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Die renitenten Rentner von Pankow

Sieben Ruheständler halten seit einer Woche in Berlin ein Haus – in dem einst DDR-Stasichef Erich Mielke lebte – besetzt, weil aus Kostengründen eine Seniorenfreizeitstätte aufgegeben werden soll. Von Maren Hennemuth, Eileen Splitt (Text) und Paul Zinken (Fotos)

Vier von sieben Rentnern, die das Haus in Pankow seit einer Woche besetzen.

Wegen des frühen Ruhestandes sind sie hier. Die plötzliche Arbeitslosigkeit nach der Wende hat sie zusammengeführt. „Weil wir doch irgendwas mit unserer Zeit anfangen mussten“, sagt Doris Syrbe. Zahlreiche Betriebe im Osten Berlins wurden geschlossen, viele Menschen saßen auf der Straße, neue Arbeit fanden etliche von ihnen nicht.

So traf in Berlin-Pankow eine kleine Gruppe von Frührentnern aufeinander, die sich dazu entschloss, die neu gewonnene Freizeit gemeinsam zu gestalten. Und irgendwann versammelten sie sich in der Seniorenbegegnungsstätte in der Stillen Straße am geschichtsträchtigen Majakowskiring in Pankow. Das kleine alte Haus wurde ein bisschen auch zu einem Lebensmittelpunkt für Doris Zyrbe und Brigitte Klotsche. Doch damit soll jetzt Schluss sein, deswegen haben die beiden Frauen und fünf andere Senioren das Haus kurzerhand besetzt.

Um dieses Haus geht es: In dem Gebäude ist ein Seniorenklub untergebracht, der nach Willen der Bezirksverwaltung in andere Räumlichkeiten umziehen soll.

Denn das Bezirksamt Pankow möchte die Stätte aufgeben. Die Bezirksverordnetenversammlung beschloss Anfang des Jahres, dass im Haushalt kein Geld für die umfangreiche Sanierung der Begegnungsstätte sei. Für geschätzte 2,5 Millionen Euro müsste es umgebaut werden, sagt Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne).

Neuere Brandschutzmaßnahmen fehlen, das Haus ist nicht barrierefrei. „Haushaltssouverän ist die Bezirksverordnetenversammlung“, sagt Kirchner entschuldigend. Der Bezirk sei chronisch klamm, 29 Millionen Euro Schulden habe man sowieso schon. Ohnehin solle nur die Einrichtung in der Stillen Straße aufgegeben werden, die Angebote für die Senioren in andere Gebäude des Bezirks verlegt werden.

„Demenzgruppe wird in der Friedenskirche Weißensee fortgesetzt“ heißt es auf einem der vielen Zettel an der Wand drinnen in dem umkämpften Haus. Bridge haben sie hier gespielt, in Handarbeitsgruppen gewerkelt, Gymnastik gemacht und Englisch gelernt. Jeden ersten Donnerstag im Monat traf sich die Gesangsgruppe, an jedem dritten wurde gemeinsam das Gedächtnis trainiert.

Campen auf unbequemen Matratzen

Doch seit 1. Juli sind die Kursangebote offiziell eingestellt. „Wir haben uns gedacht, wenn wir nach unserem letzten Treffen die Einrichtung Ende Juni zumachen, kommen wir nicht mehr rein“, sagt Doris Syrbe und schüttelt energisch den Kopf mit den rötlich-braunen Haaren. Also besetzten sie das Haus und harren seit einer Woche darin aus.

Die Gruppenräume funktionierten sie zu Schlaf- und Wohnräumen um. „In jedem Zimmer schläft einer von uns, wir haben sonst Angst, dass vielleicht einer durchs Fenster steigt“, erzählt die 73-jährige Brigitte Klotsche. Die Solidarität finde sie wirklich überwältigend, sagt sie. „Jugendliche haben uns Kuchen vorbei gebracht“, fügt Syrbe begeistert hinzu. Damit habe sie nun wirklich nicht gerechnet.

Doris Syrbe (71) auf ihter Campingliege.

„Ihr braucht große Plakate haben sie uns gesagt und uns welche gemalt“, berichtet Klotsche. Auf dem weißen Transparent draußen am Gartenzaun steht in roter Schrift „Dieses Haus ist besetzt“. Es sticht schon von weitem ins Auge. Genau wie das kleine Haus der Seniorenbegegnungsstätte passt es nicht so recht in die Gegend. Neubauten im Bauhausstil säumen die Stille Straße, schicke Stadtvillen sind neu am Majakowskiring entstanden.

Es ist ein Stück deutscher Geschichte, das in dem Haus steckt. Stasichef Erich Mielke habe hier in den 1950ern gelebt, 1971 sei es zum Dienstobjekt des Ministeriums für Staatssicherheit geworden, erzählen die Besetzer. Erst ab 1998 wurde es zum Seniorenfreizeittreff.

Im Gruppenraum, in das sich die beiden älteren Damen gerade zurückgezogen haben, riecht es nach Äpfeln und Schnittblumen. Von dem Chaos, das herrscht, wenn junge Leute etwas besetzen, ist nichts zu sehen. Auf dem Tisch steht ein Teller mit selbst gebackenem Marmorkuchen. An der in hellem Gelb gestrichenen Wand hängen Aquarelle. Durch das weit geöffnete Fenster dröhnt gefühlt alle zehn Minuten das Geräusch einer tieffliegenden Passagiermaschine. Das Viertel liegt in der Einflugschneise des Flughafens Tegel.

Schlüssel nicht heraus gerückt

An die Fensterrahmen hat Brigitte Klotsche ihre Matratze gelehnt. Sie campiert gemeinsam mit ihrem Mann in dem Gruppenraum. Über einem kargen Lattenrost aus Holz hängen zwei große, grüne Schlafsäcke. „Das Übernachten ist schon sehr gewöhnungsbedürftig“, sagt die Frau. Aber aufgeben, so viel ist klar, werde man nicht. Gestern sei die Bezirksstadträtin in das Haus gekommen und habe den Schlüssel verlangt, berichtet Syrbe. „Doch den habe ich schön in der Tasche behalten“, fügt sie schmunzelnd hinzu.

Die 73-Jährige sieht so gar nicht wie eine typische Hausbesetzerin aus. Die Haare sind ordentlich frisiert, die müden Augen ziert mintgrüner Lidschatten, um den Hals hängt eine dünne Goldkette. „Jetzt werden wir langsam wütend“, sagt sie – adressiert an die Stadträtin. „Juristisch belehrt hat sie uns und ansonsten keine Miene verzogen.“

In der Küche nebenan sind zwei Hausbesetzerinnen gerade dabei, das Mittagessen zuzubereiten. Es gibt Salat und Hühnereintopf mit Nudeln. „Wir achten sehr auf gesundes Essen und Vitamine, damit wir die Hausbesetzung durchhalten“, erzählt Klotsche. Denn soviel sei klar, aufgeben werde man auf keinen Fall, sagt sie kämpferisch: „Wir sind bereit, das Risiko einer Räumung einzugehen.“

(dapd)

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