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Deutscher Behindertensportverband: Wir labern – und ducken uns weg

Ein Zwischenruf von ROLLINGPLANET-Redakteur Franz Schubert zur Nicht-Nominierung von Markus Rehm.

DBS-Vizepräsident Karl Quade (Foto: dpa)

DBS-Vizepräsident Karl Quade (Foto: dpa)

Seit „Blade Runner“ Oscar Pistorius seine Freundin erschossen hat, taugt er leider nicht mehr ganz als Vorbild für Inklusion. Aber eines hat der Südafrikaner vorgemacht, was immer noch Respekt verlangt: Der unterschenkel-amputierte Sprinter hatte sich durch alle Instanzen geklagt und erwirkte vom Internationalen Sportgerichtshof das Urteil, bei den Nichtbehinderten und den Olympischen Spielen 2012 antreten zu dürfen. Und das, nachdem der Leichtathletik-Weltverband eine Teilnahme von Pistorius abgelehnt hatte.

Markus Rehm ist nicht Oscar Pistorius, was zweifellos auch seine guten Seiten hat, falls man die Freundin von Rehm ist. Wir sollten respektieren, falls der Leverkusener nicht den – teuren und aufwändigen – Rechtsweg bestreitet, nachdem der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ihn nicht für die EM der Nichtbehinderten in Zürich nominiert hat. Das war eine schnelle Panik-Entscheidung, nachdem die Funktionäre es seit Monaten versäumt haben, die Frage zu klären, ob Menschen mit Behinderung dazu gehören und nachdem sie sich nun auf eine biomechanische Analyse stützen, die – wie alle Experten einräumen – keine schlüssige Antwort darauf gibt, ob eine Prothese ein Wettbewerbsvorteil oder –nachteil darstellt.

Wenn Rehm sich eine Klage nicht traut, dann sollte es der Deutsche Behindertensportverband (DBS) tun. Mit Sonntagsrednern (Präsident Julis Beucher: „Behindertensport rückt in die Mitte der Gesellschaft”) kommen wir nicht weit. Beim DBS sitzen leider viel zu viele von ihnen. Auch vor der heutigen Entscheidung des DLV das gewohnte Muster: Erst sich verbal mächtig ins Zeug legen – und dann klein beigeben.

Druck machen? Aber bitte nur mit Worten

Noch gestern titelte dpa unter Hinweis auf die Spitze unseres Sport-Spitzenverbandes: „DBS macht im Fall Rehm Druck“. Der Druck hat heute allerdings ganz schnell nachgelassen wie bei einem Reifen, der in fünf Sekunden seine Luft verliert. Zwar heißt es pflichtgemäß in einer DBS-Mitteilung: „Die Entscheidung des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV), den Deutschen Meister im Weitsprung, Markus Rehm, von der Teilnahme an den Europameisterschaften auszuschließen, ist enttäuschend. Es wäre normal und üblich gewesen, dass der Deutsche Meister der deutschen Mannschaft angehört.“

Doch DBS-Vize Karl Quade rät seinem Spitzensportler dringend, gegen den DLV-Beschluss nichts zu unternehmen: „Das würde ich Markus Rehm nicht empfehlen. So etwas hat er nicht nötig“, sagte Quade. „Er wird nicht von der Bildfläche verschwinden.“ Nun solle sich Rehm doch lieber auf die Behinderten-EM der Leichtathleten vom 14. bis 24. August in Swansea konzentrieren. Ein besonderer Weitsprung in Sachen gleichberechtigte Teilhabe von Sportlern mit Behinderung war dieser Hinweis nicht.

Der DBS versäumt es bei keiner Gelegenheit, Inklusion zu fordern und sich als Vorreiter zu präsentieren. Jetzt gebe es keine bessere Gelegenheit: Wenn er es ernst meint, sollte er nun gegen den DLV klagen. Solch ein Muster-Prozess würde uns zeigen, wo wir wirklich stehen. Und er wäre ein echtes Ausrufezeichen. Ansonsten raten wir allen Menschen mit Behinderung: Bleibt doch dort, wo Ihr seid. Das ist sicherlich auch ein schöner Ort. Und wir haben es ja auch gar nicht nötig, uns bei den Nichtbehinderten herumzutummeln.

(RP)

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4 Kommentare

  • Alexander Hader

    Schei. Funktionäre und Land!

    30. Juli 2014 at 16:45
  • das_mondkalb

    Schöner Beitrag, Danke. Mein spontaner Gedanke, der mir in den Sinn kam: Unter Umständen fürchten insgeheim institutionalisierte Behintertenvertretungen (DBS, Aktion Mensch etc.) die Inklusion mindestens genauso wie der gesellschaftliche Mainstream, schließlich ginge es am angestrebten Ende eben auch um die Frage nach ihrer Existenzberechtigung. In einer inkludierten Gesellschaft müßten sie ja ganz einfach überflüssig geworden sein. Zu befürchten ist, das auch von dieser Seite in Zukunft noch viel Gegenwind kommen wird, so leicht entlassen die Hirten ihre Schäfchen nicht in die Freiheit. 😉

    30. Juli 2014 at 22:58
  • Hary

    Top-Kommentar! Eine Klage wäre wirklich ein Zeichen!

    31. Juli 2014 at 07:50
  • Karin

    Ich glaube nicht das es bei dieser Inklusionsfrage um die Existenzberechtigung Behinderter geht. Meiner Meinung nach geht es dabei um Überforderung. Man hat nicht erwartet das Makus Rehm bei der Leichtathletik DM siegen würde. Deshalb dieses Umdenken für die EM. In Deutschland ist das Bild des behinderten Menschen überwiegend negativ besetzt. Von einem Menschen, der unter seiner Behinderung leidet und der an seinen Rollstuhl gefesselt ist, erwartet man nicht, daß er mit Nichtbehinderten konkurieren kann. In der deutschen Gesellschaft wird erwartet das Behinderte Fürsorge brauchen und hinter dem Tempo und den Aktivitäten von Nichtbehinderten zurück bleiben. Markus Rehm hat der deutschen Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten und gezeigt, daß eben nicht alle Behinderten bemitleidenswert sind und Fürsorge brauchen. Er zeigte mit seinem Erfolg bei der DM, daß viele Behinderte genauso lebensfähig sind wie Nichtbehinderte und durchaus mit den Leistungen von Nichtbehinderten mithalten können. Das zu akzeptieren und ein Umdenken zu zu lassen ist jedoch viel schwerer, als sich seiner Behinderung zu stellen und ins aktive Leben zurück zu kämpfen.

    3. August 2014 at 08:06

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