„Deutschland tanzt“: Eine große Bühne für Kassandra Wedel

Die taube Münchnerin gehört zu den besten Hip-Hop-Tänzerinnen Europas – und erklärt hier, warum die Musik von Michael Jackson zu gehörlosen Menschen passt.

Kassandra Wedel (Foto: Facebook)

Kassandra Wedel (Foto: Facebook)

Echte und angebliche Stars schwingen für ihr Bundesland die Hüften: Mit einem großen Tanz-Event will ProSieben gegen Ende des Jahres noch einmal Quote machen. In „Deutschland tanzt“ vertreten 16 TV-Promis ihr Bundesland – auch wenn einige in der Disco eher talentfrei sind. Ganz im Gegensatz zu der gehörlosen Kassandra Wedel, die eine der besten Hip-Hop-Tänzerinnen Europas ist und für Bayern antritt. Der Sender überträgt „Deutschland tanzt“ ab Samstag, 12. November, an drei Samstagen live jeweils um 20.15 Uhr.

Tanznieten und Dancing Queens: ProSieben versucht sich an einer weiteren Tanzshow und schickt ab diesem Samstag mehr oder weniger Prominente aufs Parkett. In „Deutschland tanzt“ treten Comedian Oliver Pocher, Moderatorin Janin Ullmann oder Entertainer Wolfgang Lippert jeweils für ihr Bundesland an. Am Ende entscheiden die Zuschauer, welcher Star zum Sieger gekürt wird.

Seit Wochen trainieren die Kandidaten für die von Lena Gercke moderierte Show, die an drei Samstagen live aus den Bavaria-Studios in München gesendet wird. Die einen haben dabei mehr, die anderen weniger Rhythmus im Blut.

Adam und Eva mögen es lieber daheim

Janni Honscheid und Peer Kusmagk in „Adam und Eva“. (Foto: RTL)

Janni Honscheid und Peer Kusmagk in „Adam und Eva“. (Foto: RTL)

„Fast alle meine Tanzerlebnisse waren irgendwie peinlich, weil ich immer auf die Tanzfläche wollte, aber dort nicht brillieren konnte. Ich habe mich immer irgendwie durchgemogelt“, sagte der frühere „Wetten dass..?“-Moderator Lippert (64) der Deutschen Presse-Agentur. Er und Schauspieler Friedrich Liechtenstein (der „Supergeil“-Typ aus der Edeka-Werbung) sind die ältesten Star-Schwofer der Show.

Auch Ex-„Dschungelcamp“-Gewinner Peer Kusmagk und Surferin Janni Hönscheid, die sich in der RTL-Nacktshow „Adam und Eva“ kennen- und liebenlernten, gehören nach eigenen Angaben in der Disco wohl zu den Talentfreien: „Wir tanzen eher im häuslichen Bereich.“

Favoriten sind andere, etwa Profitänzerin Avelina Boateng (24), Schwester von Fußballnationalspieler Jérôme Boateng, oder Magdalena Brzeska (38). Die Ex-Turnerin gewann 2012 die fünfte Staffel der RTL-Tanzshow „Let’s Dance“ und tritt diesmal mit ihrer 14-jährigen Tochter Noemi an.

Kassandra Wedel hat eine Botschaft

Besonders interessant sein dürfte der Auftritt von Kassandra Wedel. Sie gehört zu den besten Hip-Hop-Tänzerinnen Europas. Als vierjähriges Kind verlor sie bei einem Autounfall ihr Gehör. „Es ist nicht so bekannt, dass Gehörlose Schauspieler oder Tänzer sind. Das gibt es in Deutschland einfach nicht. Es ist gut, dass die Leute sehen, dass wir auch sehr viele Möglichkeiten haben“, erklärt die 31-Jährige, die Musik ausschließlich durch den Bass wahrnimmt.

Wedel wuchs in einem kleinen Dorf in Hessen auf. Von klein auf begeisterte sie sich für das Tanzen. Ab ihrem dritten Lebensjahr erhielt sie Ballettstunden. 2000 zog sie mit ihrer Mutter nach München und ist der Weißwurst-Metropole seitdem treu geblieben.

Bereits während ihrer Schulzeit gab sie Tanzunterricht und spielte Theater. Früh entdeckte sie ihre Leidenschaft für Hip-Hop, da sie die Beats spüren und sich so im Takt bewegen kann. Nach dem Abitur absolvierte Wedel eine Ausbildung zur Tanzlehrerin und unterrichtet seitdem Hörgeschädigte, Gehörlose und Hörende. Zudem schloss sie ihr Studium der Theaterwissenschaften und Kunstpädagogik erfolgreich in der bayerischen Landeshauptstadt ab. Zusammen mit ihrer Tanzpartnerin wurde Wedel 2012 Hip-Hop-Weltmeisterin.

Wedel liebt die Musik der US-Rapperin Missy Elliott. „Sie hat einfach einen guten, klaren und kräftigen Bass. Auch das Frauenbild, das sie hat, gefällt mir“, erklärte die Münchnerin.

Pop-Legende Michael Jackson bewundere sie ebenfalls. „Seine Musik passt sehr gut zu Gehörlosen. Er war früher schwarz, war eine Minderheit und wurde diskriminiert und ausgegrenzt.“ Das sei bei Gehörlosen oft genauso. „Ich kann mich sehr mit ihm identifizieren und lasse das in meinen Tanz einfließen.“

Auch die saarländische „Tatort“-Kommissarin Elisabeth Brück, die in Brasilien geborene Sängerin Fernanda Brandao und Ex-„Bachelor“ Jan Kralitschka versuchen ihr Glück mit Samba, Rumba und Hip Hop. Das Finale der Show, die durch ihren Bundesländervergleich an Stefan Raabs „Bundesvision Song Contest“ erinnert, steigt am 26. November.

Kommt jetzt ein Tanz-Boom?

Der Privatsender hofft, dass die Show bessere Quote erzielt, als zuletzt seine Tanz-Castingshow „Got To Dance“ mit Palina Rojinski. Die dritte Staffel ging im vergangenen Jahr mit nur 1,46 Millionen Zuschauern zu Ende – Zukunft ungewiss.

Traten vor vier Jahren gemeinsam bei „Let’s Dance“ auf: Joana Zimmer und Christian Polanc. (Foto: RTL)

Traten vor vier Jahren gemeinsam bei „Let’s Dance“ auf: Joana Zimmer und Christian Polanc. (Foto: RTL)

Dass tanzende Promis den Quoten-Takt angeben können, beweist seit zehn Jahren „Let’s Dance“. 2012 verblüffte in der RTL-Liveshow die blinde Sängerin Joana Zimmer Jury und TV-Publikum gleichermaßen. „Let’s Dance“ kam in diesem Jahr in jeder Ausgabe über die Marke von vier Millionen Zuschauern. Auch das Format „Dance Dance Dance“, unter anderem mit DJ Bobo und Sophia Thomalla in der Jury, brachte dem Kölner Privatsender im Herbst ordentliche Quoten.

Ob die Tanzshows zu einem Boom in Tanzschulen führt, können Verbände nicht genau sagen. „Wir haben zwar durchaus den Eindruck, dass die Tanzshows das Interesse am Tanzen an sich befördern, wissen allerdings nicht, wie sich das konkret in Buchungen niederschlägt“, erklärte der Allgemeine Deutsche Tanzlehrer-Verband (ADTV) auf Anfrage. Man führe in seinen rund 800 Tanzschulen keine Statistik darüber.

(RP/Thomas Bremser, dpa)

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