""

Die Autoindustrie braucht altersgerechte Arbeitsplätze

Wenn Fließbänder ihre Spuren hinterlassen haben: Wie VW, Mercedes & Co. Alternativen zum Akkord suchen. Von Heiko Lossie

Produktion bei VW in Sachsen: Für ältere Arbeitnehmer ist Akkordarbeit eine besondere Belastung. (Foto: Volkswagen)

Produktion bei VW in Sachsen: Für ältere Arbeitnehmer ist Akkordarbeit eine besondere Belastung. (Foto: Volkswagen)

Beim Delegiertenkongress der Gewerkschaft IG BCE vergangene Woche in Hannover gab es eine bemerkenswerte Szene. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte in ihrer Gastrede: „Wir werden unbedingt etwas tun müssen bei einer verbesserten Erwerbsminderungsrente.“ Applaus übertönte ihre weiteren Worte. „Altersarmut“ war noch zu hören.

Ein Beispiel im Kleinen für das, was Merkel im Großen ansprach, findet sich in Wolfsburg. Dort drehte sich der Arbeitstag für Peter Kaiser früher in 387 immergleichen Schleifen. 13 Jahre lang stand er im Volkswagen-Stammwerk am Band, für einen Arbeitstakt hatte er 60 Sekunden, dann wieder von vorne, 387 Mal in einer Schicht – mal früh, mittel oder spät.

Immer mehr Menschen mit verminderter Erwerbsfähigkeit

„Die Arbeit war nicht unbedingt körperlich schwer, schwer war der starre Takt“, sagt der 55-Jährige. Der Rücken, der Kreislauf, fehlender Appetit – Kaiser bekam ernsthafte Probleme.

Laut Rentenversicherung gehen seit 2004 wieder mehr Menschen wegen „verminderter Erwerbsfähigkeit“ früher als gewollt in den Ruhestand. 596 Euro pro Monat zahlt die Kasse dann im Schnitt – nur rund 200 Euro über Hartz-IV-Niveau. Wegen „verminderter Erwerbsfähigkeit“ gab es allein im jüngsten Berichtsjahr 2011 rund 180.000 Rentenneuzugänge – so viele Einwohner hat Saarbrücken.

Peter Kaiser aber blieb das erspart. Er wechselte vom Band ins neue VW-eigene Logistikzentrum, in dem Arbeitsplätze auf eingeschränkte Mitarbeiter zugeschnitten sind.

Peter Kaiser bewegt einen Motor mit einem Hebekran  im VW-Logistikzentrum in Wolfsburg (Niedersachsen). In dem rund 26 Millionen Euro teuren neuen VW-eigenen Logistikzentrum gibt es Arbeitsplätze mit Hebekränen, Hebebühnen oder Packhilfen, die auf gesundheitlich eingeschränkte VW-Mitarbeiter zugeschnitten sind. (Foto: Holger Hollemann/dpa)

Peter Kaiser bewegt einen Motor mit einem Hebekran im VW-Logistikzentrum in Wolfsburg (Niedersachsen). In dem rund 26 Millionen Euro teuren neuen VW-eigenen Logistikzentrum gibt es Arbeitsplätze mit Hebekränen, Hebebühnen oder Packhilfen, die auf gesundheitlich eingeschränkte VW-Mitarbeiter zugeschnitten sind. (Foto: Holger Hollemann/dpa)

Fachbegriff „Leistungsgewandelte“

Im Sprachjargon der Arbeitswelt ist von „Leistungsgewandelten“ die Rede. Der Fachbegriff meint, dass das Niveau der Arbeitsproduktivität abgesunken ist. Er meint aber auch, dass die Leistung wieder steigen kann, wenn eine angepasste Aufgabe kommt.

Kaiser sagt zum neuen Job: „Ich habe mich hier sofort gefühlt wie im Paradies. Dabei ist das hier kein Sanatorium, auch wir haben Vorgaben, was zu schaffen ist“, sagt der 55-Jährige. Nur wenn der Kreislauf doch mal wieder verrückt spiele, „kann man hier eben auch mal draußen frische Luft schnappen“.

