Die „fast barrierefreie“ Übertragung – Public Viewing der anderen Art

Beim 2:0 der Deutschen gegen Ukraine haben auch Menschen mit Behinderung gewonnen – jedenfalls in Düsseldorf, Hamburg und München. Von Matthias Endlicher

Bastian Schweinsteiger (l.) kam in der 90. Minute ins Spiel und schoss 180 Sekunden später das 2:0 für Deutschland, rechts Jerome Boateng (Foto: Christian Charisius/dpa)

Bastian Schweinsteiger (l.) kam in der 90. Minute ins Spiel und schoss 180 Sekunden später das 2:0 für Deutschland, rechts Jerome Boateng (Foto: Christian Charisius/dpa)

1:0 für Deutschland – Sebastian Schäfer springt auf, klatscht und bejubelt den Führungstreffer gegen die Ukraine. Dabei hat der 31-Jährige das Tor nicht gesehen, denn er ist seit seiner Kindheit blind.

Aber das Public Viewing am Sonntag im Münchner Olympiapark begeistert auch Menschen mit Handicap. Denn die Aktion Mensch hat erstmals für eine „fast barrierefreie“ Übertragung gesorgt, erläutert May-Lin Torwegge von der Aktion Mensch: Es gibt zwei Blindenreporter, die das Spiel live schildern, zwei Dolmetscherinnen für Gebärdensprache und extra Sicht-Plätze sowie eine spezielle Toilette für Menschen im Rollstuhl. In Düsseldorf, Hamburg und München können Seh-Behinderte und Gehörlose so bei jedem Spiel der deutschen Mannschaft mitfiebern, solange diese im Turnier ist (ROLLINGPLANET berichtete – hier gibt es auch Details zu den Public-Viewing-Terminen in den genannten Städten).

„Ich wusste gar nicht, dass es heute Dolmetscher gibt“, sagt Igor Weber, der regelmäßig zum Public Viewing und ins Stadion geht. Der 22 Jahre alte Gehörlose im Deutschland-Trikot beobachtet abwechselnd die große Leinwand und Anne Göppert, die den Lärm des Stadions und den Live-Kommentar mit den Gebärden und Mimik der Gebärdensprache sichtbar macht. „Das ist schon ganz anders, als beim Arztbesuch zu übersetzen“, sagt die 34 Jahre alte Dolmetscherin. „Ich habe gestern vor dem Fernseher noch einmal trainiert.“

„Wir reden sehr, sehr viel“

„So kannst du halt in Echtzeit jubeln“, sagt Manuel Beck, 29 Jahre, der mit Schäfer gemeinsam in der Würzburger Blinden-Fußballmannschaft kickt. Die beiden Seh-Behinderten sitzen mit Kopfhörern und einem drahtlosen Empfänger in der Tasche inmitten von hunderten Fans auf der Wiese im Münchner Olympiapark.

Im Ohr haben sie die Live-Schilderung des Spiels von Mario Harter. „Wir reden sehr, sehr viel“, erklärt der 28 Jahre alte Sportjournalist, der an diesem Abend ehrenamtlich als Blindenreporter im Einsatz ist. „Das muss sein wie die Übertragung im Radio, da musst Du alles was Du siehst erzählen.“ Die Blindenreporter gibt es in deutschen Stadien seit 2006, nur bei Public Viewings sind sie bisher kaum anzutreffen. 20.000 Euro kostet die Ausrüstung, die aus Richtfunk-Mikrofonen, Sendern und Empfängern besteht; an diesem Abend ist sie extra ausgeliehen.

Inklusiv statt exklusiv

„Ohne die Reporter müssten wir immer wen nerven. Und wir wissen nicht ob das Spiel gut oder schlecht ist, weil wir ja nur die Stimmung im Stadion hören“, erklärt Schäfer. Selbst steht der Jurist regelmäßig in der Bundesliga für Blindenfußball auf dem Platz: Fünf gegen Fünf auf einem Kleinfeld mit Bande, der Torwart spielt ohne Handicap. Jeweils ein Guide steht hinter dem Tor und gibt den Spielern mit lauten Rufen die Richtung vor. Auch in den Ball sind kleine Rasseln eingebaut. Neun Mannschaften spielen derzeit im Turnier-Modus um den Meistertitel.

Den Sieg an diesem Abend trägt die deutsche Mannschaft davon – aber nach Ansicht von May-Lin Torwegge haben alle gewonnen, die heute „inklusiv“ statt „exklusiv“ dabei waren.

(dpa)

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