""

Die einen nennen es Schubkarre, die anderen Wattmobil

Seit heute können Behinderte sich damit am Nordseestrand in Cuxhaven-Sahlenburg herumfahren lassen. Von Frank Miener

Das neue Wattmobil (Foto: dapd)

Im ersten Moment sieht die 15-Jährige Carolien etwas unglücklich aus. Sie sitzt in einem blau-grauen Fahrzeug mit drei dicken Rädern. Dann aber leuchteten ihre Augen, als Sandra Castineiras sie schiebt. Federweich gleitet das „Wattmobil“ über den glitschigen Boden vor dem Nordseestrand in Cuxhaven-Sahlenburg. Seit heute können Behinderte damit bei Ebbe die besondere Welt des Meeresbodens erkunden.

„Wir haben immer mehr Bedarf festgestellt“, sagt Bernhard Rauhut, Leiter des Besucherzentrums Wattenmeer am Sahlenburger Strand. Wenn Schulklassen kamen, seien auch behinderte Kinder dabei gewesen. Sie mussten am Strand warten, wenn ihre Klassenkameraden durch den Schlickboden stapften, der einmaliges Weltkulturerbe ist. „Da haben wir uns gewünscht, etwas tun zu können“, berichtet Rauhut weiter. Zwei gab es schon in Cuxhaven, eines im Kinderhospiz und eines an einem anderen Strandabschnitt.

Mithilfe von Spendengeldern konnte nun auch ein Wattmobil für Sahlenburg angeschafft werden. 1.300 Euro hat die Anschaffung des Fahrzeugs gekostet, das ein wenig an eine überdimensionierte Sportkarre für Kinder erinnert. Knapp 15 Zentimeter dicke, graue Reifen hat es, dazu eine blaue Sitzschale aus Plastik mit Gurten und eine Ablage für die Beine.

Besondere Reifen sind der Trick

Besonders die Reifen sind der Trick am Mobil. Durch die Breite der Pneus verteilt sich die Last breit auf dem Boden, der Druck wird deutlich reduziert. „Das lässt den Wagen deutlich leichter schieben“, sagt Rauhut.

In der Tat sieht es spielend leicht aus, wie die Schulhelferin an der Schule am Meer, Sandra Castineiras, den Wagen mit Carolien für einen ersten Testlauf durch das Watt schiebt. Die Einrichtung, in der sie arbeitet, arbeitet mit Behinderten und hat eine Projektgruppe an den Strand gebracht, um das Wattmobil zu testen. „Natürlich kann ich nicht beurteilen, wie es sich mit einem Erwachsenen verhält“, sagt Castineiras. Aber für die 15-Jährige sei das optimal. „Mit ihrem Rollstuhl würde sie nie dorthin kommen“, sagt sie.

Carolien jedenfalls scheint die Fahrt zu genießen, die bei ganz geringem Wasserstand unter den Reifen noch schwebender als normal sein soll, wie Rauhut beschreibt. „Sie hat jetzt endlich die Möglichkeit, auch mal die besonderen Geräusche und Gerüche draußen im Watt zu spüren, die andere Luft und das ganz Spezielle des Wattenmeers“, sagt Castineiras. Aussteigen kann das Mädchen nicht, da es auf zwei Orthesen und damit auch Schuhe angewiesen ist, die die Beine stützen.

Kann man kostenlos in Miami ausleihen: Strandrollstuhl mit elektrischem Antrieb (Foto: Rafaela Bertels)

Bereits jetzt hätten auch schon Familien angefragt, ob sie das Fahrzeug nutzen könnten, sagt Rauhut. Besondere Touren plant das Besucherzentrum zwar nicht, steht aber mit Rat und Tat zur Seite. Von dem Wattmobil ist man dort so überzeugt, dass bei entsprechender Nachfrage auch ein zweites vorstellbar ist. Denn dem Einsatz sind kaum Grenzen gesetzt. „Theoretisch kann man sogar mit dem Wagen bis zur Insel Neuwerk gehen“, sagt Rauhut. Dann aber müsse jemand schon ausdauernd sein und auch den Priel überwinden, der sich auf dem Weg befindet.

ROLLINGPLANET freut sich, dass es jetzt so ein Wattmobil in Cuxhaven-Sahlenburg gibt. Wir wollen nicht maßlos sein: Aber noch schöner wäre es, wenn man sich als Rollstuhlfahrer auch ohne Helfer durch den Sand wühlen könnte – so wie in Miami, wo ROLLINGPLANET-Userin Rafaela Bertels und ihr Freund einen E-Strandrollstuhl entdeckten.

(dapd)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

2 Kommentare

  • Angie Ju

    Das gibt’s aber auch besser – z.B. auf Fanö (DK) oder auch Juist. Für einen watttauglichen E-Rolli muss man nicht nach Miami …, s. google 🙂

    30. Juni 2012 at 23:33
  • Peter B.

    Richtig coole Sache! Mit dieser „Schubkarre“ würde ich auch gerne mal über die Strände cruisen! 🙂
    Schöner Beitrag.

    27. Juni 2016 at 14:02

KOMMENTAR SCHREIBEN