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Des Blindenführpudels Kern: Diskriminiert die ING Diba blinde und sehbehinderte Menschen?

Nach 2011 und 2012 gibt es auch aktuell wieder eine Millionen Euro von der ING Diba für das Ehrenamt abzusahnen. Und bei dieser Aktion gewinnen alle. Die ING Diba, die Gesellschaft, und die Vereine sowieso. Alle? Naja…blinde und sehbehinderte Menschen könnten außen vor bleiben.

Deutschlands größte Vereinsaktion geht in die 3. Runde: ING-DiBa spendet erneut 1 Mio. Euro für 1.000 Vereine (Foto: ING-DiBa AG )

Deutschlands größte Vereinsaktion.: ING-DiBa spendet erneut 1 Mio. Euro für 1.000 Vereine (Foto: ING-DiBa AG )

Bert Bohla ist mal wieder sauer. Der Blindenaktivist und Vorsitzende des „Verein Lichtblicke e. V.“: „2012 haben wir es mit unserem Verein wegen mangelhafter Barrierefreiheit nur mit großem Aufwand unter die beliebtesten Vereine geschafft. Wir haben die ING Diba damals schon auf ihre barrieretechnischen Versäumnisse hingewiesen und gleichzeitig angemahnt, auf ein für alle Menschen nutzbares Abstimmungsverfahren zu achten „. Die ING Diba habe das damals für zukünftige Aktionen auch zugesichert. Nun stelle sich bei der Neuauflage der Aktion heraus, dass das wohl nur ein Lippenbekenntnis gewesen sei.

Profit ist für alle da

Bei der Aktion „1 Millionen Euro für das Ehrenamt“ der ING Diba profitieren auch in diesem Jahr wieder alle Beteiligten. Die ING Diba selbst, weil sie durch geschicktes Sponsoring ihr Image auf zu hübschen vermag. Und die Gesellschaft, weil sie durch die Stärkung der gemeinnützigen Vereine selbst auch gestärkt wird. Vor allem aber gewinnen die Vereine, weil durch eine breite Streuung der „Vereins-Lotterie“ viele Vereine partizipieren. Genau tausend Vereine werden auch dieses Mal wieder jeweils tausend Euro absahnen. Damit soll das gesellschaftliche Engagement der Vereine gestützt werden. Die ING Diba über ihre Aktion: „Wir sind von der positiven Kraft der Vereine überzeugt. Vereine führen Menschen zusammen, bündeln gemeinsame Interessen und unterstützen eine auf Interaktion und Integration basierende Kultur“. Viele der schätzungsweise über eine Millionen blinden und stark sehbehinderten Menschen in Deutschland könnten bei der Abstimmung zu dieser Aktion aber außen vor bleiben, weil sie ohne fremde Hilfe gar nicht abstimmen können.

„Vereine führen Menschen zusammen“

Die Aktion für Vereine war bereits 2011 und 2012 ein voller Erfolg. Von der Jugend- über die Kultur- bis hin zur Seniorenarbeit waren schon in den ersten beiden Jahren alle ehrenamtlich arbeitenden Vereine aufgerufen, sich an der Vereinsaktion der ING Diba Bank zu beteiligen, um die offerierte Finanzspritze von jeweils tausend Euro pro Verein zu ergattern. Einzige Bedingung: Sie müssen auch in diesem Jahr zu den tausend Zuspruch stärksten gemeinnützigen Vereinen in Deutschland gehören. Neu bei der diesjährigen Auflage: Bereits mit der Anmeldung haben alle teilnehmenden Vereine unabhängig vom Abstimmungsergebnis die Zusatzchance auf 20 x 500 Euro.

Was diese Aktion der ING Diba von vielen anderen Gewinnaktionen unterscheidet und sie deshalb positiv hervorhebt, ist die breite Streuung der Zuwendungen. Da wird niemandem ein Millionenbetrag versprochen, sondern möglichst viele gemeinnützige Vereine mit einem angemessen großen Betrag gefördert.

Des Blindenführpudels Kern

Doch wie ist es um die auf Integration basierende Kultur der ING Diba bestellt? Auf eine Finanzspritze hoffen nämlich auch viele Selbsthilfevereine. Dabei ist auch die Selbsthilfe darauf angewiesen, eine ausreichende Anzahl von Sympathisanten zu mobilisieren, die ihre Arbeit unterstützen. Genau das ist aber des Blindenführpudels Kern. Denn Unterstützung von Vereinen und breite Streuung ist das eine. Tatsächlich auch dazu in der Lage zu sein, selbständig abzustimmen, das andere.

