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Die 10 großen Irrtümer über Autismus und andere Fakten

Am 2. April ist der Welttag der Aufklärung über Autismus. Seit 2008 wird er an diesem Datum weltweit in allen Mitgliedsländern der Vereinten Nationen begangen. ROLLINGPLANET gibt Ihnen Informationen, die Sie vielleicht noch nicht kannten.

Rain Man

Dustin Hoffman als Raymond in "Rain Man" machte das Autisten-Phänomen weltweit bekannt (Foto: Tele5)

Was ist (nicht) Autismus?

Autismus (aus dem Griechischen Wort „αὐτός“ für „selbst“) wird von der Weltgesundheitsorganisation zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen gerechnet. Er wird von Ärzten, Forschern, Angehörigen und Autisten selbst als eine angeborene, unheilbare Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns beschrieben, die sich schon im frühen Kindesalter bemerkbar macht.

Für das Magazin „Autismus Kultur“ räumt der Autor Colin Müller mit Irrtümern auf:

1. FALSCH: Autismus ist eine Krankheit.
RICHTIG: Autismus ist eine Art zu sein, eine Wesensart, ein Naturell. Experten sprechen von Menschen im „Autismus Spektrum“ (wir bitten um Verständnis, wenn ROLLINGPLANET im Folgenden verkürzt „Autisten“ schreibt).

2. FALSCH: Autismus ist psychisch bedingt.
RICHTIG: Autisten haben ein alternatives Gehirndesign, eine ungewöhnliche neurologische Verdrahtung, eine andere Art der Wahrnehmungsverarbeitung. Es gibt viele sehr intelligente Autisten. Auch nicht-sprechende Autisten sind häufig intelligent.

3. FALSCH: Alle Autisten sind gleich.
RICHTIG: Autistische Menschen sind genauso unterschiedlich und individuell wie Nichtautisten.

4. FALSCH: Autismus ist die Folge von emotionaler Vernachlässigung, emotionalem Stress, Missbrauch oder Traumata.
RICHTIG: Immer noch hält sich die falsche These, die in den 1950er Jahren entstand, als Müttern standardmäßig die Schuld daran zugeschoben wurde, wenn ihre Kinder nicht so waren, wie die Gesellschaft das wünschte. Heute weiß man: Ein nicht-autistisches Kind kann man so schlecht erziehen, wie man will, es wird nie autistisch werden.

5. FALSCH: Autismus kann nach der Kindheit verschwinden.
RICHTIG: Aus autistischen Kindern werden autistische Erwachsene. Obwohl es hin und wieder als Wunderheilung verkauft wird, fangen viele Autisten irgendwann an zu sprechen – ganz ohne Therapie. Das heißt nicht unbedingt, dass sie irgendwann Durchschnittsmenschen werden.

6. FALSCH: Man erkennt Autisten an ihrem Äußeren.
RICHTIG: Autistische Menschen sehen aus wie andere Menschen auch.

7. FALSCH: Alle Autisten sind Genies.
RICHTIG: Dieser falsche Eindruck entsteht, weil autistische Genies besonders eindrucksvoll sind. Wie bei Nichtautisten gibt es solche und solche: Einige Autisten lernen sehr schnell, andere brauchen länger. Jeder hat seine individuellen Begabungen und Schwächen.

8. FALSCH: Autisten wollen keine sozialen Kontakte und haben keine Gefühle.
RICHTIG: Oft scheitert der soziale Kontakt daran, dass Autisten und Nichtautisten keine gemeinsame Sprache finden. Viele autistische Menschen wollen gern Kontakt zu anderen, wissen aber nicht, was eine sozial angemessene Art der Kontaktaufnahme sein könnte. Andere autistische Menschen wollen keinen Kontakt zu anderen Menschen. Wie alle Menschen wollen auch Autisten selbst auswählen, mit wem sie wann wie ihre Zeit verbringen, und wann sie lieber allein sind.
Autistische Menschen haben Gefühle für andere Menschen, auch wenn man ihnen diese nicht unbedingt anmerkt.

