""

Die Bücher der Toten: Skandalöse Zustände in Altenheimen

In Deutschland gibt es zu wenig Pfleger – und in manchen Einrichtungen erschütternd wenig Beschäftigung mit den Alten. Wie Politik und Verbände reagieren. Von Basil Wegener

Bücher, die nicht vom Leben erzählen, sondern von den Toten sind (Symbolfoto: Susanne Schmich/pixelio.de):

Bücher, die nicht vom Leben erzählen, sondern von den Toten sind (Symbolfoto: Susanne Schmich/pixelio.de):

In der kommenden Woche will die schwarz-gelbe Bundesregierung auf den letzten Drücker eine neue Großreform für die Altenpflege auf den Weg bringen (ROLLINGPLANET berichtete: Die Nerven liegen blank: Hartes Ringen um Plan für Pflegereform). Es ist die letzte Sitzungswoche des Bundestags in dieser Wahlperiode, und nun soll das seit Jahren vorbereitete Projekt mit einem offiziellen Fahrplan konkretere Züge annehmen. Nach der Wahl, so die Pläne, soll es milliardenteure Verbesserungen geben. Doch wie ist die Lage heute?

„Die Gesellschaft hat die Verantwortung“

Das Kuratorium Deutsche Altershilfe ruft zu viel mehr Augenmerk für das Leben und Leiden der Alten auf. „Die Gesellschaft hat die Verantwortung, ein würdevolles Leben im Alter zu garantieren“, mahnt der Vorsitzende Jürgen Gohde. Schon das Grundgesetz gebe das vor.

Die Lage in vielen Heimen wird aber auch deshalb immer drastischer, weil viele Menschen erst spät dorthinkommen. Experten rechnen vor: Rund acht bis neun Monate hat ein Bewohner im Pflegeheim im Durchschnitt noch bis zum Tod.

Kein Zeichen für Leben: „Es waren die Bücher der Toten“

Jüngste Berichte über angeblich zerstörerische Zustände in der Altenpflege sind erschütternd. Eine Reporterin in der „Berliner Zeitung“ beschrieb zum Beispiel ihre Odyssee von Einrichtung zu Einrichtung. Sie suchte ein Heim für ihren Opa – und wurde immer frustrierter. „Ein letztes stand noch auf der Liste“, schreibt sie. Es erschien freundlich. „Vor allem gab es etwas, was ich bisher in keinem einzigen Heim gesehen hatte: Bücher.“

Gleich als der Großvater da war, habe aber die Katastrophe begonnen. Zu wenig zu trinken, kaum Aufmerksamkeit, stundenlanges Sitzen im Rollstuhl. „In den drei Jahren, in denen mein Großvater im Heim verbrachte, haben wir uns oft ohnmächtig gefühlt, schlecht und manchmal auch so, als würden wir den Verstand verlieren.“

Der Großvater starb – und eine Pflegerin nahm ein hinterlassenes Buch fürs Heimregal. „In diesem Moment verstand ich, dass auch die Bücher ein Irrtum waren. Sie waren kein Zeichen für Leben. Es waren die Bücher der Toten.“

„Raus aus dem Zimmer! Schon wieder Leasing!“

Wenige Tage später machte das „SZ-Magazin“ mit der Reportage „Düstere Aussichten“ auf: Die Autorin hatte sich per 400-Stunden-Kurs zur Pflegehelferin ausbilden lassen und bei einer Leasingfirma angeheuert. In mehreren Heimen musste sie dem Bericht zufolge in eigentlich nicht zu schaffender Akkordarbeit den Menschen beim Klo-Gang helfen, Essen geben, sie bewegen.

„Ein Wochenende in der Demenzabteilung: Mir wird nach kurzer Einweisung ein Bereich allein überlassen“, schreibt sie etwa. Eine Bewohnerin schreit sie laut dem Bericht an: „Ich mag Sie nicht! Raus aus dem Zimmer! Schon wieder Leasing!“

Beschrieben wird, wie qualvoll Pflegehelferin und Bewohnerin dann miteinander das Nötigste erledigen. „Sie weint – wir beide sind verzweifelt.“ Das Heim spare, sagt eine Pflegerin dort. „Die Tränen steigen der Pflegerin in die Augen. Sie ist untröstlich, mitansehen zu müssen, wie die alten Menschen innerhalb kurzer Zeit so stark unumkehrbar abbauen, einfach weil es nicht genügend Personal gibt.“ So geht das spaltenweise – und es sind nicht die einzigen Berichte dieser Art.

Unterschiedliche Reaktionen auf Vorwürfe

Sind solche Schilderungen wirklich ein Abbild der Realität in Deutschland 2013? Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) antwortet auf die Frage. Bahr sagt: „Pflegerinnen und Pfleger in Heimen leisten bei der Pflege und Betreuung alter hilfsbedürftiger Menschen eine großartige Arbeit. Ich wünsche mir, dass diese Arbeit auch gesellschaftlich eine stärkere Anerkennung findet.“

Einige Initiativen und Gesetze hätten dies bereits zum Ziel. „Zugleich muss die Debatte darüber, wie gepflegt wird und wie wir uns wünschen selbst gepflegt zu werden, fortgeführt werden.“

Der Spitzenverband der Pflegekassen zeigt sich erschüttert. „Solche Zustände dürfte es in Deutschland gar nicht geben und die Betreiber der Pflegeheime sind gefordert, so etwas nicht zuzulassen“, sagt sein Sprecher Florian Lanz. Jeder in dem Bereich müsse sich um eine anständige Pflege kümmern. Der Verband engagiere sich etwa mit strengeren Pflegenoten bis zu der Förderung vieler Modellprojekte.

„Immer mehr Pflegekräfte flüchten“

Der Präsident des Deutschen Pflegerats, Andreas Westerfellhaus, erklärt: „Immer mehr Pflegekräfte flüchten in die Teilzeit, werden krank oder steigen ganz aus.“ Das Hauptproblem sei, dass nicht genug Pflegekräfte auf dem Markt seien. Er betont aber: Es gebe zwar Heime mit deprimierenden Zuständen – aber auch mittelgute und sehr gute.

Beim Pflege-Arbeitgeberverband bpa versichert man: „Grundsätzlich sind Leasingkräfte für Pflegeeinrichtungen der letzte Ausweg, um die Personalzahl, die sie verpflichtend einhalten müssen, zu gewährleisten.“ Billiger seien sie nicht: Leasinggesellschaften seien zwischengeschaltet. Wie viele Leasing- und Hilfskräfte auf Pfleger mit dreijähriger Ausbildung in Deutschland kommen, weiß keine Statistik.

(dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

1 Kommentar

  • Sandra Polacek

    „Die Debatte muss fortgeführt werden…“ ??? Na prima, Herr Bahr. Nach der Wahl ist vor der Wahl, fürchte ich. So schnell ändert sich nix. Es gäbe so vieles zu tun. Was ist zum Beispiel aus der Ombudsfrau für Entbürokratisierung der Pflege geworden? Täglich stöhne ich über den Akten, wünsche mir einen Abbau der Bürokratie, es ist mindestens ein Jahr vergangen, dass man der (sicher sehr engagierten!) Dame Vorschläge unterbreiten konnte und ich wette, viele von uns Pflegern haben das auch getan. Aber wieder einmal hört man – nichts.
    Die Sitzung im Bundestag zum Thema Pflege am 27.6.2013 war ein Witz, oder auch Ärgernis, je nachdem wieviele Nerven der Betrachter noch hat.
    Deutschland wurde von der UN schon zweimal verwarnt, weil festgestellt wurde, dass im Jahre 2006 und 2007 ca 41% der Heimbewohner an Flüssigkeits- und Nahrungsmangel litten, zu deutsch: verdursten, verhungern. Das sind 293.000 Menschen.
    (Quelle: http://www.heimmitwirkung.de/smf/index.php?topic=1582.0;wap2 ) Erschütternd, finde ich. Wo bleibt der Aufschrei, der Skandal, der Bericht in den Medien?
    Es macht keinen Spaß. Ja, die Zustände sind zu einem großen Teil unerträglich. Aber die große Masse schaut offensichtlich lieber weg.
    Die Petition „Rosenbläter im Irrgarten“ (bitte googeln!) dümpelt vor sich hin, trotz großartigen Engagements ihrer Mitglieder, kaum jemand unterschreibt noch.

    Achtung, fiese Drohung: Irgendwann pflegen wir euch – alle! Auch Sie, Herr Bahr…

    14. Juli 2013 at 10:28

KOMMENTAR SCHREIBEN