Das Abstimmungsverfahren funktioniert nur über die Hürde eines visuellen Captchas Hierbei handelt es sich um einen Zahlen- und Buchstabencode, der aus einer verpixelten und verfremdeten Grafik besteht, die vom potentiellen Unterstützer abgeschrieben werden muss. Dieser Sicherheitsmechanismus soll Spammer und Bots ausschließen. Tatsächlich hindert er aber auch blinde und sehbehinderte Menschen daran, an dieser Aktion selbständig teilzunehmen. Ein Screen Reader, also eine Art Vorlesesoftware für blinde und stark sehbehinderte Menschen, kann nämlich keine Bilder auslesen. Auch Menschen mit Sehrest, die mit einer Vergrößerungssoftware arbeiten, können je nach Art ihrer Sehbehinderung wegen der Verfremdung der Grafik die Buchstaben- und Zahlencodes nicht erkennen.

Diskriminierung und mangelnde Datensicherheit

Dabei gibt es Alternativen. Eine davon ist das akustische Captcha. Das hat die Diba aber nicht im Programm. Auch andere Möglichkeit der barrierefreien Stimmabgabe sucht der votingwillige Blinde und stark sehbehinderte Mensch vergebens. Schaue man sich im Übrigen die Webseite der Diba etwas genauer an, werde deutlich, dass die Webseite der Bank nicht nur keineswegs barrierefrei sei, sondern auch in Sachen Datensicherheit einiges zu wünschen übrig lasse. Um die Funktionen des Internetangebotes der ING Diba ausreichend komfortabel bedienen zu können, benötige der gemeine Nutzer nämlich Javascript. Diese Software stehe  immer noch in Verdacht, nicht nur beim Thema Barrierefreiheit keine gute Figur zu machen, sondern auch ein Einfallstor für Schadsoftware zu sein. Der „Verein Lichtblicke e. V.“ in einer aktuellen Presseerklärung: „Leider zeugt die gesamte Webseite nicht von großer Kundenfreundlichkeit, da sie unter anderem auch Javasript verlangt – eines der größten Einfallstore für Schadsoftware“. Gerade eine Bank solle ihre Kundschaft und Menschen, um deren Gunst sie werbe, nicht dazu auffordern, die Sicherheit ihrer Daten zu gefährden, so der Verein weiter.

Reaktion auf Beschwerde steht noch aus

So beschwerte sich der Vereinsvorstand von „Verein Lichblicke e. V.“ um den 1. Vorsitzenden Bert Bohla bei der Einreichung der aktuellen Teilnahmeunterlagen erneut bei den Verantwortlichen der Onlinebank. „Eine Reaktion steht nach wie vor aus“, so Bohla. Nun wäre der Verein um den selbstbewussten Blindenaktivisten nicht der „Verein Lichtblicke e. V.“, würde er sich davon sonderlich beeindrucken lassen. Auch bei der anstehenden Wahl zu „1 Millionen für das Ehrenamt“ hofft der Verein auf die Treue aller, die schon vor anderthalb Jahren für den „Verein zur Förderung des Führ- und Assistenzhundewesens“ abgestimmt hatten. Der Vorsitzende: „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das trotz der vorhandenen Barrieren auch bei der laufenden Aktion hinbekommen“. Menschen, die an der Captcha-Hürde scheitern würden, empfiehlt Bohla zunächst, sich sehende Hilfe zu suchen oder sich deswegen an den Vorstand des „Vereins Lichtblicke e. V.“ zu wenden. Was die Barrieren auf der ING Diba Seite angeht, will der blinde Aktivist hartnäckig bleiben. Bohla: „In Bezug auf die aktuelle Aktion wird das aber wohl nichts mehr“. Denn die Aktion „1 Millionen Euro für das Ehrenamt“ endet pünktlich am 3. Juni 2014 um 12 Uhr.

ING Diba will Anregungen zur Optimierung der Aktion ernst nehmen

Inzwischen liegt dem Autor des Berichtes eine Reaktion der ING Diba auf die Vorwürfe des Vereins Lichblicke vor, in der die Leiterin der Abteilung Unternehmenskommunikation der ING Diba folgendes mitteilt:

„Wir bedauern, dass wir im Rahmen unserer Aktion „DiBaDu und Dein Verein“ keine barrierefreie Web-Seite anbieten können. Aktuell können wir leider kein in dieser Hinsicht technisch optimiertes Verfahren zur Verfügung stellen und dieses auch nicht mehr kurzfristig in der aktuell laufenden Aktion anpassen.