Viele von ihnen führen zufriedene Freundschaften, Partnerschaften und gründen Familien. In einem Radiointerview mit Antenne Bayern wird heute ein autistischer Vater erzählen: „Meine Frau muss mich darauf hinweisen, wie meine Kinder fühlen. Ich erkenne nicht anhand ihrer Mimik, wenn sie Angst vor etwas haben.“

9. FALSCH: Autisten können keine normale Schule besuchen.
RICHTIG: Die meisten autistischen Kinder und Jugendlichen besuchen Regelschulen und werden oft nicht als solche etikettiert – können aber vielfach nicht ihr Potential entfalten, weil sie anders lernen und eine angepasste Lernumgebung bräuchten.

10. FALSCH: Autismus bedeutet, kein selbständiges Leben führen zu können.
RICHTIG: Manche Menschen brauchen viel Unterstützung von anderen, andere leben gänzlich ohne spezielle Unterstützung.

Was für ein Autist war Rain Man?

Rain Man war das Kinodrama von 1988, in dem Dustin Hoffman den autistischen Raymond spielt, der von seinem Bruder Charlie (Tom Cruise) aus einer Klinik auf eine lange Reise durch die USA mitgenommen wird. Rainman hat das Savant-Syndrom (auch Inselbegabung genannt).

Vorlage des Rain Man war Kim Peek, ein Gedächtnisgigant, der nach eigenen Angaben den Inhalt von 12.000 Büchern parat hat. Seine Methode: Er liest zwei Seiten gleichzeitig, er scannt mit dem linken Auge die eine und mit dem rechten Auge die andere Seite eines Buches. So benötigt er nur acht Sekunden, um den so gelesenen Inhalt zu speichern. Ebenso hat er Jahreszahlen, Melodien, den Kalender, alle Telefonvorwahlen der USA, Straßennetze aller Staaten und das komplette Fernsehprogramm im Gedächtnis.

Savants sind Menschen wie Peek, die eine extrem ungewöhnliche Begabung haben, zum Beispiel enorme Gedächtnisleistungen. Es gibt auch Savants, die nicht Autisten sind. Nur etwa 50 Prozent der bekannten Inselbegabten sind Autisten.

Stephen Wiltshire

Stephen Wiltshire (Foto: Barcroft Media)

Auch der Künstler Stephen Wiltshire auf unserem Foto ist ein Savant. Nach nur einem 20-minütigen Flug in einem Helikopter malte er aus dem Gedächtnis das Panorama von New York. Auch Rom (unser Video, unbedingt ansehen!), London oder Tokio hielt er auf diese Weise fest.

Welche beeindruckenden Autisten gibt es sonst noch, die nicht Rain Man heißen?

Um nur einige zu nennen: Phillipa „Pip“ Brown (Ladyhawke, Indie Rock Musiker), Finanzmanager Michael Burry, Schauspielerin Daryl Hannah, Sänger Craig Nicholls, Pulitzer-Preisträger Tim Page, Pokémon-Erfinder Satoshi Tajiri, Komponist Hikari Ōe – eine Liste gibt es im deutschsprachigen und im englischsprachigen Wikipedia.

Wie viele Autisten gibt es?

Nach Angaben des Bundesverbandes Autismus Deutschland leben hierzulande pro 1000 Einwohner etwa 6 bis 7 Menschen mit einer autistischen Störung.

Ist Autismus eine moderne Erscheinung?

Nein. Die erste detaillierte Beschreibung eines Kindes, dass wir heute als autistisch bezeichnen würde, wurde 1799 von Jean Itard geschrieben („Der wilde Junge von Aveyron“).

Was ist das Asperger-Syndrom?

Das Asperger-Syndrom ist eine Form des Autismus, die vor allem durch Schwächen in den Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation gekennzeichnet ist. Beeinträchtigt ist insbesondere die Fähigkeit, nicht verbale Signale bei anderen Personen zu erkennen und intuitiv selbst auszusenden. Das Kontakt- und Kommunikationsverhalten von Asperger-Autisten erscheint dadurch „merkwürdig“ und ungeschickt. Da ihre Intelligenz in den meisten Fällen normal ausgeprägt ist, werden sie von ihrer Umwelt jedoch nicht als Autisten, sondern höchstens als „wunderlich“ wahrgenommen. Gelegentlich fällt das Asperger-Syndrom mit einer Hoch- oder Inselbegabung zusammen. Das Syndrom, das als angeboren und nicht heilbar angesehen wird, macht sich etwa vom vierten Lebensjahr an bemerkbar.

Die politische Forderungen

„Neben den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind aber auch die individuellen Voraussetzungen entscheidend für Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Autismus. Diese können durch spezifische Förder- und Therapieangebote deutlich verbessert und weiter entwickelt werden“, erklärt der Bundesverband Autismus Deutschland anlässlich des heutigen Welttag der Aufklärung über Autismus. Derzeit werden rund 4800 betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit einer Autismus-Spektrums-Störung allein in einem der 41 dem Bundesverband Autismus Deutschland angeschlossenen Autismus-Therapie-Zentren gefördert, beraten und begleitet.

Gabriele Molitor (FDP)

Gabriele Molitor (FDP)

Die behindertenpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Gabriele Molitor, erklärt:

„Oft wird über Menschen mit Autismus gesagt, sie lebten in einer anderen Welt. Fakt ist: Es gibt ein autistisches Spektrum. Die Ausprägungen können ganz unterschiedlich sein. Von der Inselbegabung und kognitiven Höchstleistungen bis hin zu schweren geistigen Behinderungen. Wichtig ist es, die Entwicklung von Menschen mit Autismus zu fördern. Vor allem Kinder mit Autismus profitieren von frühen Hilfen. Die FDP-Bundestagsfraktion setzt sich für frühe Förderung und eine frühe Diagnosestellung ein.

Gerade im Hinblick auf die UN-Behindertenrechtskonvention gilt es die Rechte und die soziale Inklusion von Menschen mit Behinderungen zu stärken. Die Forderung nach Inklusion beinhaltet die Teilhabe und Anerkennnung von Anfang an. Menschen mit Autismus gehören in die Mitte der Gesellschaft. Sie müssen die gleiche Chance auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bekommen. Sie müssen die Hilfe erhalten, die sie für ein Leben in größtmöglicher Selbstbestimmung benötigen. Der Gedenktag macht auf die Situation von Menschen mit Autismus aufmerksam und zeigt: Gemeinsame Begegnungen fördern Toleranz und das soziale Miteinander.“

Quellen: für 10 Irrtümer: Colin Müller/Autismus Kultur, Wikipedia, eigene Recherchen.

Veranstaltungen zum und am Weltautismustag am 2.4.2012

seit 13. März 2012 bis 2. April 2012

Halle: Kunstausstellung und Unternehmertag: „Zwischen den Spiegeln – unsere Welt mit meinen Augen“
http://www.ein-schutzengel-für-kinder.de/ausstellung-zwischen-den-spiegeln-unsere-welt-mit-meinen-augen

2. April 2012

Hamburg: „Blauer Himmel über Hamburg“
http://www.autismushamburg.de

Walsrode: Themenabend „Autistische Menschen im Spiegel der Autismusforschung“
http://www.einzigartig-eigenartig.de

Wolfsburg: „Snow Cake“–Filmabend
http://www.hallenbad.de

Saarbrücken: „Ben X“ Kino Filmhaus
http://www.autismuszentrum-saar.de

2. bis 5. April 2011

Leipzig: Ausstellung „art of inclusion“, Neues Rathaus
www.bareface.jimdo.com

14. April 2012

Braunschweig: Autismus im Kontext von Kindergarten, Schule, Familie und Beruf, Autismus Therapie- und Beratungszentrum Wolfsburg/Lebenshilfe Braunschweig/DRK Wolfenbüttel

21. April 2012

Bonn: Informationsveranstaltung zum Welt-Autismus-Tag
http://www.lebenmitautismus.de

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8 Kommentare

  • petra

    im großen und ganzen recht gut, wichtige korrektur: mensch lebt mit autismus, „leiden“ tut man unter einer gesellschaft, die in ihren stereotypien durchaus autistischer ist, als so manch „leidender“.

    29. März 2013 at 12:43
  • Rollingplanet

    Hallo Petra, vielen Dank für den Hinweis. Wir vermeiden in der Regel auch den Begriff „leiden“ – in diesem Fall ist er uns leider herausgerutscht. Wir haben das entsprechende Wort geändert.

    29. März 2013 at 12:52
  • Andrea

    Was das Leiden betrifft, so ist das sehr individuell.

    Ich leide durchaus an meinem Autismus, direkt und indirekt. Einerseits ist es meine Andersartigkeit, die mir das tägliche Leben erschwert aufgrund der Tatsache, dass nicht alle Mitmenschen damit umgehen können, aber ich leide auch direkt unter meiner autistischen Wahrnehmung, die mich schnell überfordert und mich unter anderem daran hindert, den Beruf auszuüben, den ich mal gelernt habe und damit das Leben zu führen, das ich ursprünglich wollte.

    Und ich leide ganz direkt darunter, wenn ich wieder mal Probleme in der Kommunikation mit anderen Menschen habe und ganz besonders darunter, dass ich Sympathie zu anderen Menschen nicht zeigen und erkennen kann.

    Insofern empfinde ich meinen Autismus auch nicht einfach nur als eine andere Art des Seins, sondern als Behinderung.

    3. April 2013 at 22:26
  • RettAngel

    Hallo,
    ich leide nicht weil ich eine besondere Autistin bin, nein weiß Gott nicht…. ich leide unter unserem System unsere Gesellschaft in die man zwanghaft versucht Autisten hinein zu drücken. Nicht alle Therapien sind erstrebenswert und so manche Psychologen sollten noch ein paar Semester dranhängen….. wer bitte nimmt sich das Recht heraus zu sagen was gut für mich und meine Kinder ist und was „normal“?? Wie sagte Eckart von Hirschhausen:“Aus einem Pinguin macht man auch nach mehreren Jahren Therapie keine Giraffe!“ ….. manche NT`s möchten einfach nicht verstehen, das es Autisten gibt, die als Kreis nicht in eine viereckige Form des Systems passen….. ich habe mein Leben lang nicht gewusst wie besonders ich bin, habe versucht mich anzupassen, habe meine Kids so gut es geht durch dieses verrückte System der Gesellschaft und des Staates zu bringen, doch jetzt weiß ich was und wer ich bin und ich lasse es nicht mehr zu das meine Kinder mit Gewalt in eine Form gepresst werden in die sie NIE passen werden. Meine Hochbegabung gibt mir die Sicherheit und das Verstehen mich zur wehr zu setzen, denn es ist diskriminierend und unsere Menschenrechte werden verletzt….. für mich sind die NT`s, die am lautesten schreien sie seien normal, die verrücktesten….. Deutschland lebt leider hinter dem Mond was Autisten, Behinderte und Menschenrechte betrifft und das macht mich sehr traurig und wütend zu gleich!!!

    9. April 2013 at 17:55
  • sema

    Sehr zutreffen, würde es gern auf meiner Facebook Seite teilen aber gibt kein Button dafür. Traurig das es im verborgenen bleiben muß.

    4. April 2014 at 18:22
  • Sandra

    Ihr Artikel tat mir sehr gut. Menschen mit Autismus werden so furchtbar diskriminiert, weil niemand der selbst betroffen ist sich wirklich eingehend mit Autismus beschäftigt. Seit der Diagnose meiner beiden hochbegabten Töchter mit Asperger Syndrom lebe ich voller Schmerz darüber, dass nun plötzlich keiner mehr meine so wunderbaren Kinder so behandelt wie vor der Diagnose. Es ist als gehöre man nicht mehr zur normalen Gesellschaft und auch die ganzen Therapien und Training werden von Menschen gegeben,die nur einen guten Verdienst im Autismus sehen. Eigentlich gibt es keine Autisten, nur Menschen die sich auf diese Weise ähneln, dass man ihnen ein Syndrom anhangen kann. Denn vielen Menschen könnten alle möglichen sozialen Trainings gebrauchen.

    18. Mai 2015 at 21:23

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