in Dänemark verbrachte.

Buchtitel

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„Für meine Ulla, 22.3.2014“, steht denn auch am Ende der Erzählung als handschriftliche Faksimile-Widmung. Es ist ein so kurzer Text, dass er sich einer normalen Rezension entzieht. 15 Seiten Text in großer Druckschrift, manche davon nur einen Absatz umfassend. Und dennoch ist es für langjährige Leser von Lenz eine berührende Freude, den Band in Händen zu halten, zu lesen und zu betrachten.

Denn die wunderschönen Illustrationen von Heidelbach korrespondieren unmittelbar mit dem Text und geben ihm eine märchenhaft-magische Aura. Heidelbach hat zahlreiche Preise gewonnen, vor allem für Kinder- und Jugendbuch-Illustrationen. Und so wandert das Auge des Lesers immer wieder auf die ganzseitigen, im naiven Stil gehaltenen Darstellungen von Fischen, des Sees oder auch des gestürzten Rollstuhlfahrers Henry Weiß.

Eine autobiografische Selbstversetzung

Der ehemalige Sportlehrer und Meister im Turmspringen will, so erzählt Lenz, als Schiedsrichter zum Wettangeln an den See fahren. „Er versuchte, sich hochzustemmen, griff und zerrte und wollte auf die Beine kommen, doch es wollte ihm nicht gleich gelingen“, heißt es nach dem Sturz. Der Ich-Erzähler des Textes ist ein Jugendlicher, der beim Wettangeln in dem fiktiven Ostseeort Thorshafen Anja, der Nichte von Henry Weiß, näher kommt. Am Ende tanzt die Lehrerin Laura mit dem Hecht, den Anja und ihr Freund geangelt haben, und wird damit Fischkönigin.

„Ja, die Geschichte ist eine autobiografische Selbstversetzung von Lenz“, sagt Berg. Im Nachwort schreibt er, der Turmspringer im Rollstuhl und der Junge „sind ein und dieselbe Person“. Lenz wuchs am Lycker See in Masuren auf, konnte früher schwimmen als lesen. Wasser spielte in seinem Leben und in seinen Werken eine zentrale Rolle. Jahrzehntelang machte Lenz an der Ostsee in Dänemark Urlaub, und er war ein begeisterter Angler.

Einige Jahre vor seinem Tod zeigte Lenz in seinem Haus in Hamburg-Othmarschen stolz sein altes Fotoalbum. Auf einem Schwarzweißbild hielt der gutaussehende, strahlende junge Mann seine Beute, einen 16 Pfund schweren Fisch. Zwar habe er selber handzahme Fische gehabt, die die Schnuten aufsperrten und sofort Futter haben wollten, und die nicht genug davon haben konnten, gestreichelt zu werden, sagte Lenz damals und fügte wehmütig leise hinzu: „Und dennoch habe ich den Traum, noch einmal einen großen Fisch zu fangen.“ In seiner letzten Erzählung hat er sich den Traum erfüllt.

(RP/dpa)

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