Ihren Hinweis zum Verein „Lichtblicke e.V.“ können wir dagegen nicht nachvollziehen. Der Verein Lichtblicke e.V. hat im Jahr 2012 mit dem 25. Platz ein sehr gutes Ergebnis bei unserer Aktion erreicht und zählte zu den 1.000 Vereinen mit den meisten Stimmen, obwohl wir keine barrierefreie Abstimmung angeboten haben. Eine Änderung des Abstimmverfahrens haben wir nach Überprüfung des E-Mail Verkehrs aus dem Jahr 2012 nicht zugesichert, lediglich dessen Überprüfung.

Eine Anfrage von Herrn Bohla zur aktuellen Aktion liegt uns nicht vor. Grundsätzlich beantworten wir alle eingehenden Anfragen.

Wir nehmen alle Anregungen und Hinweise zur Optimierung unserer Aktion sehr ernst und werden für die nächste Aktion gerne das Thema „barrierefreie Web-Seite“ mitaufnehmen und erneut prüfen“.

 

Bert Bhla

Bert Bohla, der 1. Vorsitzende des „Verein Lichtblicke e. V.“, bei der Arbeit (Foto: privat)

weitere Infos:
Für Lichblicke e. V. können Sie hier abstimmen.

Wenn Sie unabhängig davon einen anderen Verein Ihrer Wahl unterstützen wollen, können Sie das  hier:

Über die Aktion der ING Diba:
Vereinsaktion ING Diba

Über den „Verein Lichtblicke e. V“.:
Verein Lichtblicke e. V.

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Lothar Epe

Lothar Epe

Dieser Beitrag erscheint als unabhängiges Blog auf ROLLINGPLANET. Er wurde von der Redaktion weder geprüft noch muss er unsere Meinung wiedergeben. Auf ROLLINGPLANET können alle User – die etwas zu sagen haben – ihr eigenes Blog veröffentlichen. Lothar Epe ist verheiratet und hat drei Kinder. Als 56-Jähriger begann er 2011 ein Studium an der Freien Journalistenschule in Berlin. Er hat das Post-Polio-Syndrom (Spätfolge der als Kind durchgemachten Poliomyelitis). Bei ROLLINGPLANET tritt Epe zweifach auf: Als ROLLINGPLANET-Redakteur und hier als privater Blogger, der unabhängig von der Redaktion schreibt, was ihm wichtig ist. Zum ausführlichen Profil.

3 Kommentare

  • RolfiRolli Rolf

    JavaScript unsicher galt vor ungefähr zehn Jahren. Man kann ruhig davon ausgehen, dass eine Online-Bank in der Lage ist, sichere Websites zu bauen.

    29. Mai 2014 at 17:31
  • dasuxullebt

    @RolfiRolli Rolf: Die Bank wird das kaum selber machen, die wird ein Web-Unternehmen beauftragen. Und das beauftragt dann teilweise wieder irgendwelche Praktikanten. Fehler passieren immer, da kann man sich noch so viele TÜV-Zertifikate holen. Für die wesentliche Funktionalität der meisten Webseiten würde reines HTML ohne JavaScript (und Bilder …) ausreichen.

    Ausgerechnet für den barrierefreien Spamschutz ist JavaScript aber hervorragend geeignet, während Captchas immer weniger sinnvoll sind.

    Andererseits geht es vermutlich bei der Aktion weniger um Spamschutz als um Botschutz.

    Was Generelles … Die Artikel in diesem Blog sind oft interessant, aber ich fände es schön, wenn sie manchmal in weniger drastischem Ton ausgedrückt wären. „Diskriminieren“ ist zum Beispiel ein hartes Wort, das man nicht benutzen sollte, nur weil ein Unternehmen eine schlechte Webseite hat.

    31. Mai 2014 at 00:02
  • Anonym

    Angesichts dieses Artikels kann man nur noch den Kopf schütteln. Lichtblicke
    versucht doch da nicht etwa, seine zunehmende Unbeliebtheit unter den
    Führhundhaltern, die sich nun auch im Abstimmungsergebnis niedergeschlagen hat,
    dadurch zu verdecken, dass der Absturz im Vergleich zur Abstimmung von 2012
    auf die ING DiBa geschoben wird.

    Einfach nur bedauernswert, was aus einem ehemals schlagkräftigen Verein der
    Selbsthilfe geworden ist.

    8. Juni 2014 at 07:30

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