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Deutscher Schützenbund unterzeichnet Leitlinie zur Inklusion – wen interessiert das?

Und was bedeutet das konkret für die Vereine und den Sport? Von Gerd Gehlen

Manuela Schmermund am 30 August 2012 bei den Paralympics in London, wo sie Silber mit dem Luftgewehr holte (Foto: dpa)

Manuela Schmermund am 30 August 2012 bei den Paralympics in London, wo sie Silber mit dem Luftgewehr holte (Foto: dpa)

Der Deutsche Schützenbund nimmt das Thema Inklusion ernst wie kaum eine andere Sportart (ROLLINGPLANET berichtete, siehe Links nach dem Bericht). Am 7. Juli hat der Verband eine Leitlinie zur Inklusion unterzeichnet, die mehr als nur eine Leitlinie sein soll – er hat die Bedeutung eines Vertrages. Wen interessiert das? Die Medien jedenfalls nicht, wie unser Autor Gerd Gehlen berichtet.

Der 66-jährige Luftgewehr-Spezialist aus dem niedersächsischen Bad Münder schildert den Weg des Verbandes zur Inklusion, aber auch die Enttäuschung, dass kein einziger eingeladener Journalist zur jüngsten Pressekonferenz erschien – obwohl Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) die Schirmherrschaft für den Leitfaden übernommen hat, sein Innenminister Boris Pistorius (SPD) ebenso wie Manuela Schmermund (mehrfache Medaillengewinnerin bei den Paralympics), und Frank Heitmeyer, (Teilnehmer der Paralympics 2008 und 2012) zu dem Termin gekommen waren. Ähnliche Erfahrungen hat neulich auch schon der Deutsche Gehörlosen-Bund gemacht.

Zu viel Euphorie ist ohnehin nicht angesagt: „Die Zusammenarbeit mit dem Schießsport bietet den behinderten Sportlern gute Möglichkeiten, da die Sportstätten wohnortnah gelegen sind. Allerdings müssen nicht nur in den Sportstätten, sondern auch in vielen Köpfen die Barrieren noch abgebaut werden“, zitiert Gehlen die Vizepräsidentin Inklusion im Behinderten Sportbund Niedersachsen Jutta Schlochtermeyer.

Neue Sportordnung ab 2014

Dass das Thema Inklusion im Deutschen Schützenbund zum einem und insbesondere für den Niedersächsischen Sportschützenverband (NSSV) zum anderen kein Neuland ist, zeigt schon die Tatsache, dass der Deutsche Schützenbund im Rahmen des Deutschen Schützentages in Potsdam von der Deutschen Olympischen Gesellschaft mit der Fair Play Plakette ausgezeichnet wurde.

In der Begründung hierzu heißt es: „Der Deutsche Schützenbund hat in der 15. Luftgewehr-Bundesliga-Saison 2011/2012 ein bemerkenswertes Novum eingeführt: In der höchsten Spielklasse eines olympischen Fachverbandes treten seither in Deutschland Männer, Frauen, Deutsche und Europäer, sowie körperlich behinderte Athleten (Rollstuhlfahrer) gemeinsam an.“

Bereits seit dem Jahr 2010 erhalten die Behindertensportler/innen der Startklasse SH 1 (Sportler mit Funktionseinschränkungen, aber mit voller Armfunktion) die uneingeschränkte Starterlaubnis in den Ligen des Deutschen Schützenbundes. In der im Jahr 2014 erscheinenden neuen Sportordnung für den Schießsport wird sich dieses niederschlagen.

Inklusion am Beispiel Sportschützenverband Niedersachsen

Beim Niedersächsischen Sportschützenverband lebt man die Inklusion ebenfalls schon vorbildlich, so starten hier bei der jährlich ausgetragenen Internationalen Schießsportwoche in Hannover (ISCH) behinderte und nichtbehinderte Sportler und Sportlerinnen aus allen Kontinenten gemeinsam zu den Wettkämpfen und können sich so hervorragend vergleichen.

Grund genug also, um sich gemeinsam mit dem Behindertensportbund Niedersachsen kurzzuschließen und gemeinsam im Landessportbund die UN- Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) auf Landesebene umzusetzen.