Für die IG Metall ist das Thema altersgerechte Beschäftigung ein Zukunftsfeld, „weil in vielen Betrieben gesundheitsverschleißende Arbeitsbedingungen nicht zu übersehen, altersgerechte Arbeitsplätze und eine demografiesensible Personalpolitik hingegen nicht in Sicht sind“, wie Gewerkschaftsvorstand Hans-Jürgen Urban sagt.

Die Autobranche reagiert mit In- statt Outsourcing

Bei Volkswagen hat das Projekt noch eine weitere Dimension als die Summe der Einzelfälle wie Peter Kaiser: Ursprünglich wollte der Autobauer das Logistikzentrum zwar von der eigenen Immobilientochter bauen, aber von einer Fremdfirma betreiben lassen. Dann gab es doch In- statt Outsourcing.

Marion Wolf schiebt ein Paket über einen mit Rollhilfen ausgestatteten Packtisch im VW-Logistikzentrum in Wolfsburg.(Foto: dpa)

Marion Wolf schiebt ein Paket über einen mit Rollhilfen ausgestatteten Packtisch im VW-Logistikzentrum in Wolfsburg.(Foto: dpa)

Dieser Aspekt steht in der Autobranche derzeit verstärkt auf der Agenda – auch getrieben von Altersfragen. Mercedes in Bremen etwa hat ähnliche Projekte. Dort konnten sich 2009 laut einer Betriebsratsumfrage drei von vier Beschäftigen nicht ausmalen, noch bis zur Rente durchzuhalten. Alternativen zum Akkord werden dort nun ebenfalls nicht mehr ausgelagert, berichtet die IG Metall.

Herausforderung demografischer Wandel

Autobauer Audi wählte für seine „Silver Line“ – das Band für den Sportwagen R8 – gezielt ältere Mitarbeiter. „Dabei handelt es sich nicht um ,leichtere Arbeiten‘“, stellt Audi klar. Vielmehr benötige das komplexe Luxusmodell R8 auch mehr Erfahrung. „Gleichzeitig bedeuten die längeren Arbeitstakte auch eine reduzierte körperliche Belastung für die Mitarbeiter.“ Zwei Fliegen mit einer Klappe also.

Die Arbeitgeberlobby BDA schreibt zum Thema: „Die Mehrheit der Unternehmen in Deutschland weiß, dass der demografische Wandel die Personalpolitik vor erhebliche Herausforderungen stellt.“ Gezielt altersgemischte Teams seien ein Ausweg – und oft sogar erfolgreicher.

Ob sich Alternativen wie für Peter Kaiser und das Gewinnstreben der Betriebe womöglich ausschließen, ist auch schon wissenschaftlich untersucht worden. Eine Doktorarbeit an der Technischen Universität München kam 2010 zu dem Schluss, dass sich durchaus die Integration Leistungsgewandelter mit Effizienzsteigerungen verbinden lässt.

Leuchtturmprojekt von Volkswagen

Auch VW ist überzeugt, dass sich das rund 26 Millionen Euro teure Projekt Logistikhalle rechnet. Die angepassten Arbeitsplätze mit Hebekränen, Hebebühnen oder Packhilfen schlügen nicht über Gebühr zu Buche. Astrid Lühring, Chefin der internationalen Materiallogistik bei VW, sagt sogar: „Schon Mitte 2014 haben wir diese Mehrkosten wieder drin.“ Dann ist das Projekt keine zwei Jahre alt.

Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) meint, das Thema ergebe volks- und eben auch betriebswirtschaftlich Sinn. Das Betriebsklima profitiere und viel Fachkompetenz bleibe erhalten. „Mitarbeiter, die auch bei ihren gesundheitlichen Problemen unterstützt werden, sind motiviert und erzielen bessere Arbeitsergebnisse“, so die BAR.

Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil (SPD) lobt das Wolfsburger Projekt: „Das ist das beste Beispiel von Inklusion auf dem ersten Arbeitsmarkt, das ich bislang kennengelernt habe.“ Und VW-Betriebsrat Mike Sempf sagt: „Wertschöpfung und Wertschätzung gelingen hier gleichermaßen.“

(dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN