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Die erschreckende Bilanz der Behindertenwerkstätten

Wer einmal drin ist, hat kaum Aussichten auf einen regulären Job – pro Jahr schaffen nur 0,02 Prozent der Betroffenen den Aus- und Einstieg.

Mitarbeiter einer Behindertenwerkstatt der Diakonie Mitteldeutschland fertigen in Halle (Sachsen-Anhalt) Aufsteller für Plakate. (Foto: Sebastian Willnow/dpa)

Mitarbeiter einer Behindertenwerkstatt der Diakonie Mitteldeutschland fertigen in Halle (Sachsen-Anhalt) Aufsteller für Plakate. (Foto: Sebastian Willnow/dpa)

Vor zwei Wochen attackierte der CDU-Bundestagsabgeordnete und ehemalige Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Hubert Hüppe das System Behindertenwerkstätten (ROLLINGPLANET berichtete). Über eine halbe Milliarde Euro zahle die Bundesagentur für Arbeit jährlich, die in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) „versickert“.

Hüppe: „Aus der letzten Studie, die aus dem Jahr 2008 stammt, geht hervor, dass in den Jahren 2002 bis 2006 im Jahresdurchschnitt nur 0,16 Prozent der Werkstattbeschäftigten auf den ersten Arbeitsmarkt gewechselt haben. Da kann man sicherlich nicht von Erfolg sprechen, und ich frage mich, wo die Erfolgskontrolle bleibt.“

Menschen mit Behinderung gelingt nur äußerst selten der Sprung aus einer speziellen Werkstatt auf den normalen Arbeitsmarkt. Aktuelle Zahlen belegen, dass die von Hüppe genannte Quote inzwischen noch geringer ist – um genau zu sein: Sie liegt acht Mal niedriger als in der Vergangenheit. Nur 0,02 Prozent der Betroffenen wechseln pro Jahr in einen regulären Job, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken hervorgeht. Bezogen auf das Jahr 2015 wären das 56 Personen gewesen.

Die Linke fordert genaue Betrachtung der WfbM

Im Jahr 2015 waren demnach 281.512 Menschen mit Behinderung zur Arbeits- und Berufsförderung in den Werkstätten tätig. 2012 arbeiteten dort erst 268.111. Werkstätten bieten schwerbehinderten Menschen einen Schutzraum (so argumentieren die Befürworter der Einrichtungen) – doch der Lohn ist karg. Die Betroffenen verdienen im Schnitt 179,83 Euro pro Monat. Der Verdienst änderte sich über die vergangenen Jahre kaum. Seit 2011 schwankte er zwischen 179,65 und 185,58 Euro.

Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann (Foto: Die Linke)

Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann (Foto: Die Linke)

Die linke Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann, die die Anfrage gestellt hatte, kritisierte die Beschäftigungssituation als völlig unbefriedigend. Die Werkstätten müssten einer genauen Betrachtung unterzogen werden.

„Viele Menschen mit Behinderungen arbeiten dort ganz normal und bringen ihre Leistung, werden aber nur mit einer Art Taschengeld ,entlohnt‘, obwohl sie für teils namhafte Auftraggeber wichtige Produkte herstellen.“

Bemerkenswert: Zahlen über das Auftragsvolumen der WfbM in Deutschland liegen der Bundesregierung nicht vor.

Dass nur ein paar Dutzend Beschäftigte jedes Jahr für den allgemeinen Arbeitsmarkt geeignet sein sollen, sei wenig überzeugend, so Zimmernann. Dies liege aber auch daran, dass die Arbeitgeber nur wenige Menschen mit Behinderungen einstellten. Nicht akzeptabel sei es, Menschen mit Behinderungen in Werkstätten den Mindestlohn pauschal vorzuenthalten.

Wird es nun mit dem BTHG besser?

In der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen sind bei einem Organisationsgrad von 93 Prozent derzeit 680 Hauptwerkstätten mit 2759 Betriebsstätten zusammengeschlossen.

Mit dem Bundesteilhabegesetz (BTHG), das die Koalition vergangenen Dezember nach fast einem Jahrzehnt langen Vorbereitungen verabschiedet hatte, wurde die Rechtslage für Behinderte neu geordnet. Für dauerhaft voll erwerbsgeminderte Menschen mit Behinderungen sollten dabei die Weichen für mehr Wahlmöglichkeiten gestellt werden.

So werden die Beschäftigungsangebote der Werkstätten durch die Zulassung anderer Anbieter und die Einführung eines „Budgets für Arbeit“ ergänzt. Für Beschäftigte in Werkstätten für behinderte Menschen wurde das zusätzlich zum Werkstattentgelt zu zahlende Arbeitsförderungsgeld zudem von monatlich 26 auf 52 Euro erhöht. Kritiker warfen der Koalition unzureichende Schritte vor.

(RP/mit Materialien von dpa)

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6 Kommentare

  • Sabine Schaetzle

    Und der Verdienst ist bei Vollzeit ca. 190.- € im MONAT!

    13. April 2017 at 12:13
  • Timo Ewald

    Es wird ja leider nicht als Arbeit angesehen sondern als Beschäftigung – so wie zum Beispiel Berufsvorbereitende Maßnahmen. Das muss dringend geändert werden.

    13. April 2017 at 12:18
  • Timo Ewald

    Mich wollten sie (Jobcenter, Agentur, etc) in die Werkstatt stecken. War einen Tag da, bin überqualifiziert. Jetzt beziehe ich Grundsicherung und sitze dumm zuhause rum… Integration gleich null würde ich mal sagen. Das die Menschen nicht vermittelt werden ist irgendwie klar oder? Die verdienen ihr Geld mit der Beschäftigung nicht mit der Vermittlung und von einer Werkstatt auf den ersten Arbeitsmarkt zu kommen ist glaube ich nur in ganz wenigen Fällen möglich.

    13. April 2017 at 12:23
  • Norbert Voigt

    Leider habe ich es zum größten Teil auch erlebt. Sehr wenige ehemaligen Kollegin und Kollegen haben es geschafft, außerhalb der Werkstatt einen Arbeitsplatz zu finden. Ein Gruppenleiter hat selber gesagt, Mitarbeiter müssen wir behalten, damit man in der Werkstatt einen Gewinn erzielen können. Somit wurden starke Mitarbeiter in der Werkstatt, dazu gebraucht.

    13. April 2017 at 12:50
  • Andreas Lindlar

    Schlecht reden ist hier notwendig ansonsten bleibt es wie gehabt. Das Maul halten solte langsam vorbei sein.

    13. April 2017 at 16:30
  • Sabine Schaetzle

    Nein. In vielen Werkstätten mit o.g. Gehalt wird für am Weltmarkt befindliche Markenprodukte ganz normal montiert o. geprüft. o. hergestellt. Die haben sogar Sollziele und Mindestanforderungen zu erfüllen.

    13. April 2017 at 21:52

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