So wurde zwischen dem Behindertensportbund Niedersachsen und dem Schützenbund Niedersachen eine gemeinsame Leitlinie zur Kooperation zur Inklusion durch Schießsport erarbeitet Die Projektleitung dieses Projektes hat der Landestrainer Pistole Philip Bernhard vom Schützenbund Niedersachsen.

Warum einen Leitfaden?

Doch worum geht es in diesem Leitfaden? Zunächst geht es um die Erfüllung der Verpflichtung aus der UN-BRK auf Bundes- und Landesebene. Ein weiterer Punkt ist die gesellschaftliche Anerkennung, in welcher gemeinsame Wettkämpfe den Sportlern mit und ohne Behinderungen einen Leistungsvergleich ermöglichen, welcher öffentlich entsprechend wahrgenommen wird.

Auch soll ein mitgliederorientiertes Angebot die Attraktivität von Vereinen sichern und für einen stabilen Mitgliederstamm sorgen sowie Neumitglieder ansprechen. Die Umsetzung dieser Struktur ist auf drei Säulen gesetzt:

Die drei Säulen


1. Säule: Leistungssport

Zum einen ist beabsichtigt, im Leistungssport Kooperationen in der Kaderarbeit, in den Wettkämpfen, bei den Meisterschaften, sowie in den Trainingsstützpunkten durchzuführen. Hierbei geht es um die Förderung des olympischen wie auch des paralympischen Sports sowie um die Stärkung des Spitzensports in Niedersachsen. Aber auch um die Nutzung der gegenseitigen Ressourcen. So soll auch der Bundesstützpunkt Schießsport in Hannover für alle leistungssportlichen Instanzen nutzbar gemacht werden.

2. Säule: Breitensport

In der Säule Breitensport soll unter anderen in den Informationsaktionen, bei Breitensportfesten wie auch bei Traditionsfesten kooperiert werden.

3. Säule: Öffentlichkeitsarbeit

Säule drei, die Öffentlichkeitsarbeit, soll eine Bewusstseinsbildung hinsichtlich gemeinsamer Werbestrategien in TV/ Funk, sowie ein Printmedienkonzept bringen.

Ministerpräsident Weil ist Schirmherr

In der Aus- und Fortbildung ist eine gemeinsame Kompetenzvermittlung in allen Säulen erforderlich. Die Umsetzung der Inklusion bedeutet, dass die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung im Leistungssport wie auch im Breitensport möglich ist.

Nachdem sich nunmehr beide Partner, der Schützenbund Niedersachsen und der Behinderten Sportverband Niedersachsen, auf diese Leitlinie geeinigt haben, wurde der Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, Stephan Weil, als Schirmherr dieser Inklusion gewonnen.

Die Unterschriften unter diese Leitlinie wurden am Sonntag, den 7. Juli, im Rahmen der Landesverbandsmeisterschaften des Niedersächsischen Sportschützenverbandes im Bundesleistungszentrum Schießsport in Hannover gesetzt.

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Der Sprecher des Schützenbund Niedersachsen und Vizepräsident des NSSV, Axel Rott (Foto 2.v.r.), konnte hierzu in Vertretung des Ministerpräsidenten Weil, den Innenminister Boris Pistorius (Foto Mitte), die Vizepräsidentin Inklusion des Behindertensportbundes Niedersachsen, Jutta Schlochtermeyer (Foto 2.v.l.), den Landessportleiter Schießsport, Reinhard Zimmer (Foto links), sowie den Projektleiter Inklusion und Landestrainer Schießsport, Philip Bernhard (Foto rechts), begrüßen.

In seinen Grußworten betonte Axel Rott: „Das Wort Inklusion ist für mich gleichzusetzen mit Zusammenarbeit, Einzuschließen und Einzubeziehen. Mir geht es darum, die menschlichen Beziehungen der behinderten sowie nichtbehinderten Mitmenschen nach vorn zu treiben und den normalen Umgang beider Personengruppen untereinander zu fördern. Wie nicht zuletzt die bisher durchgeführten Wettkämpfe beweisen, ist der Schießsport hierzu bestens geeignet. Im Schießsport wie auch in der Gesellschaft sollte alles gemeinsam gehen.“

Innenminister Boris Pistorius zeigte sich erfreut, dass der Ministerpräsident die Schirmherrschaft zur Inklusion, welche bereits in den 90er-Jahren entstanden ist, übernommen hat. „Menschen mit und ohne Behinderungen sollen die Dinge gemeinsam bewältigen. Der Sport ist hierbei mehr als wichtig. Diese Kooperation ist ein richtungsweisender Schritt hierzu“, so der Innenminister.

