Die Frau, die mit den Schwänzen redet

Milka Reich (Pseudonym) nennt sich Berührerin. Zu ihren Kunden gehören auch Menschen mit Behinderung.

Hände überall: Startillustration auf der Webseite der Berührerin.

Hände überall: Startillustration auf der Webseite der Berührerin.

Milka Reich bietet seit zehn Jahren in einem Ladengeschäft in Berlin-Kreuzberg Berührungen als Dienstleistung an. Das Besondere: Sie ist Künstlerin und Synästhetikerin und hat eine besondere Körperwahrnehmung. Vermutlich deshalb hat sie dieses Talent, das sie in einem Interview mit der taz so erklärt. „Wenn Erregung entsteht, schaue ich, was ich damit mache. Tatsächlich spreche ich mit Schwänzen. Schwänze sind ganz spannende Organe. Man sieht ihnen unmittelbar an, wie es ihnen geht. Ich stelle ihnen Fragen, das heißt, ich tippe sie an. Dann zeigen sie sich oder eben nicht. Aber das passiert alles ganz langsam. Auf jeden Fall ist der Schwanz keine tabuisierte Zone, er gehört einfach dazu. Er steht aber auch nicht so im Mittelpunkt, wie das im Rotlichtmilieu der Fall ist“, betont Reich, dass sie keine Prostituierte ist.

Synästhesie bezeichnet wissenschaftlich die Kopplung zweier oder mehrerer physisch getrennter Bereiche der Wahrnehmung, etwa Farbe und Temperatur. Konkret bedeutet dies bei Reich: „Wochentage hatten für mich immer feste Farben. Der Montag hat ein herrliches Orange. Außerdem machen Pflanzen Geräusche. Gladiolen zum Beispiel läuten. Als Kind hat mich das isoliert: Ich war in meiner Parallelwelt mit Farben und Klängen.“

Kein Sex, aber berührende Begleitung

Über Menschen mit Behinderung erzählt Reich: „Man sieht immer die Behinderung und nicht das sexuelle Wesen. Da kommt ein Mensch, der hat den Körper eines Kindes, aber die Bedürfnisse eines Mannes. Oder ein Heim rief mich an, weil sie einen Bewohner haben, der sich manisch selbst befriedigt. Der war Mitte 20 – wo soll der hin mit seiner Energie? Nach der Sitzung war er so gelöst, dass die Betreuer meinten, ich müsse jede Woche kommen. Aber das kann er sich nicht leisten.“

Für Personen, die nicht zu ihr kommen können, berechnet sie 120 Euro für 1,5 Stunden sowie 20 Euro Anfahrtspauschale innerhalb Berlins. Auf ihrer Webseite erläutert die Berührerin ihren Service: „Wegen eines Handicaps glaubst Du, auf körperliche Nähe verzichten zu müssen? Dein Körper entspricht nicht gerade einem Schönheitsideal? Deine Behinderung erschwert den Aufbau enger Beziehungen? Ich biete Dir Berührungen und körperliche Nähe an.“ Dabei gehe es nicht um eine Sexualtherapie, sondern um „behutsame, berührende Begleitung und liebevolle Präsenz. Dies ist nichts Neues: In der Schweiz zum Beispiel sind Berührerinnen und Berührer für Menschen mit Behinderungen schon lange ein fester Begriff und als Beruf anerkannt.“

Ausführliches Interview: „Mir geht es nicht um Orgasmen“ (taz)

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