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„Die Auslöschung“: Die Liebe in den Zeiten von Alzheimer

Mit aufwendigen Themenabenden will die ARD gesellschaftliche Debatten befeuern. Am Mittwoch läuft das Drama „Die Auslöschung“ mit den Schauspiel-Stars Klaus Maria Brandauer und Martina Gedeck.

''Die Auslöschung'' im Ersten: Judith (Martina Gedeck) muss Ernst (Klaus Maria Brandauer) beruhigen, der sich bei einem Ausflug zum Bauernhof ganz plötzlich verloren fühlt. / Foto: SWR/Petro Domenigg

“Die Auslöschung“ im Ersten: Judith (Martina Gedeck) muss Ernst (Klaus Maria Brandauer) beruhigen, der sich bei einem Ausflug zum Bauernhof ganz plötzlich verloren fühlt. (Foto: SWR/Petro Domenigg)

Vögel zwitschern, über Baumwipfeln neigt sich ein Regenbogen zur Erde. „Ich glaube, jetzt ist es zu Ende“, sagt die sonore Stimme eines Mannes, der mit leicht wackeliger Kamera diese Bilder aufnimmt.

Glücklich lächelt darauf eine attraktive Frau im Sonnenschein und antwortet: „Aber schön war es.“ Viel später werden wir die Szene noch einmal sehen und hören. Dazwischen erleben wir die Geschichte einer Liebe, die an Krankheit und Tod noch wächst.

Nikolaus Leytners Fernsehdrama „Die Auslöschung“ (Mittwoch, 8.5.2013, 20.15 Uhr, ARD) – hochkarätig besetzt mit den Schauspiel-Stars Klaus Maria Brandauer und Martina Gedeck – ist ein so wehmütiger wie seltsam positiv stimmender Beitrag zur neuen Volkskrankheit Alzheimer.

Kultiviert und intellektuell

Ernst (Klaus Maria Brandauer) zeigt erste Ausfallerscheinungen und erschreckt damit seine Tochter Katja (Birgit Minichmayr) und seinen Sohn Theo (Philip Hochmair, re.).  (Foto: SWR/Petro Domenigg)

Ernst (Klaus Maria Brandauer) zeigt erste Ausfallerscheinungen und erschreckt damit seine Tochter Katja (Birgit Minichmayr) und seinen Sohn Theo (Philip Hochmair, re.). (Foto: SWR/Petro Domenigg)

„Welch eine Nacht, ihr Götter und Göttinnen! Wie Rosen war das Bett! Da hingen wir zusammen im Feuer und wollten in Wonne zerrinnen!“ – mit antiken Dichterworten betört der eloquente ältere Wiener Kunsthistoriker Ernst (Brandauer, „Mephisto“) die Restauratorin Judith (Gedeck, „Nachtzug nach Lissabon“) nach ihrer ersten Begegnung, die ihre Fortsetzung im Hotelzimmer findet.

Und Judith kennt das Poem, vollendet es mit dem Füllfederhalter auf einem Blatt Papier. Derart hoch kultiviert ist das gesamte Ambiente des Films. Bildung und Kunst, geschmackvolle Häuser und Menschen mit Substanz formen eine Welt, in welcher der Verfall des bald an Demenz erkrankenden Intellektuellen umso drastischer erscheint.

Feinfühlig und zurückgenommen

Äußerlich betont stilvoll und stilisiert, dennoch menschlich anrührend hat der preisgekrönte Regisseur Leytner (55), „Ein halbes Leben“) die Produktion der Mona Film in Kooperation mit ORF und SWR nach dem Drehbuch von ihm selbst und Agnes Pluch in Szene gesetzt.

Feinfühlig und zurückgenommen zeichnet Hauptdarsteller Brandauer die Wandlung eines Erfolgsverwöhnten und sogenannten „eitlen Gockel“ zum Mann, der erst nur Namen und Wegstrecken vergisst, später seine Brille im Kühlschrank wiederfindet.

Am Schluss wird er weder seine Geliebte noch sich selbst erkennen. Zornausbrüche, Ängste und Misstrauen, der Rollstuhl und der Plan, Suizid zu begehen, gehören nun zu Ernsts Leben.

„Eine fantastische Liebesgeschichte“

Restauratorin Judith (Martina Gedeck) hat sich verliebt und ist über sich selbst erstaunt. (Foto: SWR/Petro Domenigg)

Restauratorin Judith (Martina Gedeck) hat sich verliebt und ist über sich selbst erstaunt. (Foto: SWR/Petro Domenigg)

Allerdings: In der Gewissheit, nicht allein zu sein, stellt er sich so souverän wie möglich seiner Krankheit. „Eine fantastische Liebesgeschichte“ nannte die Burgtheater-Größe Brandauer (69) im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa in Hamburg den Film, dessen Thema ihn nach langer TV-Abstinenz („Kronprinz Rudolfs letzte Liebe“, 2006) wieder zum Fernsehen gelockt habe.

Die Verbundenheit mit der Frau, die ihn nur einmal aus Verzweiflung verlässt, jedoch bald zurückkehrt, sowie mit seinen Kindern aus erster Ehe (Birgit Minichmayr, Philipp Hochmair) bereichert nicht nur das Leben des Alzheimer-Patienten. Auch die von Gedeck kunstvoll still verkörperte Judith und seine Familie spüren dessen Liebe stärker als je zuvor.

Ein Film als Mutmacher

Leytners Drama darf man als Mutmacher zur Liebe unter allen Umständen ansehen, gerade angesichts von wohl 1,3 Millionen Demenzkranken in Deutschland. Rund 700.000 von ihnen sollen an Alzheimer leiden, dessen Ursache Eiweißablagerungen im Gehirn sind.

Betroffen sind meist Menschen ab 65 Jahren – in der älter werdenden Gesellschaft in steigender Zahl. Die Autorin Pluch („Die letzte Spur – Alexandra, 17 Jahre“, 2011) erklärte allerdings, sie wolle „Die Auslöschung“ in keinem Fall als Geschichte mit Vorbildcharakter sehen. Sie habe allein „die individuelle Geschichte von Ernst und Judith“ geschrieben.

Auf die Ausstrahlung des Spielfilms folgt um 21.45 Uhr die Dokumentation „Die Welt des Vergessens“ von Thomas Luck über Leben mit Demenz.

(dpa)


Interview mit Klaus Maria Brandauer und Martina Gedeck


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