""

Die Rache der Verschmähten – Säureattacken in Südasien

Die Flüssigkeit ätzt in Sekunden Haut und Augen weg, zeichnet die Opfer für immer. Viele verstecken sich. Doch manche kämpfen. Von Doreen Fiedler

Shanaz Begum, Opfer eines Säureattentats, sitzt in der Wohnung ihrer Schwester in einer Armensiedlung in Kolkata, Indien. Sie ist seit dem Attentat vor 14 Jahren blind und kann ihren Kopf nicht mehr drehen. (Foto: Doreen Fiedler/dpa)

Shanaz Begum, Opfer eines Säureattentats, sitzt in der Wohnung ihrer Schwester in einer Armensiedlung in Kolkata, Indien. Sie ist seit dem Attentat vor 14 Jahren blind und kann ihren Kopf nicht mehr drehen. (Foto: Doreen Fiedler/dpa)

Shanaz Begum sitzt regungslos in einem dunklen Zimmer, irgendwo tief in einer Armensiedlung im indischen Kolkata. Sie kann ihren Kopf nicht drehen, denn die Haut aus dem Gesicht ist heruntergelaufen und mit den Brustkorb verwachsen.

Sie kann nichts sehen, denn die Säure hat ihre Augen verätzt. Die Narben auf der Schulter schmerzen, wo die Ärzte Haut vom Oberschenkel hin verpflanzt haben. Seit 14 Jahren lebt Begum so, seit 14 Jahren geht sie nicht mehr aus dem Haus. „Seit damals ist mein Leben verpfuscht“, sagt sie.

Ihr Vergehen: Sie fragte ihren Ehemann, einen Trunkenbold, zu oft nach Geld, damit sie Essen für die drei Kinder kaufen kann. Als Rache schleuderte er ihr eines Morgens eine Flasche Säure ins Gesicht. Dann rannte er für immer davon.

„Wenn ich wenigstens ein Auge hätte“

Seitdem kümmert sich Begums alte, fragile Mutter um sie, hilft der 40-Jährigen beim Waschen, Toilettengang, kocht und putzt. „Wenn ich wenigstens ein Auge hätte, dann könnte ich arbeiten und meine Kinder versorgen“, sagt Begum verzweifelt.

Es ist kein Einzelschicksal. Hunderte Frauen würden allein in Indien jedes Jahr auf diese brutale Weise entstellt, schätzt Avijit Kumar von der Stiftung für Säure-Überlebende in Indien (ASFI). „Und die Gefahr wächst weiter.“

Nicht nur in Asien, auch in vielen anderen Ländern sind Säureattacken ein Problem: Hier die  heute 30-jährige Viviana Hernández, die in Kolumbien vor fünf Jahren Opfer wurde (Foto MIRA)

Nicht nur in Asien, auch in vielen anderen Ländern sind Säureattacken ein Problem: Hier die heute 30-jährige Viviana Hernández, die in Kolumbien vor fünf Jahren Opfer wurde (Foto MIRA)

Verlässliche Zahlen gibt es allerdings nicht, denn die Opfer – meist Frauen – verstecken sich aus Scham oft vor der Gesellschaft, bringen die Tat nie zur Anzeige. Und erst seit Februar erfasst die indische Polizei die Taten überhaupt gesondert.

Wenn Männer ein „Nein“ nicht ertragen

„In den meisten Fällen ist das Motiv Rache“, erklärt Kumar. „Das aufgeblähte Ego der Männer, die von Kindesbeinen an als das bessere Geschlecht gelten und verhätschelt werden, verträgt es nicht, wenn eine Frau ,Nein‘ zu ihnen sagt.“

Wenn sie einen Heiratsantrag ablehnt, keine Mitgift mitbringt oder sich sonst widersetzt, griffen die Männer zu der heimtückischen Waffe, die sich innerhalb von Sekunden durch Haut und Gewebe bis auf den Knochen durchfrisst.

Die Organisation kämpft unter anderem für Entschädigungszahlungen und Schönheitsoperationen, die der Staat tragen soll. Immerhin: Nach der tödlichen Gruppenvergewaltigung einer Studentin im Dezember 2012 wurden zahlreiche Gesetze verschärft, darunter auch für Säure-Attentäter. Sie müssen jetzt mindestens zehn Jahre hinter Gitter.

In Indien ist die Säure für wenige Cent erhältlich

Im Nachbarland Bangladesch, wo die Organisation in den vergangenen 13 Jahren mehr als 3000 Fälle registrierte, hat die Regierung viel härter durchgegriffen. Seit 2002 droht Angreifern dort die Höchststrafe: der Tod. Außerdem wurde in Schulen und Hochschulen massiv über das Problem aufgeklärt. Die Zahlen sinken seitdem.

Auch darf die ätzende Flüssigkeit – oft Schwefel- oder Salzsäure – in Bangladesch nur noch mit Lizenz gekauft werden. Das ist in Indien anders: Als beliebtes Putzmittel gegen Rost ist sie in Haushaltsgeschäften überall im Land für wenige Cent zu haben.

Das höchste Gericht des Landes beauftragte die Regierung zwar, den Verkauf einzuschränken – doch bislang ist das nicht passiert. „Jeder kann eine Flasche mitnehmen und mit Säure um sich werfen“, sagt ASFI-Direktor Rahul Varma verbittert.

Einige Überlebende zeigen Gesicht

„Die meisten Opfer isolieren sich, denn sie sehen so schrecklich aus, dass sie eine Sensation sind. Wenn sie rausgehen, steht der Verkehr still, weil jeder sie anstarrt“, sagt Varma. Doch einige Überlebende zeigen jetzt Gesicht.

Sonali Mukherjee ist seit dem Attentat blind und hört nur noch schlecht (Foto: The Hindu)

Sonali Mukherjee ist seit dem Attentat blind und hört nur noch schlecht (Foto: The Hindu)

Sonali Mukherjee etwa trat in der indischen Version von „Wer wird Millionär?“ an und gewann vor einem Millionenpublikum Geld für ihre Operationen. Laxmi kämpft vor Gericht für schärfere Gesetze. Haseena machte einen Computerkurs für Sehbehinderte und arbeitet jetzt in einem Fliegerhorst.

Auch aus Pakistan gibt es positive Meldungen. Säureattacken werden dort seit 2011 als Akt gegen den Staat gewertet – in der jüngsten Entscheidung habe ein Gericht den Täter zu 42 Jahren Haft verurteilt, erklärt die dortige Stiftung für Säure-Überlebende. Auch gebe es endlich ein von der Regierung mitfinanziertes Rehabilitationszentrum. „Die Situation ist besser, aber noch immer unbefriedigend“, erklärt Geschäftsführer Mohammad Khan.

Eine Dokumentation rüttelt auf

Die Regisseurin Sharmeen Obaid-Chinoy (Foto: gl)

Die Regisseurin Sharmeen Obaid-Chinoy (Foto: gl)

Ein Schlaglicht auf den Kampf der Opfer warf der Oskar-gekrönte Dokumentarfilm „Saving Face“ (2012) der Pakistanerin Sharmeen Obaid-Chinoy. Nach der Veröffentlichung stellten sich viele Menschen dem Problem und fingen endlich an, über das schwierige Thema zu diskutieren, sagte Obaid-Chinoy auf einem Literaturfestival im indischen Jaipur.

Doch noch immer seien viele Männer in Südasien überzeugt, über das Leben von Frauen bestimmen zu können. „Und so lange dieses Denken existiert, werden Männer ihre Frustration an Frauen auslassen.“

(dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN