Die sieben Leben der Simone P.

Wie es dazu kam, dass die Sterbebegleiterin Simone Plaschke einen der interessantesten Blogs über das Leben mit Multipler Sklerose betreibt und Bücher schreibt. Von Lothar Epe

Professionelle Sterbebegleiterin mit MS: Simone Plaschke

Professionelle Sterbebegleiterin mit MS: Simone Plaschke (Foto: privat)

200.

Zweihundert Texte in etwas mehr als 3 Jahren.

Irgendwie wollte ich einen feierlicheren, strahlenderen Zweihunderter zaubern. In dem ich Menschen danke, Liebeserklärungen mache, die Buchstaben vor Kitsch nur so triefen und so fort.

Das, was Du gleich liest, ist relativ unzauberhaft.

Ich befinde mich nach wie vor in einer totalen Müdigkeit, bin matt, wie hinter Milchglas mit ein bisschen Watte drumherum.

Meine Gesichtsnerven können sich nicht entscheiden, ob sie brennen, taub sein oder penetrant reißen und hämmern sollen. Das macht so müde. Das macht so matt.

Traurig auch.

Vielleicht ist genau das der Sinn meiner persönlichen 200. Denn durch die und mit der MS startete dieser Blog. Sie war der Auslöser, dass ich begann, mir vieles von der Seele zu schreiben. Angeschubst von außen, dass ich eventuell andere erreichen könnte, die ebenso fühlen. Wenn auch ganz anders. Trotzdem eben ebenso.

Gehörst Du auch zu den Melancholie-Silvester-Erlebern? Oder bist Du so ein Feiertierchen? Oder beides? Bei mir überwog schon immer die Melancholie. Silvester war noch nie meins, weil’s Silvester ist.

Ich sah das als normale Nacht an. Ja, guuut…lauter als sonst, überall knallt es, es glitzert und die Straßen sind neblig vom Feuerwerk und der Krachmacherei. Die Menschen drehen im besten Falle am Rad und im schlimmsten einfach durch. Deshalb nutzte ich diese Nacht, als ich noch jünger war, zum Arsch aus der Hose feiern.

Augen zu, Ohren auf, Füße einfach machen lassen.

Das würde ich mal wieder gerne tun. Ja, vielleicht ist das sogar der einzige feste Vorsatz für dieses Jahr: Silvester tanzend verbringen. Trotz oder gerade wegen der Melancholie, die mich betrunken macht, die, so schätze ich, diesmal ein wenig zu lange anhält, die sich vernetzt und verheddert mit Umständen, die auch mit ihr zu tun haben – aber nicht mit Silvester.

Entfrickelt und geordnet kann das Netz so bald wie möglich irgendwo rumhängen. Da bleibt’s dann, denn Silvester möchte ich tanzen.

Mindestens zweihundert Minuten lang.

Hallo 2016.

Simone Plaschke

Ein Novembertag 2014 in einem kleinen Dorf vor den Toren Hamburgs. Für die Jahreszeit ist es ungewöhnlich warm, um die 15 Grad. Doch während draußen die Sonne scheint, leidet Simone Plaschke. Schon seit Wochen peitscht ihr die Trigeminusneuralgie, ein bei Multipler Sklerose häufig auftretendes Symptom, immer wieder blitzartige Schmerzen ins Gesicht. Gerade ist es wieder besonders schlimm, geradezu unerträglich. Zum ersten Mal seit ihrer gesicherten MS-Diagnose im Jahr 2012 nimmt die Bloggerin die volle Dosis, so wie vom Arzt schon vor langem verordnet. Was hilft: Schmerzmittel. Und Schreiben, natürlich.

„2012 habe ich hin und wieder etwas über mich und meine Multiple Sklerose auf Facebook veröffentlicht. Bis eine Bekannte mir empfohlen hat, ich solle unbedingt schreiben.“ So sei ihr Blog entstanden. „Seitdem ist das Schreiben für mich ein Ventil“, erzählt Plaschke ROLLINGPLANET. Einen Plan und festen Rhythmus hat sie dafür nicht: „Das passiert in bestimmten Situationen und emotionalen Lagen. Meine Gedanken sind da schneller als mein Mundwerk, das muss dann raus“. Ein weiterer Vorteil des regelmäßigen Schreibens: „Dadurch entstehen tolle Kontakte und Freundschaften“.

„Meine Gedanken sind da schneller als mein Mundwerk“

Weit weniger spontan, aber mindestens genauso leidenschaftlich übt Plaschke ihren Beruf aus. Sie arbeitet im psychosozialen Dienst eines Pflegeheimes als „Sterbe- und Lebensamme“. „Dort begleite ich Sterbende und ihre Angehörigen, bilde Mitarbeiter und Ehrenamtliche aus, leiste Unterstützung und stehe in Krisen zur Seite“, erläutert die Bloggerin.

Sie sei dann einfach nur da, wenn es irgendwo brenne, ergänzt die auch zur Tierheilpraktikerin ausgebildete 33-jährige. Ursprünglich kommt die Sterbebegleiterin aus der Pflege. „Wegen der Multiplen Sklerose konnte ich da aber nicht mehr arbeiten.“ Warum sie sich ausgerechnet für den Beruf der Sterbe- und Lebensamme entschieden habe, erklärt die Bloggerin indes so:„Ich kann mir keine erfüllendere und wertvollere Arbeit vorstellen. Das ist mein Traumberuf“.

Simone Plaschke: „‚Tierisch‘ betrachtet sind Hunde heute  mein größtes Glück.“

Simone Plaschke: „‚Tierisch‘ betrachtet sind Hunde heute mein größtes Glück.“ (Foto: privat)

Von einigen Leidenschaften hat sich die MS-Betroffene bereits trennen müssen. Andere sind ihr geblieben. „In der Natur sein, schreiben, lesen, fotografieren und Musik gehören zu meinen Lieblingsbeschäftigungen“, erklärt Plaschke. Besonders schwer sei ihr der Abschied vom Reiten gefallen. Das habe sie wegen der fortschreitenden Krankheit aufgeben müssen, fügt die Bloggerin bedauernd hinzu. „Tierisch“ betrachtet seien heute ihre Hunde ihr größtes Glück.

Besonders schwer: der Abschied vom Reiten

Doch wenn die eine Leidenschaft geht, kommt eine andere um die Ecke – Plaschke schreibt inzwischen Bücher: „Bisher habe ich fünf E-Books veröffentlicht. Vier davon sind das Ergebnis meines Blogs“, erläutert die ledige 33-Jährige. Das verbliebene sei ein Kinderbuch geworden. Ihr Traum: Irgendwann einmal ein „richtiges“ Buch zu schreiben und dann in den eigenen Händen zu halten. „Das müsste sich ziemlich gut anfühlen“, vermutet Plaschke.

Ihr absolutes Lieblingsprojekt ist indes bereits verwirklicht – ein Mehrgenerationenhaus im Norden: „Meine Eltern und ich konnten dort bereits im Dezember 2015 einziehen,“ schwärmt die Bloggerin und zeigt sich nicht nur deshalb besonders mit den Verlauf von 2015 besonders zufrieden: „So viele vierblättrige Kleeblätter wie im vergangenen Jahr habe ich noch nie gefunden“.

Meine 7 Leben
Allein in Deutschland leben nach Hochrechnungen der Deutschen Gesellschaft für Multiple Sklerose e. V. (DGMS) circa 130.000 Menschen mit MS – eine von ihnen ist Simon Plaschke. Nach neueren Zahlen des Bundesversicherungsamtes könnten jedoch deutlich mehr Menschen davon betroffen sein. Weltweit geht man von einer Zahl von etwa 2,5 Millionen Patienten mit Multipler Sklerose aus. Man nennt die MS auch „die Krankheit der 1000 Gesichter“.
Auch weil man dem beliebten Haustier nachsagt, es hätte sieben Leben, vergleicht sich Simone Plaschke gerne mit einer Katze. „Alles eine Kopfsache“, ist die MS-Bloggerin überzeugt. Darüber schreibt sie in ihrem Blog: meine7leben

(RP)

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