Allerdings wird sich das wahre Ergebnis dieses Zusammenschlusses erst in fünf bis zehn Jahren zeigen, wobei der heutige Stand dann nur noch im Archiv zu sehen sein wird. Die Unterstützung seines Hauses sagte der Innenminister nach Kräften zu.

Kein Interesse der Medien

Auch Jutta Schlochtermeyer, Vizepräsidentin Inklusion im Behinderten Sportbund Niedersachsen (BSN), ging in ihrem Grußwort auf die Leitlinie zur Inklusion ein. Zunächst stellte sie allerdings, wie auch ihre Vorredner, zu diesem Thema fest, dass die Presse offensichtlich in diesem Fall schwer motivierbar sei, dieses untermauerten auch die leeren Presseplätze im Veranstaltungsraum. Trotz zahlreicher Einladungen war kein Vertreter der Medien erschienen. Weiter stellte sie klar, dass der Landessportbund wie auch der BSN ihre Aufgabe ernst nehmen und die entsprechenden UN-Konventionen umsetzen werden. Gern fungiert der BSN hier als Ansprechpartner.

„Die Zusammenarbeit mit dem Schießsport bietet den behinderten Sportlern gute Möglichkeiten, da die Sportstätten wohnortnah gelegen sind. Allerdings müssen nicht nur in den Sportstätten, sondern auch in vielen Köpfen die Barrieren noch abgebaut werden. Die behinderten Sportler wollen kein Mitleid, sondern wollen ihren Sport ausüben, wie jeder andere auch. Deshalb ist es auch natürlich und notwendig, sie auch in die Leitung und Verantwortung einzubeziehen. Diese Kooperation ist ein Anfang, wir haben die gleichen Ziele, und deshalb wollen wir den Weg gemeinsam gehen und Inklusion leben. Im Sport sind wir Lernende, aber Gemeinsamkeit ist nachhaltig“, so Jutta Schlochtermeyer abschließend.

Im Anschluss an diesen Vortrag präsentierte der Projektleiter, Philip Bernhard, in einem Lichtbildervortrag noch einmal das Projekt Inklusion durch Schießsport und die Leitlinie, ehe die Vertreter der Verbände ihr festes Wollen durch die Unterschrift der Leitlinie bekräftigten und die Leitlinie zur Kooperation Inklusion durch Schießsport dem Innenminister Boris Pistorius übergaben.

Kleiner Show-Inklusionswettbewerb

Um zu zeigen, um was es sich bei dieser Vertragsunterzeichnung handelt, wurde anschließend ein kleines Finale eines Inklusionswettkampfes durchgeführt, bei dem Manuela Schmermund (mehrfache Medaillengewinnerin bei den Paralympics) mit dem Luftgewehr und Frank Heitmeyer (Teilnehmer der Paralympics 2008 und 2012) mit der Luftpistole als Behinderte gegen Alexander Bederke (Gewehr) und Hans-Jörg Meyer (Pistole), beide Spitzensportler im NSSV und DSB, zeigten, wie sie ihren Sport beherrschen.

Auch ein sichtlich beeindruckter Innenminister versuchte sich anschließend nach eingehender Einweisung durch die Sportler mit dem Luftgewehr. Die abschließend eingeplante Pressekonferenz fiel „mangels Masse“ auf der Presseseite aus, und so gab es für die Teilnehmer dieser Veranstaltung noch Gelegenheit, sich mit den Sportlern auszutauschen.

Wie sagte doch abschließend eine Teilnehmerin: „Dieser Vertrag ist eine Leitlinie, die Inklusion ist erlernbar, es wird allerdings ein langer Zeitraum vergehen, bis sie sich in allen Köpfen durchgesetzt hat. Fassen wir es also gemeinsam an und freuen uns auf den Tag, wo die Übergabe einer Goldmedaille bei dem Olympischen Spielen oder den Welt- oder Europameisterschaften an einen Behinderten Sportler(in) eine Selbstverständlichkeit ist.“

(Der Beitrag wurde uns freundlicherweise vom Deutschen Schützenbund zur Verfügung gestellt.)


Inklusion in Gesellschaft, Sport & Freizeit
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